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Justizministerin
bleibt im Amt: Oppositionsantrag von Rot-Grün und SSW
abgeschmettert
Kiel (lno/SHL). CDU und FDP sind im
schleswig- holsteinischen Landtag mit dem Antrag gescheitert, Justizministerin Anne Lütkes
(Grüne) zu entlassen. SPD, Grüne und SSW stellten sich am Mittwoch,
15. Dezember, vor die Ministerin, die nach dem Gefängnisausbruch des
Schwerverbrechers Christian Bogner unter Druck geriet, und wiesen den
Vorstoß zurück. "Fehler, Versäumnisse, Schlampereien" und die
politische Verantwortung für Fehler in der Justizvollzugsanstalt Lübeck warf CDU-Innenpolitiker Johann Wadephul der Ministerin vor.
Aus Sicht von SPD und Grünen ist der Entlassungsantrag unbegründet.
Bogner war am 26. Oktober unter spektakulären Umständen aus der
Justizvollzugsanstalt Lübeck ausgebrochen und tötete nur Stunden danach einen 45-Jährigen aus Eutin, um dessen Identität anzunehmen.
Bogner durfte trotz früherer Ausbrüche in der Schlosserei arbeiten
und konnte ungestört ein Klettergerüst für seinen Ausbruch bauen.
Simonis bekräftigt
Vertrauen zu Lütkes
Klare Rückendeckung bekam Lütkes von Ministerpräsidentin Heide
Simonis (SPD): "Ich stehe voll und ganz hinter meiner Justizministerin." Lütkes habe besonnen gehandelt.
"Ich spreche an dieser Stelle der Justizministerin ausdrücklich mein Vertrauen aus",
bekräftigte Simonis. Es sei unerträglich, wenn die Opposition eine
Mitschuld von Lütkes am Tod des Bogner-Opfers konstruieren wolle. Simonis zog eine Parallele zur
"Pröhl-Affäre": Dort habe man ihr Mitschuld am Tod von drei Menschen geben wollen. CDU-Fraktionschef
Martin Kayenburg warf Simonis darauf "politische Brandstiftung" vor.
Der SPD-Abgeordnete Klaus-Peter Puls argumentierte ähnlich: Es sei
unanständig, Ministerin Lütkes die Verantwortung für den Mord
zuzuweisen. Kubicki und Wadephul bedienten sich "juristischer
und exegetischer Kunstgriffe und Verfahren l´art pour l´art"
. (exegetisch=Auslegung)
"Es war das achte Mal, dass Bogner ausbrach", sagte Wadephul. Er
listete viele Fragen auf: "Wie konnte es geschehen, dass ein derart
vorbelasteter Bogner überhaupt wieder in einer Schlosserei eingesetzt
wurde? (...) Wie konnte es geschehen, dass niemandem auffiel, dass Bogner an diesem Morgen gar keine Anstaltskleidung anhatte sondern
normales Zivil trug?" Wadephul warf Lütkes vor, sie klebe an ihrem
Stuhl und Pensionsansprüchen. "Wir brauchen nicht immer neue externe
Fachleute, wir müssen nur die Justizministerin ausgliedern, dann ist
das größte Problem im Strafvollzug Schleswig-Holsteins behoben"
FDP: "Die Justizministerin ist
gescheitert"
FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki beharrte: Bogners Opfer hätte
noch leben können, wenn im Zuständigkeitsbereich der Ministerin nicht
so viele "haarsträubende Fehler" geschehen wären und die zuständige
Abteilung "die fachlich gebotene Aufsicht" über die Gefängnisleitung
wahrgenommen hätte. Lütkes habe selbst eingeräumt, dass Bogner nie
hätte in der Schlosserei arbeiten dürfen. "Die Justizministerin ist
gescheitert", bilanzierte Kubicki. "Durch schwere Fehler, die auch
die Justizministerin selbst einräumt, ist ein Mensch ums Leben gekommen."
Grünen-Fraktionschef Karl-Martin Hentschel begründete das Nein zu
Rücktritts- und Entlassungsforderungen so: "Ministerin Lütkes hat in
den vergangenen Jahren alles getan, um die Sicherheit in den Justizvollzugsanstalten zu gewährleisten. Man kann mit Blick auf die
Investitionsmaßnahmen und die Personalverstärkung sogar sagen, sie
hat mehr als alle ihre Vorgänger in die Sicherheit im Vollzug investiert." Nach der Flucht Bogners habe sie alle nötigen Maßnahmen
ergriffen. Die SSW-Abgeordnete S9ilke Hinrichsen bezeichnete den Fall Bogner zwar
als unglaublich, sah derzeit aber keinen Grund für eine Entlassung von Lütkes.
In einer am Mittwoch veröffentlichten Umfrage von Infratest dimap im
Auftrag des NDR meinten 66 Prozent der Befragten, Lütkes sollte nicht
zurücktreten; 25 Prozent sprachen sich dafür aus.
Hintergrund:
Nach dem zwischenzeitlichen Ausbruch des
Schwerverbrechers Christian Bogner aus der
Justiz-Vollzugsanstalt (JVA) Lübeck-Lauerhof und Bogners
Geständnis, während seiner Flucht einen Mann aus Eutin
ermordet zu haben, fordern CDU und FDP im Landtag in einem
gemeinsamen Antrag Ministerpräsidentin Heide Simonis
(SPD) auf, Justizministerin Anne Lütkes (Grüne/Foto) zu
entlassen. Der Vorwurf der Opposition: Bogner habe bei
seinem Ausbruch Versäumnisse im Justizvollzug ausgenutzt.
Diese seien vom Ministerium zu verantworten, das seiner
Fachaufsicht nicht genügend nachgekommen sei. So sei
Bogner, obwohl seine Gefährlichkeit bekannt gewesen sei,
in der Anstaltsschlosserei beschäftigt worden, wo er
seine Flucht vorbereitet habe und wo er am Fluchttag nicht
ausreichend beaufsichtigt worden sei.
Justizministerin Lütkes ist nach dem
Ausbruch zweimal vom Innen- und Rechtsausschuss des
Landtags befragt worden. Hier kündigte sie an, den
Strafvollzug in Schleswig-Holstein von einer dreiköpfigen
Experten-Kommission aus anderen Bundesländern untersuchen
zu lassen. Die Fachleute sollen Vorschläge zur
Verbesserung vorlegen. Die Ministerin will zudem die
Fachaufsicht verschärfen. Sie macht die Leitung der JVA
Lübeck für die Fehlentscheidungen im Fall Bogner
verantwortlich. Gegen den Anstaltsleiter und fünf weitere
Mitarbeiter der JVA laufen disziplinarische Ermittlungen.
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