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Schulsystem:
"Gegliedert"
kontra "Gemeinschaft"
Rot-Grün für gemeinsamen
Unterricht bis Klasse 9 oder 10 / Opposition will Stärkung des
gegliederten Systems
Kiel
(SHL/lno). Die Landtagswahl wirft drei Monate vor dem Urnengang im
Februar 2005 ihre Schatten voraus. Eines der wichtigsten Themen, so
das Fazit der bildungspolitischen Debatte am Mittwoch, 15. Dezember,
ist die Schulpolitik: Während CDU/FDP vehement das gegliederte
Schulsystem verteidigen, streben SPD, Grüne und SSW langfristig
eine Gemeinschaftsschule bis zur 9. oder 10. Klasse an. Die
Aussprache über Konsequenzen aus dem mittelmäßigen Abschneiden
deutscher Schüler bei der jüngsten PISA-Studie bekräftigte diese
"Frontstellung".
"Mehr Bildungsgerechtigkeit", hatte
Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD) als zentrales Ziel in ihrem Bericht
zu PISA II genannt. In keinem anderen Land sei der Bildungserfolg der Schüler
so stark vom sozialen Hintergrund der Eltern abhängig wie in Deutschland;
kaum irgendwo sonst klaffe die Schere zwischen leistungsstarken und -schwachen
Schülern so weit auseinander. "Das ist das eigentliche deutsche
Armutszeugnis" so die Ministerin. Mitverantwortlich dafür sei die frühe
Auslese der Kinder: Bei der PISA-Studie hätten Länder mit
Gemeinschaftsschulen mehrheitlich besser abgeschnitten. In Deutschland dagegen
überlagere das "Prinzip des Auseinanderdividierens" ein Fördern
und Fordern Lernschwacher. Allerdings: die Abschaffung des dreigliedrigen
Schulsystems allein löse die Probleme nicht, räumte Erdsiek-Rave ein. Eine
Stärkung der Grundschule, mehr Sprachförderung und der Ausbau offener
Ganztagsschulen sei flankierend notwendig.
CDU: Rot-Grün hat Fehlbedarf von 1.100 Lehrern zu
verantworten / FDP: "Einheitsschule" keine Lösung
Die Regierung habe versagt, vor allem die Hauptschule sei
sträflich vernachlässigt worden, konterte die Opposition. Und: Rot-Grün
habe in den vergangenen 17 Jahren einen Fehlbedarf von 1.100 Lehrerstellen
aufgebaut, kritisierte der bildungspolitische Sprecher der CDU, Jost de Jager.
SPD und Grüne wollten die Schüler "einem offenen Feldversuch"
aussetzen, um von eigenen Versäumnissen abzulenken. Schlussfolgerung aus den
neuen PISA-Ergebnissen müsse insbesondere die Stärkung der Grundschule sein.
Seine Fraktion, so de Jager weiter, werde dort nach der Landtagswahl 650
zusätzliche Lehrerstellen schaffen und Englisch als verbindliches
Unterrichtsfach einführen.
Eine "Einheitsschule" werde die soziale Schieflage
im deutschen Bildungssystem nicht beseitigen, stimmte de Jagers Kollege in den
Reihen der FDP, Ekkehard Klug, zu. Das zeige das Beispiel der Gesamtschulen in
Dänemark: Auch dort hätten Schüler aus der sozialen Unterschicht – vor
allem Kinder von Einwanderern – deutlich schlechtere Chancen als Kinder der
sozialen Oberschicht. Die "Einheitsschuldebatte" sei "Placebopolitik",
sie lenke vom eigentlichen Problem, der mangelnden Förderung in Grund- und
Vorschule, ab. Was das dreigliedrige Schulsystem leisten könne, zeige das
Beispiel Bayern. Dort gebe es nur halb so viele Schüler mit Leseschwäche wie
im Rot-Grün regierten Schleswig-Holstein, so Klug.
SPD: "Ideologisch verbrämte Diskussion" /
Grüne: Je früher Trennung, desto größer Leistungsunterschiede / SSW: Sechsjährigen
Grundschule erster Schritt
Eine "ideologisch verbrämte Diskussion" warf der
SPD-Fraktionsvorsitzende Lothar Hay der Opposition vor. Es sei unerträglich,
dass rund 44 Prozent der Hauptschüler aus dem unteren sozialen Viertel der
Gesellschaft stammten, knapp 53 Prozent der Gymnasiasten hingegen aus dem
oberen Viertel. Allein die Gesamtschulen zeigten ein ausgewogeneres Bild,
argumentierte Hay für die stufenweise Abschaffung des gegliederten
Schulsystems. "Wir werden gemeinsam mit allen Beteiligten den Weg hin zur
Gemeinschaftsschule gehen", kündigte er an.
