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Erster
Doppelhaushalt: Landtag streitet um Zahlenwerk für 2004/2005
Minister wirbt für
Unterstützung des Regierungskurses /
Opposition spricht von "Seifenblasenhaushalt"
Kiel
(lno/SHL) - Für die zugespitzte Haushaltslage des Landes sind
nach Ansicht des schleswig-holsteinischen Finanzministers Ralf Stegner
(SPD/Foto) die bundesweiten Rahmenbedingungen verantwortlich. In
der Landtagsdebatte über den Doppelhaushalt 2004/2005 sprach Stegner
am Mittwoch, 27. August 2003, von einer dramatischen Entwicklung. Es
sei absurd, die
Situation der Haushaltspolitik der rot-grünen Landesregierung zuzuschreiben. Praktisch alle Länder, der Bund und die Kommunen
hätten die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit überschritten.
Als Reaktion auf die
Rede des Finanzministers griff die Opposition die rot-grüne
Landesregierung scharf
an. Der Entwurf sei eine Ansammlung von ungesicherten Annahmen, Fehleinschätzungen und vielen Unbekannten, sagte CDU-Fraktionschef
Martin Kayenburg. Der Ministerpräsidentin Heide Simonis
(SPD) warf der Oppositionsführer Versagen auf der ganzen Linie und
Schönfärberei vor. Die Koalition habe einen "Seifenblasenhaushalt"
eingebracht.
Stegner: Hektisches Sparen
ist konjunkturschädlich
Der Entwurf des Doppelhaushaltes sieht Nettoausgaben von 15,9
Milliarden Euro und eine Neuverschuldung von über 1,1 Milliarden vor.
Das Land will Förderprogramme sowie das Weihnachts- und Urlaubsgeld
für die Beamten kürzen. 2004 sollen die Ausgaben um 2,3 Prozent steigen, 2005 um 0,9 Prozent sinken.
"Kurzfristiges hektisches Sparen am falschen Platz" lehnte Stegner als konjunkturschädlich ab. Der
kurzfristige Wiederanstieg der Nettoneuverschuldung sei kein Zeichen
des Einstiegs in eine neue unverantwortliche Schuldenpolitik.
Nach Ansicht von CDU/FDP will Rot-Grün mit dem ersten Doppeletat
eine unangenehme Haushaltsdebatte Ende nächsten Jahres wenige Wochen
vor der Landtagswahl vermeiden. Das Ziel, den Etat auszugleichen, habe die Koalition aufgegeben.
"Schleswig-Holstein befindet sich in einer schweren Krise, der Landeshaushalt ist an die Wand gefahren",
sagte Kayenburg. Die hohe Neuverschuldung sei unverantwortlich und
unsozial. Der Etat enthalte Fantasiezahlen und sei realitätsfern.
Kubicki: Besäufnis auf
Vorrat
"Das Land ist pleite. Die Ausgaben laufen den Einnahmen immer
schneller davon: Rot-Grün hat sich gegen gute Finanzpolitik und für
Schuldenmachen entschieden", resümierte FDP-Fraktionschef Wolfgang
Kubicki. Der Norden falle im Ländervergleich immer weiter zurück.
Sein Statement zum Doppelhaushalt: "Weil der Suff
die Wirklichkeit so vortrefflich vernebelt, will Rot-Grün sich
diesmal gleich zweimal auf einmal betrinken - ein Besäufnis auf
Vorrat, damit der Kater nicht schon vor der Landtagswahl 2005
kommt."
"Nahezu alle Länder, der Bund und die Kommunen haben die Grenzen
ihrer Leistungsfähigkeit überschritten", sagte der seit einem halben
Jahr amtierende Finanzminister, der für seine erste Haushaltsrede
viel Beifall aus den eigenen Reihen bekam. Er räumte ein: "Auch wir -
die SPD-geführten Landesregierungen - haben Fehler gemacht; vielleicht haben wir manchmal etwas zu lange Projekte gefördert, die
nicht unbedingt hätten gefördert werden müssen."
Hay: Es geht um
grundlegende Strukturentscheidungen
Stegner forderte von der eigenen Fraktion Unterstützung für einen
Sparkurs und warnte vor Wahlgeschenken. Es brauche Mut, um vor der
Landtagswahl Förderprogramme zu kürzen. Diese Notwendigkeit sieht
auch SPD-Fraktionschef Lothar Hay. "Wir werden gemeinsam mit
der Landesregierung und unserem Koalitionspartner bis zum November
über weitere Details und natürlich auch Kürzungen
beraten". Es gehe bis Ende des Jahres um grundlegende
Strukturentscheidungen, die sich langfristig auswirkten, so Hay:
"Von Amtsgerichten bis Finanzämtern, von den Ämtern für
ländliche Räume bis zu den staatlichen Umweltämtern." An die Adresse der Opposition
meinte er: "Sie sind nicht regierungsfähig".
