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Landtagspräsident:
"Prozess von historischer Dimension"
Landtag plädiert für Reform des
Föderalismus
Kiel (SHL). Die Bundesländer
fürchten um ihren politischen Einfluss. Nach ihrer Ansicht haben
sich die Machtverhältnisse in Deutschland zu Gunsten des Bundes
verschoben. Eine Reform des Föderalismus sei daher notwendig. Und:
Auch durch den Übergang von Hoheitsrechten der Länder an die EU
drohe zunehmender Kompetenzverlust. Vor diesem Hintergrund werden am
31. März 2003 die Landesparlamente auf Initiative des
schleswig-holsteinischen Landtagspräsidenten Heinz-Werner Arens auf
dem ersten Föderalismuskonvent in der Hansestadt Lübeck den
offiziellen Schulterschluss üben. Dieser Schritt wurde am Freitag,
21. Februar, von allen Parteien im Landtag ausdrücklich begrüßt
und ein gemeinsamer Antrag zur Stärkung der Landesparlamente auf
den Weg gebracht.
"Wir befinden uns in einem
Prozess von historischer Dimension", erklärte
Landtagspräsident Heinz-Werner Arens (SPD). Der Lübecker Konvent
setze ein Zeichen für die Stärkung des Föderalismus, das in
Zeiten mangelnden Einflusses der Landesparlamente auf Bundesebene
notwendig sei. Der Föderalismus müsse vor allem in zwei Richtungen
modernisiert werden: Zum einen gelte es, die Länderparlamente zu
stärken, zum anderen müsse der Regierungsföderalismus begrenzt
werden. "Wer soll an den Landesparlamenten vorbei, wenn sie mit
einer Stimme sprechen?", fragte der Präsident schließlich
selbstbewusst.
- die ganze Rede des
Präsidenten im Wortlaut....mehr
-
"Europa zu den Menschen
bringen"
"Föderalismus kann nicht stark
sein, ohne starke Parlamente", befand auch der SPD-Abgeordnete
und Vorsitzende des Europaausschusses, Rolf Fischer. Auf
europäischer Ebene sei es wichtig, die deutsche Verfassung auf die
kommende EU-Verfassung vorzubereiten. "Wir haben die Pflicht,
Europa zu den Menschen zu bringen", erklärte Fischer. Mit
Blick auf den kommenden Konvent in Lübeck gab sich Fischer
erwartungsvoll: "Wir stehen erst am Anfang des Weges."
Oppositionsführer Martin Kayenburg
(CDU) sprach sich ebenfalls für eine "Stärkung der
Gesetzgebungskompetenzen der Länder" aus. In diesem Rahmen
sollten auch Entscheidungskompetenzen und Eigenverantwortung der
Parlamente erweitert werden. Der Bund habe sich "in immer mehr
Aufgabenbereiche hineingedrängt", beklagte Kayenburg. Auch im
Bundesrat erfüllten die Länderparlamente lediglich eine
"Zuschauerrolle", während den Landesregierungen
umfangreiche Entscheidungsmöglichkeiten zugebilligt würden.
Schließlich sprach sich der Oppositionsführer auch für eine
weitreichende Steuerautonomie der Länder aus, um deren
Handlungsspielraum zu erweitern.
"Gemischte Zuständigkeiten
abschaffen"
Für den FDP-Abgeordneten Ekkehard
Klug ging es "um die Zukunftsfähigkeit des deutschen
Föderalismus". Länder und Kommunen teilten sich in "viel
zu vielen Bereichen die Zuständigkeiten", beklagte er.
Verwirrung der Bürger um die Verantwortlichkeiten sei die Folge.
Die Lösung liege unter anderem in der radikalen "Abschaffung
gemischter Zuständigkeiten".
Der Fraktionsvorsitzende der Grünen,
Karl-Martin Hentschel, brachte auch Kritik an dem Antrag hervor: Es
sei nicht wahr, dass die Länder immer schwächer würden, erklärte
er. Im Gegenteil: Die Möglichkeit der Länder, im Bundesrat Politik
zu machen seien sogar gestiegen. Lediglich bei der
Gesetzgebungskompetenz seien die Landesparlamente eingeschränkt.
Hentschel sprach sich klar gegen mehr "Einmischungsrechte"
der Länder auf Bundes- oder EU-Ebene aus. Dies würde die auf
Bundesebene ohnehin schon vorhandenen Blockadeinstrumente nur auf
die EU-Ebene verlagern. Stattdessen gelte es, die
"Kompetenzebenen zu trennen." "Wir wollen eine
Stärkung der Länderparlamente, aber über das Wie müssen wir noch
nachdenken", schloss Hentschel
"Föderalismus steckt in der Krise"
"Der Föderalismus steckt in
einer so tiefen Krise, dass ein Zusammenbruch droht", so die
SSW-Abgeordnete Anke Spoorendonk. Die Länderparlamente liefen
Gefahr, überflüssig zu werden. Insbesondere gegenüber der
Landesregierung müssten sie "ihre
berechtigten Forderungen" geltend machen. Auch Spoorendonk
warnte mit Blick auf die Europaebene, "das bürokratische Monstrum EU
nicht noch weiter mit neuen Institutionen zu füttern."
Ministerpräsidentin Heide Simonis
(SPD) sprach dem Lübecker Konvent eine "große Bedeutung für
die Rolle des Föderalismus im europäischen
Erweiterungsprozess" zu. Dennoch dürfe es bei der Kontrolle
der Subsidiarität nicht "zum Aufbau einer neuen
Bürokratie" kommen, warnte die Ministerpräsidentin, die dem
Parlament einen "engen Kontakt zwischen Regierung und
Parlament" anbot.
Hintergrund
Am 31. März wird auf Initiative von
Landtagspräsident Heinz-Werner Arens erstmals ein Konvent
zum Föderalismus stattfinden. Ziel des Treffens
hochrangiger Vertreter aus allen 16 Landesparlamenten der
Bundesrepublik Deutschland ist es, stärkere
Mitwirkungsmöglichkeiten in europäischen und nationalen
Angelegenheiten einzufordern. Der "Förderalismuskonvent",
zu dem auch Bundespräsident Johannes Rau erwartet wird,
findet in Lübeck statt. In eine gemeinsame
"Lübecker Erklärung" sollen später die
Vorstellungen und Erwartungen zur Stärkung der Länder
und ihrer Parlamente einfließen.
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Information:
Landtagszeitung 02/2003
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