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Zwischen Ruin und
Wahlkampf
Heftiger Schlagabtausch
zur kommunalen Finanzen
Kiel (SHL). Den Schulen fehlt
Geld, Straßen können nicht repariert werden und kommunale
Einrichtungen schränken ihre Angebote massiv ein. In der Analyse
waren sich am Donnerstag, 20. Februar, alle Parteien einig: Die
Kommunen stehen vor dem finanziellen Ruin. Bei der Präsentation
geeigneter Rezepte zur Rettung der kommunalen Haushalte lieferten
sich die Parlamentarier jedoch einen heftigen Schlagabtausch. Dabei
musste sich die CDU, die mit ihrem von einem Antrag begleiteten
Gesetzentwurf eigene Vorschläge zur Lösung der Probleme vorlegte,
von allen Seiten den Vorwurf der Wahlkampfpropaganda gefallen
lassen. Trotzdem wurden einzelne Vorschläge, wie etwa die
Einschränkung der Übertragung bundes- und landeseigener Aufgaben
auf die Kommunen, von den übrigen Parteien als diskussionswürdig
beurteilt.
Einer finanziellen Unterstützung der
Kommunen durch das Land erteilte Innenminister Klaus Buß (SPD) eine
klare Absage: "Alle öffentlichen Haushalte haben durch die
anhaltende Konjunkturschwäche […] erhebliche zusätzliche
Belastungen erfahren." Hoffnung setze er auf die vom Bund
eingesetzte Kommission zur Gemeindefinanzreform, die bereits in
einigen Wochen Ergebnisse vorlegen werde. Den Gesetzentwurf der
Union bezeichnete Buß als "von den kommunalen Landesverbänden
abgeschrieben" und erhielt dabei Unterstützung seines Kollegen
Klaus-Peter Puls (SPD). Dieser hielt den Antrag der CDU für einen
"durchsichtigen Versuch", sich vor der Kommunalwahl bei
den Kommunen einzuschmeicheln. Der Antrag enthalte jedoch auch
einige – "abgeschriebene" - diskussionswürdige
Vorschläge.
Kommunale Kassen kein
Selbstbedienungsladen
Das Land müsse die finanziellen
Mittel für die Kommunen zur Verfügung stellen, damit eine
kommunale Selbstverwaltung überhaupt funktionieren könne,
argumentierte der CDU-Abgeordnete Klaus Schlie. Den Vorwurf, den
Gesetzentwurf bei den kommunalen Spitzenverbänden abgeschrieben zu
haben, bezeichnete er als "dümmliche Bemerkung": Man
arbeite eng mit den Kommunen zusammen und gehe auf deren Vorschläge
ein. Als Gründe für die kommunale Misere nannte Schlie schwindende
Einnahmen und das Problem der Aufgabenübertragung von Land und Bund
auf die Kommunen. "Wir dürfen die kommunalen Kassen nicht als
Selbstbedienungsladen begreifen", betonte er und forderte zudem
die sofortige Absenkung der Gewerbesteuerumlage auf ihr früheres
Niveau.
Dies sah auch der
Fraktionsvorsitzende der FDP, Wolfgang Kubicki, so. Zudem
kritisierte er den Eingriff der Regierung in den kommunalen
Investitionsfonds. Dadurch habe Rot-Grün "die schwindende
Finanzkraft der Kommunen mit verschuldet." Das von der CDU
vorgelegte Vorgabenbefreiungsgesetz biete eine mögliche Lösung.
Ein "langfristiges Konzept zur
Sicherstellung der kommunalen Einnahmen" forderte die
Grünen-Abgeordnete Monika Heinold. In diesem Zusammenhang sprach
sie sich für eine "kommunale Bürgersteuer" aus, die
direkt von den Kommunen erhoben würde. Auch die Idee, die
Gewerbesteuer durch eine lokale Wirtschaftssteuer zu ersetzen sei
"interessant".
Warnung vor parteipolitischem
Geplänkel
Die SSW-Abgeordnete Anke Spoorendonk
sprach sich klar für eine eigenes Steuererhebungsrecht der Kommunen
aus. Dies würde den Kommunen die Möglichkeit eröffnen,
"wieder politisch zu gestalten". "Die Zeit der parteipolitischen
Geplänkel ist in den Kommunen angesichts der Finanznot längst
vorbei", warnte Spoorendonk. Den Vorschlag der CDU, die
Standards in den kommunalen Einrichtungen zu senken, um so Kosten
einzusparen, lehnte sie ab.
Die Anträge der Union
wurden federführend an den Innen- und Rechtsausschuss überwiesen.
Ein Antrag des SSW auf einen Regierungsbericht zum aktuellen Stand
der Arbeit der Bundeskommission zur Gemeindefinanzreform wurde
angenommen.
Hintergrund
Die Finanzen der Städte und
Gemeinden sind in einem dramatischen Zustand. Der Deutsche
Städtetag schätzt das Defizit der kommunalen Haushalte
in Deutschland für das laufende Jahr auf insgesamt 9,9
Milliarden Euro. In Schleswig-Holstein gehen die Kommunen
davon aus, dass ihre Einnahmen 2003 um mehr als 100
Millionen Euro unter den geplanten Ansätzen liegen
werden. Gründe für diese Entwicklung sind unter anderem
der Rückgang der Gewerbesteuer-Einnahmen, die gestiegenen
Aufwendungen für Sozialhilfe und der Tarifabschluss im
Öffentlichen Dienst. Mögliche Konsequenz: Die Gemeinden
werden ihre Angebote in den Bereichen Kindertagesstätten
(KITAs), Büchereien, Theater und Museen nicht mehr
aufrecht erhalten können sowie bei ihren Aufgaben bei der
Instandhaltung von öffentlichen Gebäuden und Straßen
Abstriche machen müssen.
Zur Entlastung der Kommunen
legt die CDU ein Maßnahmenpaket vor. Die Union plant, die
Gemeinden durch ein "Vorgabebefreiungsgesetz"
auf Antrag von bestimmten Auflagen, zum Beispiel der
personellen Ausstattung der KITAs, zu befreien. Weiterhin
sind eine Senkung der Gewerbesteuer-Umlage zugunsten der
Gemeinden und die Erhöhung der Investitionszuweisungen
des Landes für Infrastruktur im Gespräch.
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