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HDW: Arbeiter
bangen, Landtag berät
Lage der Werften weckt Emotionen
im Parlament
Kiel (lno/SHL). Die vorgesehenen Entlassungen bei den Kieler
Howaldtswerken-Deutsche Werft AG (HDW) haben im schleswig-holsteinischen Landtag für einen heftigen politischen Schlagabtausch
gesorgt. Die Oppositionsparteien CDU und FDP warfen am Mittwoch, 19.
Februar, der Landesregierung mangelnde Unterstützung für die Werften vor.
SPD und Grüne sowie CDU und FDP hatten in gesonderten Anträgen
unterschiedliche Maßnahmen zur Rettung der Werften gefordert.
Ministerpräsidentin Heide Simonis (SPD) erklärte
in einer Regierungserklärung: "Die Landesregierung wird alles tun, um eine Entlassungswelle in der
angekündigten Größenordnung verhindern zu helfen." Allerdings räumte
sie ein: "Aber wir können nichts ohne oder gar gegen die Unternehmensführung bewirken."
HDW: 750 Stellen auf
der Kippe
Der HDW-Vorstand hatte in der vergangenen Woche erklärt, dass
angesichts dramatisch verschlechterter Wettbewerbsbedingungen im Handelsschiffbau 742 der noch rund
3.400 Mitarbeiter entlassen werden sollen. Zukünftig müsse sich HDW auf den Bau von Marineschiffe sowie
kleineren Spezialschiffen konzentrieren.
Simonis und Wirtschaftsminister
Bernd Rohwer (SPD) betonten, die Krise bei HDW habe mehrere Gründe, die zum Teil auch im Unternehmen
selbst zu finden seien. An fehlenden Wettbewerbshilfen habe es jedoch
nicht gelegen, denn "die beste Werftenhilfe nützt nichts, wenn keine
Aufträge da sind". Der Europäischen Union warf Simonis vor, keine
Gegenmaßnahmen gegen südkoreanische Dumpingpreise im Handelsschiffbau
unternommen zu haben. Das derzeitige "Hickhack" um Landesbürgschaften
für Schiffbau und Schifffahrt zeige ebenfalls Brüsseler Unverständnis. Konkret wolle sie jetzt die Bundesregierung um
Unterstützung bei der EU bitten, die Landesbürgschaften beibehalten
zu können.
CDU fordert
Planungssicherheit
CDU-Oppositionsführer Martin Kayenburg forderte Bundesregierung
und die norddeutschen Küstenländer auf, kurzfristig eine Werftenkonferenz einzuberufen. Dabei müsse deutlich formuliert
werden, welche Bedeutung dem Schiffbau in Deutschland zugemessen werde und mit welchen Mitteln die Werften erhalten werden können.
Und: "Schaffen Sie endlich Planungssicherheit für alle Werften
im Lande", wandte er sich direkt an Ministerpräsidentin
Simonis.
"Wir scheuen uns nicht, mit
der CDU an einem Strang zu ziehen, wenn es darum geht, für eine
Beteiligung des Bundes von 50 Prozent an der Wettbewerbshilfe zu
streiten", stellte Renate Gröpel (SPD) klar. Zur Zeit werden
diese Zahlungen zu einem Drittel vom Bund und zu zwei Dritteln vom
Land getragen.
Der FDP-Abgeordnete Heiner Garg beschuldigte Landesregierung und die
rot-grüne Koalition, "durch ihre halbherzige Politik den schleswig-holsteinischen Werften geschadet zu haben und weiterhin zu
schaden". Alle Möglichkeiten der Werftenhilfe müssten voll
ausgeschöpft werden.
Kein Ausstieg aus zivilem Schiffbau
"Es darf keinen Ausstieg aus dem zivilen
Schiffbau geben", forderte Karl-Martin Hentschel (Grüne) in
Bezug auf die Entscheidung des HDW-Vorstandes, sich in Zukunft auf
den Militärschiffbau zu konzentrieren. Die Mitarbeiter der Werft
hätten ihren Teil dazu beigetragen, um die HDW wettbewerbsfähig zu
halten. Auch die Landesregierung halte an dem Instrument der
Landesbürgschaften fest.
Anke Spoorendonk (SSW) sprach sich erneut für eine
Fortführung der Werftenhilfe aus. Dabei könne es nicht angehen,
dass die schleswig-holsteinischen Werften einen Wettbewerbsnachteil
im Vergleich zu den anderen deutschen Werften hätten, nur weil die
Landesregierung nicht alle Möglichkeiten der Bürgschaften
ausschöpfe.
