Auf dieser Seite: Steuervereinfachung

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Weitere Schritte für eine Steuervereinfachung
Landtagsbeschluss vom 19. Februar 2004 - Drucksache 15/3193
Bericht der Landesregierung
Drucksache: 15/3384
-Plenarprotokoll-

Landesregierung präsentiert dem Landtag ihr Steuermodell
Opposition fordert mehr Mut zu Steuersenkung 
in über zweistündiger Debatte

Kiel (SHL). Schleswig-Holstein mischt sich in die laufende Debatte um ein neues Steuersystem ein: Am Mittwoch, 28. April 2004, hat die Landesregierung auf Antrag von Rot-Grün auch dem Parlament über ihr jüngstes Konzept für eine grundlegenden Steuervereinfachung berichtet. Der 10-Punkte-Plan ist  nach Auffassung von Ministerpräsidentin Heide Simonis (SPD) sozial gerechter gestaltet, als das Papier von Unions-Fraktions-Vize Friedrich Merz. Dagegen kritisierten CDU und FDP: Simonis und Finanzminister Ralf Stegner (SPD) wollten vor allem an der Steuerschraube drehen und würden eine „Neiddebatte" in Gang setzen.

Die Kernpunkte des Reform-Papiers der Regierung: Der Eingangssteuersatz soll gesenkt, im Gegenzug Erbschaftssteuer und Spitzensteuersatz für Einkommen über 500.000 Euro angehoben werden. Eine Erhöhung der Mehrwertsteuer von 16 auf 19 Prozent soll zur Senkung der Lohnnebenkosten genutzt werden. Außerdem will die Landesregierung das Ehegattensplitting und Kinderfreibeträge abschaffen und dafür das Kindergeld erhöhen. Eine Vereinfachung des Steuerrechts soll mit dem Abbau von Subventionen finanziert werden. Angesichts der steigenden Belastungen für Arbeitnehmer im Zuge von Renten- und Gesundheitsreform sollen vor allem kleinere Einkommen und Familien entlastet werden. 

Dabei gehe es um Umverteilung, nicht um weitere Steuersenkungen auf breiter Front, stellte Finanzminister Ralf Stegner klar. Dafür gebe es vor dem Hintergrund der angespannten Haushaltslage keinen Raum. "Wir beteiligen uns nicht an dem Wettlauf um den niedrigsten Steuersatz", so Stegner. Den Steuerplan will die Landesregierung vor allem als Diskussions-Anstoß verstanden wissen; zur Erbschaftssteuer wollen Simonis und Stegner hingegen noch dieses Frühjahr eine Bundesratsinitiative starten.

Opposition: Plan ist ungeeignet, aber unschädlich

"Völlig ungeeignet" andererseits aber auch "unschädlich", weil ohne Chance auf Mehrheiten, so das Urteil der Opposition zu dem Modell der Landesregierung. Das Konzept werde von den Medien, Wirtschafts-Instituten und selbst der Bundesregierung ignoriert: "Für ihr Papier interessiert sich niemand", konstatierte Rainer Wiegard (CDU), der keine Zeichen für eine grundlegende Steuervereinfachung sah. Derzeit gebe es in Deutschland 205 Steuergesetze und 69.000 Verordnungen "und ich sehe nicht, dass ihr Vorschlag Ansätze zeigt, das abzubauen", so Wiegards weiter. Die Landesregierung wolle mit dem Vorwand, für mehr soziale Gerechtigkeit einzutreten, den Bürgern nur tiefer in die Tasche greifen.

Auch Heiner Garg (FDP) argwöhnte, die Landesregierung wolle vor allem die Einnahme-Seite des Staates stärken. Schließlich sei Simonis noch „nie mit dem Geld ausgekommen, das ihnen anvertraut wurde", sagte er  mit Blick auf die steigende Neuverschuldung in Schleswig-Holstein. Höhere Steuern seien angesichts einer Abgabenlast von 66,7 Prozent auf das Einkommen eines Durchschnittsverdieners das falsche Signal. Derzeit zahle ein Arbeitnehmer auf 1.000 Euro Einkommen im Schnitt 229 Euro Einkommenssteuer, 138 Euro Mehrwertsteuer und 300 Euro Sozialversicherung, rechnete Garg vor. „Solange der Staat dem Bürger nur 33 Cent von jedem Euro lässt, wird das hin und her schieben der Belastung nichts bringen."

