Auf dieser Seite: Gegliedertes Schulwesen / PISA II

xxx

Top 37 :
Bildungsqualität im gegliederten Schulwesen verbessern
Antrag der Fraktion der CDU
Drucksache: 15/3849
-Plenarprotokoll-
       Aufruf gemeinsam mit:
Top 40:
PISA II
Antrag der Fraktionen von SPD und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Drucksache: 15/3857

Schulsystem: "Gegliedert" 
kontra "Gemeinschaft"
Rot-Grün für gemeinsamen Unterricht bis Klasse 9 oder 10 / Opposition will Stärkung des gegliederten Systems

Kiel (SHL/lno). Die Landtagswahl wirft drei Monate vor dem Urnengang im Februar 2005 ihre Schatten voraus. Eines der wichtigsten Themen, so das Fazit der bildungspolitischen Debatte am Mittwoch, 15. Dezember, ist die Schulpolitik: Während CDU/FDP vehement das gegliederte Schulsystem verteidigen, streben SPD, Grüne und SSW langfristig eine Gemeinschaftsschule bis zur 9. oder 10. Klasse an. Die Aussprache über Konsequenzen aus dem mittelmäßigen Abschneiden deutscher Schüler bei der jüngsten PISA-Studie bekräftigte diese "Frontstellung".

"Mehr Bildungsgerechtigkeit", hatte Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD) als zentrales Ziel in ihrem Bericht zu PISA II genannt. In keinem anderen Land sei der Bildungserfolg der Schüler so stark vom sozialen Hintergrund der Eltern abhängig wie in Deutschland; kaum irgendwo sonst klaffe die Schere zwischen leistungsstarken und -schwachen Schülern so weit auseinander. "Das ist das eigentliche deutsche Armutszeugnis" so die Ministerin. Mitverantwortlich dafür sei die frühe Auslese der Kinder: Bei der PISA-Studie hätten Länder mit Gemeinschaftsschulen mehrheitlich besser abgeschnitten. In Deutschland dagegen überlagere das "Prinzip des Auseinanderdividierens" ein Fördern und Fordern Lernschwacher. Allerdings: die Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems allein löse die Probleme nicht, räumte Erdsiek-Rave ein. Eine Stärkung der Grundschule, mehr Sprachförderung und der Ausbau offener Ganztagsschulen sei flankierend notwendig.

CDU: Rot-Grün hat Fehlbedarf von 1.100 Lehrern zu verantworten / FDP: "Einheitsschule" keine Lösung

Die Regierung habe versagt, vor allem die Hauptschule sei sträflich vernachlässigt worden, konterte die Opposition. Und: Rot-Grün habe in den vergangenen 17 Jahren einen Fehlbedarf von 1.100 Lehrerstellen aufgebaut, kritisierte der bildungspolitische Sprecher der CDU, Jost de Jager.  SPD und Grüne wollten die Schüler "einem offenen Feldversuch" aussetzen, um von eigenen Versäumnissen abzulenken. Schlussfolgerung aus den neuen PISA-Ergebnissen müsse insbesondere die Stärkung der Grundschule sein. Seine Fraktion, so de Jager weiter, werde dort nach der Landtagswahl 650 zusätzliche Lehrerstellen schaffen und Englisch als verbindliches Unterrichtsfach einführen.

Eine "Einheitsschule" werde die soziale Schieflage im deutschen Bildungssystem nicht beseitigen, stimmte de Jagers Kollege in den Reihen der FDP, Ekkehard Klug, zu. Das zeige das Beispiel der Gesamtschulen in Dänemark: Auch dort hätten Schüler aus der sozialen Unterschicht – vor allem Kinder von Einwanderern – deutlich schlechtere Chancen als Kinder der sozialen Oberschicht. Die "Einheitsschuldebatte" sei "Placebopolitik", sie lenke vom eigentlichen Problem, der mangelnden Förderung in Grund- und Vorschule, ab. Was das dreigliedrige Schulsystem leisten könne, zeige das Beispiel Bayern. Dort gebe es nur halb so viele Schüler mit Leseschwäche wie im Rot-Grün regierten Schleswig-Holstein, so Klug.

