Vor 12, 25 und 38 Jahren: Kieler Wahlnächte sind lang

21.04.2017

In einer Serie blickt die Zeitschrift "Der Landtag" ins Archiv und spürt nach, was den Landtag in vergangenen Zeiten beschäftigt hat. Diesmal geht es um drei Wahlabende, an denen das Ergebnis erst spät in der Nacht feststand. Der Artikel aus der Zeitschrift:


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Schafften keine Mehrheit gegen die CDU: (v. l.) Baldur Springmann (Grüne Liste), Uwe Ronneburger (FDP), Klaus Matthiesen (SPD), Karl Otto Meyer (SSW).

1979

Der SPD fehlen 1.169 Stimmen

Am 29. April 1979 spielt sich im Landeshaus ein „Wahlkrimi“ ab, „der selbst einen Hitchcock noch in den Schatten stellte“. So berichten die „Kieler Nachrichten“ über einen Abend, an dem zwischenzeitlich alle politischen Konstellationen möglich scheinen – ein Sieg der Regierung, ein Machtwechsel oder ein Patt zwischen beiden Lagern. Die Ausgangslage: SPD und FDP gehen gemeinsam ins Rennen, um den seit 1971 mit absoluter Mehrheit regierenden CDU- Ministerpräsidenten Gerhard Stoltenberg abzulösen. Dazu brauchen sie 37 Sitze im 73 Mitglieder starken Parlament.

Um 19:00 Uhr sehen erste Hochrechnungen die Union knapp in Führung. Gegen 20:30 Uhr wendet sich das Blatt. Die Wahlforscher tendieren nun zu einer sozialliberalen Koalition. Allerdings: Die Vorhersagen sind Rechnungen mit mehreren Unbekannten.

Da ist zunächst der SSW. Die von der Fünf-Prozent-Klausel befreite Partei der dänischen Minderheit bangt den ganzen Abend lang um ihr einziges Mandat. Ihr Vormann Karl Otto Meyer durchlebt verschiedene Rollen: Je nach Hochrechnung ist er mal einfaches Landtagsmitglied, mal Ex-Abgeordneter und mal Zünglein an der Waage. Denn zwischenzeitlich ist auch ein Patt möglich. Meyers Stimme gäbe dann den Ausschlag, entweder für Stoltenberg oder aber für dessen SPD-Herausforderer Klaus Matthiesen.

Zudem hat eine neue politische Kraft die Bühne betreten. Die „Grüne Liste“ geht erstmals an den Start, und die Demoskopen trauen ihr den Sprung in den Landtag zu.

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Konnte trotz Verlusten weiter regieren: Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg (CDU).

Nach stundenlangem Hin und Her steht gegen Mitternacht fest: Stoltenberg hat es noch einmal geschafft. Die CDU verliert zwar rund zwei Prozentpunkte, erreicht mit 48,3 Prozent aber die nötigen 37 Mandate. Eine erstarkte SPD, eine geschwächte FDP sowie SSW-Mann Meyer kommen auf 36. Lediglich 1.169 Stimmen fehlen der SPD, um die CDU-Mehrheit zu brechen – bei knapp 1,6 Millionen Wählern. Und: Die CDU hat eine Mehrheit im Landtag, obwohl sie 8.742 Stimmen weniger erringt als die drei anderen Parteien. Das damalige Berechnungsverfahren macht es möglich.

Die Grünen verfehlen mit 2,4 Prozent den Sprung in den Landtag deutlich. Dennoch dominieren sie die Analysen. Die Öko-Partei habe „Wahlkampf ausschließlich gegen die SPD“ betrieben, schimpft deren Fraktionsvorsitzender Matthiesen. Die Umweltbewegung machte Front gegen die Atompläne der Bundesregierung unter SPD-Kanzler Helmut Schmidt. Dadurch seien tausende Stimmen „verschenkt“ worden, die nun für einen Wechsel in Kiel fehlten, meint Matthiesen. Ministerpräsident Stoltenberg macht aber nicht nur enttäuschte SPD-Anhänger unter den Grünen-Wählern aus. „35 bis 40 Prozent“ seien wertkonservative ehemalige CDU- Unterstützer, so Stoltenberg.

 

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Gedämpfte Stimmung im Fernsehstudio: Ottfried Hennig (CDU, 2. v. l.), der Bundestagsabgeordnete Norbert Gansel (SPD, 3. v. l.), Wolfgang Kubicki (FDP, 3. v. r.), Irene Fröhlich (Grüne)

1992

Die Grünen haben 397 Wähler zu wenig

Eine „Sensation um zehn Minuten vor Mitternacht“, wie es in der Presse heißt, kippt am 5. April 1992 das bereits verkündete Wahlergebnis, mit weit reichenden Folgen. Hauptdarsteller des Dramas sind die Grünen – und ein fehlerhaftes Computersystem.

