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Ausbildungsabgabe
bleibt Zankapfel
im Kieler Landtag
Wirtschaftsminister
plädiert für freiwilliges Bündnis
mit konkreten Verpflichtungen
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Kiel (lno/SHL) - Die geplante Ausbildungsabgabe bleibt im
Schleswig-Holsteinischen Landtag hoch umstritten. Als besten Weg zur
Lösung des Lehrstellenproblems bezeichnete Wirtschaftsminister Bernd
Rohwer (SPD) am Freitag, 30. April 2004, ein freiwilliges Bündnis mit konkreten
Verpflichtungen. Sowohl die rot-grüne Landesregierung als auch die
CDU/FDP-Opposition halten die Abgabe für kontraproduktiv. Auf Bundesebene haben sich SPD und Grüne inzwischen auf einen
Gesetzentwurf geeinigt. Wenn das Gesetz umgesetzt wird, sollen nach
dem Willen von Rot-Grün im Land zumindest Regionen mit ausreichend
Lehrstellen von der Abgabe befreit werden.
Rohwer begrüßte die Ankündigung des SPD-Vorsitzenden Franz
Müntefering, einen verbindlichen Ausbildungspakt abzuschließen und
bei Erfolg auf die Erhebung der Abgabe zu verzichten. Rohwer zufolge
ist in diesem Jahr im Norden ein zusätzlicher Bedarf von 1.000 Plätzen
zu bewältigen. "Das Problem wird in diesem Jahr noch größer bei immer
noch verhaltener wirtschaftlicher Entwicklung." Bislang seien mehr
Verträge als im vorigen Jahr abgeschlossen worden, doch liege die
Zahl der gemeldeten Stellen unter Vorjahresniveau. In den vergangenen
Jahren war die Lage im Land im Bundesvergleich noch relativ günstig.
Auf die Ursprungsvorlage bezogen
würden Rohwers Angaben zufolge allein die kreisfreien
Städte mit rund 1,6 Millionen Euro belastet werden.
SPD: "Ultima
ratio" / Grüne melden Zweifel an
Der SPD-Sozialpolitiker Helmut Jacobs verteidigte eine Ausbildungsumlage als
"ultima ratio". Angesichts
der sinkenden Ausbildungszahlen und eines Ausbildungsdefizits
von 60.000-70.000 Stellen dürfe es nicht verwundern, dass
"der Ruf nach einer solidarischen Umlagefinanzierung immer
lauter wurde", so Jacobs.
Grünen-Fraktionschef Karl-Martin Hentschel
merkte zwar an, dass eine Umlage jene Betriebe entlasten würde,
die ausbildeten. Dennoch bekundete er Zweifel an der Methode der
Abgabe und forderte zumindest regionale Öffnungsklausel. Er
betonte den Handlungsbedarf: 77 Prozent der Betriebe bildeten
nicht aus. Regionale Ausnahmen bei der Umlage
sehe er als interessantes „Anreizsystem" für die
Wirtschaft; ein solches System werde zu mehr Wettbewerb
zwischen den Regionen führen.
Opposition befürchtet
weniger Ausbildungsplätze
Die Opposition
malte ein düsteres Zukunftsbild durch die Umlage, sah aber auch
in der fehlenden Ausbildungsfähigkeit vieler Jugendlicher ein
Kernproblem. Die geplante Umlage sei
"Gift für die Wirtschaft und eine Katastrophe für die
kommunalen Verbände", kritisierte der CDU-Abgeordnete
Torsten Geerdts. "Sie wird dazu führen, dass Unternehmen mit besonders anspruchsvollen
Ausbildungsberufen und damit verbundenen hohen Ausbildungskosten sich
von der Ausbildung freikaufen, da dies betriebswirtschaftlich sinnvoller ist",
prophezeite er.
FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki
("die
geplante Umlage ist eine Zwangssteuer auf Ausbildung")
warf dem Minister nichts sagende Erklärungen vor.
"Mit der Ausbildungsplatzabgabe wird Rot-Grün nur erreichen, dass weniger ausbildungsfähige und
ausbildungswillige junge Menschen einen Ausbildungsplatz finden."
Er verwies auf die steigende Anzahl
von Jugendlichen, die die Schule ohne Abschluss verlassen.