Rot-Grün verteidigt Steuermodell

Es gehe nicht um eine Flucht in Steuererhöhungen, sondern um Umschichtungen, verteidigte Ministerpräsidentin Simonis das Eckwertepapier. Problem in Deutschland seien nicht die hohen Steuern, sondern die Lohnnebenkosten. Diese sollten unter anderem durch eine Erhöhung der Mehrwertsteuer gesenkt werden. Sie kündigte an, im Bundesrat einen Gesetzentwurf zur Reform der Erbschaftssteuer einzubringen.

Rot-Grün im Norden gehe es um mehr Verteilungsgerechtigkeit, sagte Lothar Hay (SPD) und nahm die Union ins Visier. Die wolle statt dessen eine Entlastung für Besserverdiener, die nicht zu finanzieren sei. Das habe selbst der CSU-Sozial-Experte Horst Seehofer kritisiert, der die Kosten für das Merz-Konzept mit 102,6 Milliarden Euro berechnet habe. Bereits jetzt fehle das Geld für Investitionen. In den Kommunen herrsche ein nicht mehr hinnehmbarer Sparzwang. Vor diesem Hintergrund sei die von der CDU geforderte weitere Absenkung des Spitzensteuersatzes "nicht mehr vermittelbar", so Hay.

Jede Regierung müsse die Gerechtigkeitsfrage beantworten, verteidigte auch Karl-Martin Hentschel (Grüne/Foto) den Umverteilungsansatz. Arbeit sei in Deutschland nicht wegen der Steuerlast, sondern wegen zu hoher Sozialabgaben zu teuer, sagte Hentschel unter Verweis auf das Beispiel Dänemark. Dort sei die Steuerquote fast doppelt so hoch wie in Deutschland, gleichzeitig habe Dänemark aber im Verhältnis zur Bevölkerung 20 Prozent mehr Arbeitsplätze. Der Grund, laut Hentschel: Bei unseren nördlichen Nachbarn zahlten die Arbeitnehmer nur rund acht Prozent Sozialabgaben auf ihre Einkommen, in Deutschland hingegen 42 Prozent.

Finanzausschuss berät weiter

Der Entwurf der Landesregierung sei „zukunftsweisend", lobte auch die Sprecherin des SSW Anke Spoorendonk (Foto) das 10-Punkte-Papier. Die Pläne zu Ehegattensplitting, Erbschaftssteuer und der Erhöhung der Mehrwertsteuer zur Senkung der Lohnnebenkosten seien alte SSW-Forderungen. Sie hoffe, dass der Ansatz in den "Berliner Reformmühlen nicht zermahlen" werde. Das werde – angesichts der "verkorksten" Reformdebatte auf Bundesebene – aber wohl ein Traum bleiben, stellte Spoorendonk fest.

Der Bericht der Landesregierung wurde zur abschließenden Beratung in den Finanz-Ausschuss überwiesen.

Hintergrund:
  Die Landesregierung hat im März das Konzept einer umfangreichen Steuerreform vorgestellt. Vorgesehen ist unter anderem die Senkung des Eingangssteuersatzes von 15 auf zehn Prozent. Der Spitzensteuersatz soll unverändert bleiben. Ab einem Jahres-Einkommen von 500.000 Euro soll ein Zuschlag von fünf Prozent fällig werden. Das Ehegatten-Splitting soll wegfallen - stattdessen sollen beide Ehepartner getrennte Steuererklärungen abgeben.
  Die Mehrwertsteuer soll nach Vorstellungen des Landes-Kabinetts von 16 auf 19 Prozent erhöht und damit an den EU-Durchschnitt angepasst werden. Im Gegenzug sollen die Lohnnebenkosten sinken. Die Kraftfahrzeugsteuer soll abgeschafft und durch eine Erhöhung der Mineralölsteuer kompensiert werden.
  Im Bundesrat will die Landesregierung eine Reform der Erbschaftssteuer anstreben. Große Erbschaften sollen stärker beansprucht werden. Hier sind Freibeträge vorgesehen, beispielsweise zwei Millionen Euro bei Betriebsvermögen.
  Durch diese Maßnahmen erhofft sich die Landesregierung mehr Transparenz und Gerechtigkeit im Steuersystem. Die Opposition wie auch die Bundesregierung kritisieren die Pläne.

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