SPD: "Ideologisch verbrämte Diskussion" / Grüne: Je früher Trennung, desto größer Leistungsunterschiede / SSW: Sechsjährigen Grundschule erster Schritt

Eine "ideologisch verbrämte Diskussion" warf der SPD-Fraktionsvorsitzende Lothar Hay der Opposition vor. Es sei unerträglich, dass rund 44 Prozent der Hauptschüler aus dem unteren sozialen Viertel der Gesellschaft stammten, knapp 53 Prozent der Gymnasiasten hingegen aus dem oberen Viertel. Allein die Gesamtschulen zeigten ein ausgewogeneres Bild, argumentierte Hay für die stufenweise Abschaffung des gegliederten Schulsystems. "Wir werden gemeinsam mit allen Beteiligten den Weg hin zur Gemeinschaftsschule gehen", kündigte er an. 

Die PISA-Studie zeige: "Je früher die Schüler getrennt werden, desto größer sind die Leistungsunterschiede"; im dreigliedrigen Schulsystem herrsche eine „Entsorgungsmentalität" vor, unterstrich auch Karl-Martin Hentschel (Grüne). Das Gymnasium könne international mithalten, aber die Ergebnisse der Hauptschule seien "indiskutabel". Lernschwache oder störende Schüler im herkömmlichen System würden sitzen bleiben oder auf Realschule beziehungsweise Hauptschule abgeschoben, so Hentschel. "Wir wollen die Gemeinschaftsschule mit differenziertem Unterricht, statt eine Differenzierung der Schüler nach Schularten", sagte auch Anke Spoorendonk vom SSW. Ein erster Schritt dazu wäre die Einführung der sechsjährigen Grundschule.

Hintergrund:
   Die neuen Tests zu der jetzt veröffentlichten PISA-Studie (PISA II)  wurden 2003 vorgenommen. Untersucht werden die Kompetenzen in den Bereichen Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften. Bei der ersten Studie lag der Schwerpunkt auf der Lesekompetenz. Bei PISA 2003 stand Mathematik im Zentrum. Bei der nächsten Untersuchung 2006 rücken die Naturwissenschaften in den Mittelpunkt. Ein zentraler Aspekt bei der Unzersuchung ist zudem die Frage, inwieweit die soziale und kulturelle Herkunft der Jugendlichen ihre Leistungen beeinflusst.
   An PISA 2003 beteiligten sich 41 Staaten, darunter alle 30 OECD-Mitglieder. Insgesamt wurden etwa 250.000 Schüler getestet. In Deutschland nahmen 216 Schulen und 4.660 Jugendliche an der Vergleichsstudie teil. Deutschland entschloss sich auch bei der zweiten PISA-Studie, einen Vergleich zwischen den Bundesländern zu erstellen. Dafür wurde die internationale Stichprobe um etwa 1.300 zusätzliche Schulen und rund 40.000 Teilnehmer erweitert. Dieser Ländervergleich wird im September 2005 vorgestellt.
  Gegenüber dem schlechten Abschneiden bei der ersten Studie konnten sich Deutschlands Schüler bei PISA 2 leicht verbessern. Sie belegen nun in den drei Testkategorien Ränge zwischen 15 und 19 unter den 29 gewerteten OECD-Mitgliedern. Die Prüfer bemängeln, dass deutsche 15-jährige fast anderthalb Jahre hinter ihren Altersgenossen aus dem erneuten Siegerland Finnland zurückbleiben. Gut jeder fünfte Schüler in Deutschland gilt als "Risikoschüler", das heißt: er kann bei Verlassen der Schule einfachste Texte nicht lesen und nur auf Grundschulniveau rechnen. Die Tester weisen darauf hin, dass in keinem vergleichbaren Land der Schulerfolg der Kinder so stark von Einkommen und Bildungsstand der Eltern abhängig ist wie in Deutschland.
   Die Landesregierung berichtet dem Landtag auf Antrag von Rot-Grün über die PISA-Ergebnisse. Die CDU fordert die Weiterentwicklung des gegliederten Schulwesens durch eine Verbesserung der Unterrichtsqualität, eine größere Durchlässigkeit sowie eine stärkere Förderung der Schüler.
   Rückendeckung für ihre Position bekommen CDU und FDP vom Philologenverband sowie dem Verband der Realschullehrer. Beide Organisationen haben sich eindeutig für den Erhalt des dreigliedrigen Schulsystems ausgeprochen. Demgegenüber hat der deutsche PISA-Koordinator Andreas Schleicher das deutsche Schulsystem für das schlechte Abschneiden bei PISA II mit verantwortlich gemacht. Wo sich ein Lehrer sagen könne, er habe die falschen Schüler, die eigentlich auf die Hauptschule gehörten, fehlten Anreiz und Verantwortung für erfolgreiche Lernprozesse, so Schleicher.