85.000 Jugendliche hätten 2002 nicht einmal den
Hauptschulabschluss geschafft. Das seien vier mal mehr als die
Zahl derer, die keine Lehrstelle gefunden hätten, so
Kubicki.
SSW plädiert für tarifvertragliche Lösung
Ein Manko der geplanten Neuregelung sei, dass
sie nicht auf die spezifischen Probleme der einzelnen Branchen
eingehe, gab Lars Harms vom SSW zu bedenken. So sei zu
befürchten, dass künftig auch in Krisen-Branchen vermehrt
ausgebildet werde, wo die Azubis keine Chance hätten, später
auch einen Arbeitsplatz zu bekommen. Deshalb müsse für jede
Branche eine eigene Ausbildungsquote fest gelegt werden. Das
aber "riecht förmlich nach einer tarifvertraglichen
Lösung", sprach sich Harms für eine vertragliche
Vereinbarung von Gewerkschaften und Betrieben aus.
Das Thema wurde an die Ausschüsse für Wirtschaft
und Soziales zur weiteren Beratung überwiesen.
Hintergrund:
Rot-Grün im Bund will Arbeitgeber, die nicht im
ausreichenden Maße Jugendliche ausbilden, mit einer
Ausbildungsplatzumlage belasten. Gradmesser hierfür ist
eine Ausbildungsquote, die bei sieben Prozent der im
Betrieb insgesamt beschäftigten Arbeiter und Angestellten
liegen soll. Alle Unternehmen und öffentlichen
Arbeitgeber mit mehr als zehn Beschäftigten wären
betroffen – damit fallen 82 Prozent aller Betriebe in
Deutschland unter diese Regelung. Mit dem Geld soll ein
Fonds eingerichtet werden, aus dem Firmen, die oberhalb
der Quote ausbilden, ihre Kosten erstattet bekommen –
maximal 7.500 Euro pro Jahr und Ausbildungsplatz. Zudem
soll die überbetriebliche Ausbildung in strukturschwachen
Regionen profitieren. Stichtag für die Erhebung der
Ausbildungsabgabe soll der Beginn des Ausbildungsjahres am
30. September sein. Auf der Grundlage der jüngsten
bundesweiten Ausbildungslücke ergäbe sich ein Volumen
von 2,6 Milliarden Euro. Die Verwaltung des Fonds soll das
Bundesverwaltungsamt in Köln übernehmen. Das zuständige
Bundes-Bildungsministerium schätzt den Personalbedarf zur
Bearbeitung der Umlage auf 500 Mitarbeiter und die Kosten
auf 40 bis 70 Millionen Euro.
Gegen die Umlage regt sich Protest bei der
Opposition, der Wirtschaft, in SPD-geführten Ländern und
bei den Kommunen. Rot-Grün in Schleswig-Holstein verweist
darauf, dass es im Vorjahr gelungen sei, eine ausreichende
Zahl an Ausbildungsplätzen im Lande zu schaffen. Deshalb
fordert die Koalition ein Regionalmodell, bei dem nur die
Länder von der Umlage betroffen sind, in denen
Ausbildungs-Mangel herrscht. Auch die Kommunen sehen das
Vorhaben kritisch: So rechnet beispielsweise die Stadt
Kiel als öffentlicher Arbeitgeber mit einer jährlichen
Mehrbelastung von jährlich 800.000 Euro durch die Umlage.
FDP und CDU im Landtag fordern die Landesregierung
auf, sich im Bund gegen das Vorhaben einzusetzen und dem
Parlament über die möglichen Auswirkungen auf
Schleswig-Holstein zu berichten. Auch der SSW lehnt per
Änderungsantrag die Ausbildungsplatzabgabe ab.
Letzten Meldungen zufolge sollen sich SPD und
Grüne in Berlin darauf geeinigt haben, Städte und
Gemeinden, die sich in finanziellen Schwierigkeiten
befinden, von der Abgabe in Form einer
"Härtefallklausel" zu befreien.
mehr
Informationen: Lehrstellen
S-H, plenum-online
September
2003(www.sh-landtag.de/plenumonline/september2003/
texte/28_33_ausbildung_existenz.htm)
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