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Reicht eine
Diplomarbeit als Argumentation gegen neue Kohlekraftwerke?
Grüne ziehen
Wirtschaftlichkeit neuer Anlagen in Zweifel
Kiel (SHL/11.12.)
Wirtschaftsminister Werner Marnette (CDU) befürchtet spätestens
2015 eine Stromversorgungslücke in Schleswig-Holstein, wenn die
Netzkapazitäten nicht ausgebaut werden. Als Folge sei ein „dramatischer
Anstieg der Strompreise vorprogrammiert", prophezeite der
Minister. Anlass der emotional geführten energiepolitischen
Debatte war ein Antrag der Grünen, die erneut forderten, die
Planungen für den Neubau der Kohlekraftwerke in Brunsbüttel
einzustellen. Grund: Die Wirtschaftlichkeit der geplanten Anlagen
sei nicht gesichert. Die Grünen beriefen sich in ihrer
Argumentation auf eine Diplomarbeit einer Wirtschaftsingenieurin
an der Uni Flensburg. Sie wurde von Professor Olav Hohmeyer
betreut, der als einziger Deutscher zu den 30 Mitgliedern des
UN-Weltklimarates gehört und im Sachverständigenrat für
Umweltfragen der Bundesregierung sitzt.
In der Arbeit wird
ausgeführt, dass „die als Grundlast konzipierte
Kohlekraftwerkskapazität deutlich weniger ausgelastet werden kann
als von den Kraftwerksinvestoren erwartet", weil die
Netzkapazitäten laut dem Erneuerbare-Energien-Gesetz vorrangig
von der Offshore-Windkraft beansprucht würden. Dem widersprach
Marnette: „Die These der Arbeit beruht auf unrealistischen
Annahmen." Kein Investor wäre sonst bereit, in Brunsbüttel
zu investieren, betonte er.
„Treiben Sie keinen
Keil zwischen hochwirksame Kohlekraftwerke und regenerative
Energien", warnte der CDU-Abgeordnete Manfred Ritzek (CDU)
den Antragsteller von den Grünen, Detlef Matthiessen. Dieser
hatte zuvor davor gewarnt, dass neue Kohlekraftwerke „die
nächsten Pleite-Immobilien" werden könnten. „Billiger
Kohlestrom ist ein Märchen. Und selbst wenn Kohlestrom verschenkt
würde, dürften wir klimapolitisch keinen Gebrauch davon
machen", so Matthiessen.
SPD unterstützt
die Grünen
Unterstützt wurde der
Grüne von Olaf Schulze (SPD): „Die im Antrag zitierten
Ergebnisse der Universität Flensburg lassen für mich nur den
Schluss zu, dass auch heute schon absehbar neue Kohlekraftwerke
nicht wirtschaftlich sein können", meinte Schulze.
Ökologisch sei Kohlekraft nicht verantwortbar und „für viele
Menschen in ihrem Wohnumfeld auch unsozial".
Während Heiner Garg
(FDP) bezweifelte, dass der Antrag der Grünen „als tragfähige
Basis für eine gute Sachdiskussion tauge" erneuerte Lars
Harms (SSW) seine Forderung nach einem bundesweit abgestimmten
Energiekonzept und dem langfristigen Verzicht auf Energiegewinnung
aus fossilen Energieträgern.
Ausschüsse
beraten weiter
In Brunsbüttel sind
vier Kohlekraftwerksblöcke mit einer Leistung von jeweils 800
Megawatt (MW) geplant. Ende November hat die Ratsversammlung der
Stadt grünes Licht für den Bau eines Steinkohlekraftwerks der
Firma Electrabel gegeben. Bereits im April hatte die
Stadtverwaltung dem Bau einer 1.800-Megawatt-Anlage zugestimmt.
Der Antrag wird nun
im Wirtschafts- sowie im Agrar- und Umweltausschuss beraten.
Hintergrund:
Die
Grünen protestieren erneut gegen den Neubau von
Kohlekraftwerken in Brunsbüttel. Ihr Argument: Die
Kraftwerke an der Elbmündung seien unwirtschaftlich, weil
der Öko-Strom, der auf den entstehenden
Offshore-Windparks in der Nordsee produziert werden soll,
bei der Einspeisung in die Netze grundsätzlich Vorrang
habe. Dadurch könnten die Anlagen in Brunsbüttel die
geplanten jährlichen Betriebsstunden nicht erreichen und
würden weniger Gewinn abwerfen als von den Betreibern
erhofft. Dies wiederum habe negative Auswirkungen auf die
Gewerbesteuer-Einnahmen für das Land und die Gemeinde.
Das Fazit der Grünen: „Neue Kohlekraftwerke sind die
nächsten Pleite-Immobilien".
Sind
Gaskraftwerke eine Alternative?
Die
Oppositionsfraktion bezieht sich bei dieser Einschätzung
auf eine Diplomarbeit der Wirtschaftsingenieurin Frauke
Wiese von der Uni Flensburg. Dort wird ausgeführt, dass
„die als Grundlast konzipierte Kohlekraftwerkskapazität
deutlich weniger ausgelastet werden kann als von den
Kraftwerksinvestoren erwartet", weil die
Netzkapazitäten laut dem Erneuerbare-Energien-Gesetz
vorrangig von der Offshore-Windkraft beansprucht würden.
Als Alternative schlägt Wiese deshalb „flexibel
einsetzbare Gaskraftwerke" vor.
In
Brunsbüttel läuft die Planung für vier
Kohlekraftwerksblöcke mit einer Leistung von jeweils 800
Megawatt (MW). Die in Tübingen ansässige Südweststrom
(SWS) will gemeinsam mit einem spanischen Investor ein
Werk bauen, das 2012 in Betrieb gehen soll. Die SWS
erwägt zudem, später einen zweiten Kraftwerksblock zu
errichten. Zudem will der belgische Konzern Electrabel bis
2010 ein 800-MW-Kraftwerk ans Netz bringen, und auch die
Firma Getec aus Hannover plant eine Anlage im Süden
Dithmarschens.
Vorherige
Debatten zum Thema:
plenum-online, April
2008 , Oktober
2007
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