Der Norden sackt
beim PISA-Test ab – Ministerin hat kein Patentrezept
Kiel
(SHL/11.12.) Das Absacken der
schleswig-holsteinischen Schüler bei der jüngsten PISA-Studie
hat bei der Großen Koalition Enttäuschung ausgelöst. Im Plenum
gestand Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD/Foto)
ein, sie sei „ziemlich ratlos" angesichts der stagnierenden
Leistungen in den Bereichen Lesen und Mathematik. Fortschritte
erhoffe sie sich durch die im Lande bevorstehende Abschaffung der
Hauptschule: Eine Konsequenz aus den PISA-Ergebnissen sei es, die
Hauptschüler „aus ihrem isolierten perspektivlosen Lernumfeld
herauszuholen". Während sich auch Grüne und SSW für
längeres gemeinsames Lernen aussprachen, nahmen vor allem die
Liberalen, die den Regierungsbericht beantragt hatten, die
Ministerin unter Beschuss: „Die PISA-Studie bescheinigt
Erdsiek-Rave ein Totalversagen", sagte Ekkehard Klug (FDP).
Beim insgesamt dritten PISA-Test wurden bundesweit
57.000 Jugendliche im Alter von 15 Jahren getestet. Demnach hat
Schleswig-Holstein seit der letzten Untersuchung im Jahr 2003 zwar
im Bereich Naturwissenschaften seinen Punktewert verbessert, ist
aber dennoch in allen drei Untersuchungsschwerpunkten im
Bundesländervergleich abgerutscht – etwa beim Lesen von Platz 5
auf 12. Und: Es gab starke Leistungsunterschiede. Während
Schleswig-Holsteins Gymnasiasten zum Teil vordere Plätze
erreichten, hatten insbesondere Schüler aus sozialen Brennpunkten
und aus Zuwandererfamilien erhebliche Probleme.
Sitzenbleiber-Quote bereitet Kopfzerbrechen
Schleswig-Holstein habe bundesweit den höchsten
Anteil an Sitzenbleibern, konstatierte die Bildungsministerin.
Fast 70 Prozent der Hauptschüler hätten schon einmal ein Jahr
wiederholt. „Woher das kommt, hat mir noch niemand erklären
können", so Erdsiek-Rave. Diese schlechten Werte für sozial
benachteiligte Schüler bezeichnete Klug als „das größte
Debakel sozialdemokratischer Bildungspolitik in
Schleswig-Holstein". Die SPD erhebe den Anspruch, den
Schwächeren in besonderer Weise helfen zu wollen, erreiche aber
gerade in diesem Bereich „nichts als Stillstand".
Wie die Ministerin fanden auch die Vertreter der
Koalitionsfraktionen kein Patentrezept. Das „mittelmäßige
Abschneiden" des Nordens liege nicht an der Höhe der
Bildungsausgaben, stellte Sylvia Eisenberg (CDU) fest. Denn: Im
PISA-Siegerland Sachsen werde im Schnitt nur wenig mehr Geld pro
Schüler ausgegeben als in Schleswig-Holstein. Eisenberg
kritisierte „falsche Lernkonzepte" im Bereich
Naturwissenschaften, wo mehr auf Mitmach-Aktivitäten als auf
Wissensvermittlung gesetzt werde. Und Henning Höppner (SPD)
machte den Lehrern im Lande Vorwürfe: „Wir müssen für unsere
Schulen leider feststellen, dass vielen Ortes nicht diese
Bereitschaft zur Weiterentwicklung des Schulsystems besteht"
– anders als in den Spitzenländern im Osten. Auch er setzte auf
die Auswirkungen der Schulreform: „Wir sind auf dem richtigen
Weg."
Plädoyer für "gemeinsames Lernen"
Angelika Birk (Grüne) und Anke Spoorendonk (SSW)
verwiesen auf die vor wenigen Tagen veröffentlichen Ergebnisse
der Grundschul-Leseuntersuchung IGLU, wo die Unterschiede zwischen
den deutschen Schülern weniger krass ausfielen als bei PISA: Das
gemeinsame Lernen aller Kinder in den ersten vier Schuljahren, so
Birk, habe „bessere Ergebnisse gebracht als das Lernen in
getrennten Bildungswegen in den folgenden vier Jahren".
Entsprechend müssten alle weiterführenden Schulen zu
Gemeinschaftsschulen umgewandelt werden, forderte Spoorendonk. Die
Große Koalition habe aber mit den Wahlmöglichkeiten zwischen
Regional- und Gemeinschaftsschulen sowie Gymnasium einen „beklagenswerten
faulen Kompromiss" beschlossen.