Grünen-Fraktionschef Karl-Martin Hentschel sprach von einem radikalen
Sparhaushalt, der zugleich Weichen für die Zukunft stelle.
Es sei vernünftig, dass die Landesregierung entschieden habe,
nicht prozyklisch zu reagieren: "Wir wollen nicht dazu
beitragen, die Konjunktur abzuwürgen, sondern im Gegenteil
Wachstumssignale zu setzen", betonte Hentschel.
Spoorendonk:
Kritik und Lob
Selten habe ein Hauhalt so viele ungedeckte Schecks enthalten, wie
dieser Doppelhaushalt, kritisierte die Vorsitzende des SSW im
Landtag, Anke Spoorendonk. Die Wachstumsprognosen der Wirtschaft für das nächste Jahr schwankten zwischen
ein und zwei Prozent; für 2005 gebe es noch überhaupt keine gesicherten Zahlen. Zudem sei noch nicht absehbar,
inwiefern die Reformvorhaben der Bundesregierung den Landeshaushalt
belasten würden. Positiv hervor hob die SSW-Chefin, dass die
Minderheiten der Dänen und Friesen "erstmals seit 1996 nicht von Kürzungen bedroht
sind".
Hauptredner:
Finanzminister Ralf Stegner
(SPD), Martin Kayenburg (CDU), Lothar Hay (SPD), Wolfgang
Kubicki (FDP), Karl-Martin Hentschel (Grüne), Anke
Spoorendonk (SSW)
Die Ministerpräsidentin
und die finanzpolitischen Sprecher der Fraktionen in
der Debatte: nächste
Seite
Hintergrund:
Die
Landesregierung legt dem Landtag erstmals einen
Doppelhaushalt vor. Die Abgeordneten beraten in Erster
Lesung über die Einnahmen und Ausgaben für die Jahre
2004 und 2005.
In beiden Jahren soll der Landes-Etat ein Volumen
von rund 8 Milliarden Euro haben. Das Budget wird unter
anderem durch eine Neuverschuldung von insgesamt circa
einer Milliarde Euro sowie durch globale Minderausgaben
und globale Mehreinnahmen getragen. So sind beispielsweise
für das Jahr 2005 globale Minderausgaben in Höhe von 211
Millionen Euro sowie globale Mehreinnahmen in Höhe von
rund 200 Millionen Euro eingeplant. Die Opposition
kritisiert dies als unverlässlich. Sie attackiert auch
die mittelfristige Finanzplanung 2003 bis 2007, in der
globale Minderausgaben von insgesamt 975 Millionen Euro
veranschlagt sind.
Landespolitiker sprechen sich gegen die von der
Bundesregierung avisierte Gemeinde-Finanzreform aus, die
den schleswig-holsteinischen Haushalt nach
Regierungsangaben mit zusätzlichen 200 Millionen Euro
belasten würde.
Teil des Doppelhaushalts wird auch der Verkauf der
50,07-prozentigen Landesanteile an der
Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) an die HSH Nordbank
sein. Hierfür werden Einnahmen von 105 Millionen Euro
erwartet.
Das Zahlenwerk
zum Haushaltsentwurf im Überblick
Stichwort:
Haushaltsplan
Im Haushaltsplan sind alle Einnahmen und
Ausgaben sowie Verpflichtungsermächtigungen des Landes für
ein Rechnungsjahr bzw. zwei Jahre eingestellt. Der Entwurf
des Haushaltsplans, der in Einnahme und Ausgabe
auszugleichen ist, wird von der Landesregierung beraten,
beschlossen und als Anlage des Haushaltsgesetzes in den
Landtag eingebracht. Die Beratung im Landtag umfasst zwei,
auf Beschluss des Parlaments drei Lesungen. Nach der Ersten
Lesung lässt der Landtag die Einzelheiten der
Gesetzesvorlage durch seinen Finanzausschuss prüfen. Nach
dem Abschluss des Gesetzgebungsverfahrens wird das
Haushaltsgesetz mit dem Gesamtplan vom
Landesfinanzminister und vom Ministerpräsidenten
gegengezeichnet und im Gesetz- und Verordnungsblatt verkündet.
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