Die PISA-Studie zeige: "Je früher die Schüler getrennt
werden, desto größer sind die Leistungsunterschiede"; im dreigliedrigen
Schulsystem herrsche eine „Entsorgungsmentalität" vor, unterstrich
auch Karl-Martin Hentschel (Grüne). Das Gymnasium könne international
mithalten, aber die Ergebnisse der Hauptschule seien "indiskutabel".
Lernschwache oder störende Schüler im herkömmlichen System würden sitzen
bleiben oder auf Realschule beziehungsweise Hauptschule abgeschoben, so
Hentschel. "Wir wollen die Gemeinschaftsschule mit differenziertem
Unterricht, statt eine Differenzierung der Schüler nach Schularten",
sagte auch Anke Spoorendonk vom SSW. Ein erster Schritt dazu wäre die
Einführung der sechsjährigen Grundschule.
Hintergrund:
Die neuen Tests zu
der jetzt veröffentlichten PISA-Studie (PISA II)
wurden 2003 vorgenommen. Untersucht werden die Kompetenzen
in den Bereichen Mathematik, Lesen und
Naturwissenschaften. Bei der ersten Studie lag der
Schwerpunkt auf der Lesekompetenz. Bei PISA 2003 stand
Mathematik im Zentrum. Bei der nächsten Untersuchung 2006
rücken die Naturwissenschaften in den Mittelpunkt. Ein
zentraler Aspekt bei der Unzersuchung ist zudem die Frage,
inwieweit die soziale und kulturelle Herkunft der
Jugendlichen ihre Leistungen beeinflusst.
An PISA 2003 beteiligten sich 41 Staaten,
darunter alle 30 OECD-Mitglieder. Insgesamt wurden etwa
250.000 Schüler getestet. In Deutschland nahmen 216
Schulen und 4.660 Jugendliche an der Vergleichsstudie
teil. Deutschland entschloss sich auch bei der zweiten
PISA-Studie, einen Vergleich zwischen den Bundesländern
zu erstellen. Dafür wurde die internationale Stichprobe
um etwa 1.300 zusätzliche Schulen und rund 40.000
Teilnehmer erweitert. Dieser Ländervergleich wird im
September 2005 vorgestellt.
Gegenüber dem schlechten Abschneiden bei der
ersten Studie konnten sich Deutschlands Schüler bei PISA
2 leicht verbessern. Sie belegen nun in den drei
Testkategorien Ränge zwischen 15 und 19 unter den 29
gewerteten OECD-Mitgliedern. Die Prüfer bemängeln, dass
deutsche 15-jährige fast anderthalb Jahre hinter ihren
Altersgenossen aus dem erneuten Siegerland Finnland
zurückbleiben. Gut jeder fünfte Schüler in Deutschland
gilt als "Risikoschüler", das heißt: er kann
bei Verlassen der Schule einfachste Texte nicht lesen und
nur auf Grundschulniveau rechnen. Die Tester weisen darauf
hin, dass in keinem vergleichbaren Land der Schulerfolg
der Kinder so stark von Einkommen und Bildungsstand der
Eltern abhängig ist wie in Deutschland.
Die Landesregierung berichtet dem Landtag auf
Antrag von Rot-Grün über die PISA-Ergebnisse. Die CDU
fordert die Weiterentwicklung des gegliederten Schulwesens
durch eine Verbesserung der Unterrichtsqualität, eine
größere Durchlässigkeit sowie eine stärkere Förderung
der Schüler.
Rückendeckung für ihre
Position bekommen CDU und FDP vom Philologenverband sowie
dem Verband der Realschullehrer. Beide Organisationen
haben sich eindeutig für den Erhalt des dreigliedrigen
Schulsystems ausgeprochen. Demgegenüber hat der deutsche
PISA-Koordinator Andreas Schleicher das deutsche
Schulsystem für das schlechte Abschneiden bei PISA II mit
verantwortlich gemacht. Wo sich ein Lehrer sagen könne,
er habe die falschen Schüler, die eigentlich auf die
Hauptschule gehörten, fehlten Anreiz und Verantwortung
für erfolgreiche Lernprozesse, so Schleicher.
mehr
Informationen: plenum-online, September
2004
(zu gegliedertes Schulwesen)
(www.sh-landtag.de/plenumonline/september2004/
texte/00_aktuelle_stunde.htm)
Stichwort PISA:
Die
Abkürzung PISA steht für das „Programme for
International Student Assessment" der Organisation
für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
(OECD). Dabei wird getestet, wie gut 15-jährige Schüler
auf die Herausforderungen der heutigen Gesellschaft
vorbereitet sind. Die erste PISA-Erhebung fand im Jahre
2000 statt, die Ergebnisse wurden Ende 2001
veröffentlicht.
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