mehr Informationen: plenum-online, September 2004
(zu gegliedertes Schulwesen)

(www.sh-landtag.de/plenumonline/september2004/
texte/00_aktuelle_stunde.htm)

Stichwort PISA: 
Die Abkürzung PISA steht für das „Programme for International Student Assessment" der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Dabei wird getestet, wie gut 15-jährige Schüler auf die Herausforderungen der heutigen Gesellschaft vorbereitet sind. Die erste PISA-Erhebung fand im Jahre 2000 statt, die Ergebnisse wurden Ende 2001 veröffentlicht. 

zurück zum Textanfang

* * * * *

 

Themen-Übersicht

Aktuelles

Aktuelle Stunde
- - -

Dringlichkeit: - - -

Am Rand notiert: 
80.000 Seiten Papier
"Poppi" sagt adieu

Gesetzentwürfe

2. Lesungen:

Grundwasserabgabe
Landesbesoldung
Verwaltungsstruktur
Baugesetz
Sozialgerichtsgesetz
Rundfunkstaatsvertrag
Lebenspartnerschaft
Röntgenlaser
 (Kurzmeldung)
Europarecht (Lehrämter)
 (Kurzmeldung)
Landesaufnahmegesetz
 (Kurzmeldung)
Gerichtspräsidiumswahl
 (Kurzmeldung)
Landespressegesetz
 (Kurzmeldung)

1. Lesungen:

Juristische Staatsprüfungen
Justizverwaltungskosten
Mitbestimmung in Kitas
Landesrundfunk
Verjährungsrecht
 (Kurzmeldung)
Insolvenzverordnung
 (Kurzmeldung)
Hafenanlagen-Sicherheit
 (Kurzmeldung)
Hochschulzulassung
 (Kurzmeldung)
Bundesbesoldung
 (Kurzmeldung)

Arbeit/Soziales / Gesundheit

Älter werden
Stalking
Zivildienst
Bürgerbeauftragte
Ausbildungssituation
Sozialversicherungsbeiträge
(Kurzmeldung)
Arbeitsmarkt
(Kurzmeldung)
Arbeitsverwaltung
(Kurzmeldung)
Kündigungsschutz
(Kurzmeldung)
Hartz IV
(Kurzmeldung)
Petitionsausschuss
(Kurzmeldung)

Bildung / Kultur / Forschung

Gegliedertes Schulsystem
PISA II
Bildungsbürokratie
Rauchfreie Schulen
Schule und Jugendhilfe
"Kopftuch-Urteil"
Politische Bildung
Haus der Kulturverbände
OECD-Länderbericht
(Kurzmeldung)
Jugendkriminalität
(Kurzmeldung)
Patentverwertungs-Agentur
(Kurzmeldung)
Uni-Klinikum
(Kurzmeldung)
Literaturfestival
(Kurzmeldung)
Kulturerbe Danewerk
(Kurzmeldung)

Wirtschaft / Verkehr / Technik

Bahn Kiel-Hamburg
Sparkassen/Provinzial
Dienstleistungen
Technologiestiftung
Erdverkabelung
(Kurzmeldung)
Ladenschluss
(Kurzmeldung)
GA Wirtschaftsstruktur
(Kurzmeldung)
Bahnreform
(Kurzmeldung)
Radverkehr
(Kurzmeldung)

Natur / Umwelt / Energie

Verlässliche Energiepolitik
Hochwasserschutz
Tierschutz

Agrar / Tourismus / Landesentwicklung

Ländlicher Raum
Bioenergie

Inneres / Recht

Entlassung Justizministerin

Finanzen

Kommunale Einnahmen
(Kurzmeldung)
Landesrechnungshof
(Kurzmeldung)

Europa

- - -