Als Landeswahlleiter Ulrich Mann um 22:00 Uhr das vorläufige amtliche Endergebnis bekannt gibt, scheint die Öko-Partei am Ziel zu sein. Demnach erreichen die Grünen exakt 5,0 Prozent der Stimmen und knacken damit im fünften Anlauf erstmals die Sperrklausel bei einer schleswig-holsteinischen Landtagswahl. Sekt und Rotwein fließen, bis Mann um 23:50 Uhr erneut vor die Presse tritt. Die Computer, so der Spitzenbeamte aus dem Innenministerium, haben das Ergebnis der Grünen fälschlicherweise aufgerundet. Tatsächlich liegen die Umweltaktivisten nicht bei 5,0, sondern bei 4,97 Prozent. Ganze 397 Wähler fehlen zum Einzug ins Parlament.

Zuvor hatte Spitzenkandidatin Irene Fröhlich noch auf einen direkten Durchmarsch in eine rot-grüne Landesregierung gesetzt: „Engholm, wir kommen!“ Nun sitzt der Schock tief. „Mich sollte keiner weinen sehen. Das habe ich durchgehalten“, bekennt die Erzieherin aus Husum.

Am nächsten Tag fragen sich die Spitzen-Grünen, wer denn dem Landeswahlleiter den Tipp gegeben hat, ihr Ergebnis noch einmal zu prüfen. Statt eine erneute Auszählung zu fordern, machen sie dann aber dem Wahlleiter ein Angebot: „Die Grünen akzeptieren die 4,97 Prozent, verzichten im Gegenzug auf einen Parlamentssitz und ziehen nun mit drei Parlamentariern in den Landtag ein“, heißt es in einer Pressemitteilung. Dieser Vorschlag sei als „Satire“ und „Galgenhumor“ zu verstehen.

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Gute Laune trotz Verlusten: Ministerpräsident Björn Engholm (SPD, r.)

Nach dem Aus für die Grünen kann die SPD mit Ministerpräsident Björn Engholm alleine weiter regieren, trotz Verlusten von knapp neun Prozent. Der CDU bleibt mit 33,8 Prozent auf dem niedrigen Niveau der Wahl von 1988, die im Schatten der Barschel-Pfeiffer-Affäre gestanden hatte. Die FDP kehrt in den Landtag zurück. Doch der Wahlabend 1992 wird geprägt von einer weiteren Sensation.

Die rechtsextreme Deutsche Volksunion (DVU) zieht mit sechs Abgeordneten ins Parlament ein. Die Partei des Münchener Unternehmers Gerhard Frey profitiert von einer kontroversen gesellschaftlichen Debatte über Asyl- und Flüchtlingspolitik. „Mir ist zum Heulen zumute“, sagt CDU-Spitzenkandidat Ottfried Hennig mit Blick auf das DVU-Ergebnis. Und Finanzministerin Heide Simonis (SPD) mahnt: „Der braune Dampf geht über uns zusammen, wenn wir nicht aufpassen.“ In der Presse ist von „Warnschuss“ und „Erdbeben“ die Rede, denn am selben Tag zieht mit den Republikanern eine weitere Rechtsaußen-Partei in den Landtag von Baden-Württemberg ein.

 

2005

Schwarz-Gelb scheitert um 22:30 Uhr

Die Landtagswahl 2005 ist vor allem wegen der spektakulär gescheiterten Wiederwahl von Ministerpräsidentin Heide Simonis in Erinnerung. In vier Wahlgängen im Landtag fehlt ihr jeweils eine Stimme aus dem eigenen Lager. So bleibt das angestrebte Bündnis von Simonis‚ SPD und den Grünen, toleriert vom SSW, eine Episode.

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Der schwarze Balken steigt höher als der rote: kein Jubel in der SPD-Fraktion am Wahlabend 2005. (Fotos: Landtag, Landesarchiv Schleswig-Holstein)

Eine große Koalition unter CDU-Regierungschef Peter Harry Carstensen übernimmt schließlich das Ruder. Am Wahlabend, dem 20. Februar 2005, sieht es lange nach einem ganz anderen Bündnis aus. CDU und FDP liegen fast den ganzen Abend lang in den Prognosen vorne. Erst eine letzte Hochrechnung um 22:30 Uhr macht den schwarz-gelben Träumen ein Ende. Die Liberalen verlieren einen Sitz an die SPD, die Mehrheit kippt ins linke Lager – bis vier Wochen später die Wiederwahl der Ministerpräsidentin auf der Tagesordnung steht.