Flugblatt-Aktion
Mitglieder des HDW-Betriebsrates hatten vor der Sitzung Simonis
und allen Abgeordneten ein Flugblatt überreicht, in dem um Hilfe gegen die drohenden Entlassungen gebeten wird. Dem HDW-Vorstand wird
darin außerdem vorgeworfen, "Unternehmenssanierung auf Kosten der
Beschäftigten" betreiben zu wollen.
Beschlussfassung:
Der erste Abschnitt des Antrages von CDU und FDP (Drs. 15/2491)
wurde einstimmig angenommen, der zweite Absatz von der rot-grünen
Mehrheit abgelehnt. Der Antrag von SPD und Grünen (15/2439) wurde
mit den Stimmen von SPD, Grünen, SSW und einigen Stimmen von der
CDU, bei Enthaltung der FDP, angenommen.
Die FDP hat ihren Antrag zurückgezogen.
Hauptredner:
Ministerpräsidentin Heide
Simonis (SPD), Martin Kayenburg (CDU), Renate Gröpel (SPD), Heiner
Garg (FDP), Anke Spoorendonk (SSW)
Hintergrund: HDW
Die Howaldtswerke-Deutsche
Werft AG (HDW) ist Deutschlands größter Schiffbauer.
Rund 3.400 Beschäftigte bauen am Kieler Ostufer Marine-
und Handelsschiffe. HDW produziert Hochtechnologie,
beispielsweise für nichtnukleare U-Boote mit
Wasserstoffbrennstoffzelle. Die erste Tarnkappen-Korvette
der Welt stammt von der schwedischen HDW-Tochter Kockums.
Zusammen mit ihren Tochtergesellschaften
beschäftigt die HDW-Gruppe rund 6.500 Mitarbeiter in
Deutschland, Griechenland und Schweden. Der Sitz der
Gruppe ist Kiel mit Haupt-Aktivitäten in Kiel, Rendsburg,
Karlskrona (Schweden), Malmö (Schweden) und Skaramanga
(Griechenland). Die Aktienmehrheit an HDW hält One Equity
Partners (USA).
Im Geschäftsjahr 2000/2001 betrug der Umsatz 461
Millionen Euro, der Auftragsbestand wurde zuletzt mit
4,544 Milliarden Euro angegeben.
Auf Grund der starken internationalen Konkurrenz,
insbesondere durch Billig-Anbieter aus Fernost, und der
geringen Aufträge im Bereich Handelsschiffbau plant der
Vorstand 750 Entlassungen bis Mai 2004 am Standort Kiel.
Situation der Werften
Im deutschen
Schiffbau ist die Zahl der Beschäftigten seit 1975 um 80
Prozent gesunken. Der Hauptgrund: die Billig-Konkurrenz
aus Fernost. Knapp 6.000 Menschen arbeiten zurzeit noch
auf den zehn Werften in Schleswig-Holstein – gut die
Hälfte davon bei HDW in Kiel. Flender in Lübeck und die
Flensburger Schiffbau-Gesellschaft (FSG) folgen mit 800
beziehungsweise 650 Mitarbeitern. Hinzu kommen tausende
Arbeitsplätze in Zulieferbetrieben in ganz Deutschland.
Bund und
Land unterstützen die Werften mit Beihilfen, deren Höhe
von der EU-Kommission festgelegt wird. Beim Bau von
Containerschiffen und Chemietankern können beispielsweise
bis zu sechs Prozent des Auftragswertes vom Staat
übernommen werden. Voraussetzung: Die deutsche Werft
konkurriert mit einem Billig-Anbieter um den Auftrag. Die
Zahlungen werden zu einem Drittel vom Bund und zu zwei
Dritteln vom Land geleistet. Schleswig-Holstein hat diese
Wettbewerbshilfen zuletzt nicht in voller Höhe gezahlt.
Ein
weiteres Problem: Die EU-Kommission betrachtet
Bürgschaften, mit denen das Land eine Werft während der
Bauphase eines Schiffes finanziell absichert, als illegale
Wettbewerbshilfen und will diese verbieten.
Stichwort
Die Ministerpräsidentin und
die Mitglieder der Landesregierung haben die Möglichkeit,
während einer Plenarsitzung des Landtages eine
Regierungserklärung, d.h. eine Stellungnahme zu einem
aktuellen politischen Thema, abzugeben. Grundlagen dieser
Regelung sind Artikel 21 der Landesverfassung und
Paragraph 48 der Geschäftsordnung. Der Landtag kann im
Anschluss an eine Regierungserklärung eine Aussprache zu
diesem Thema vornehmen, deren Dauer im Ältestenrat
festgelegt wird.
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