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Unicef-Kinderstudie
ein
"Wink mit dem Zaunpfahl"?
Lebenswelt der
Kinder im Land nicht optimal / Ministerin will persönlich mit dem
Verfasser der Studie diskutieren
Kiel (SHL/21.02.)
Mit Besorgnis haben Vertreter aller Landtagsparteien auf die
jüngsten Ergebnisse der Unicef-Studie reagiert, wonach Deutschland in
einer Gegenüberstellung der Lebensumstände von Kindern in 21
Industrieländern nur auf Platz elf rangiert. Auf demselben Rang
liegt Schleswig-Holstein im Bundesländervergleich. Die
Abgeordneten sprachen sich in einer von der FDP beantragten
Aktuellen Stunde dafür aus, Konsequenzen aus der Untersuchung zu
ziehen. Konkrete neue Vorschläge wurden jedoch nicht benannt.
Schleswig-Holsteins Familienministerin Gitta Trauernicht (SPD)
kündigte an, sie werde den Verfasser der Kinderstudie einladen, um mit ihm
persönlich zu sprechen.
Die Ministerin
verwies in der Debatte auf den bestehenden Kinder- und
Jugendaktionsplan im Land. Dieser müsse dahingehend ergänzt
werden, dass "nicht nur die Familie, sondern auch das
familiäre Umfeld entwickelt werden", so Trauernicht. Auch
darüber wolle sie mit Studienchef Prof. Hans
Bertram von der Humboldt-Universität Berlin diskutieren.
Der
sozialpolitische Sprecher der Liberalen, Heiner Garg (Foto),
verlangte in diesem Zusammenhang die Vernetzung verschiedener
Politikfelder, um ordentliche Rahmenbedingungen für die Erziehung
von Kindern zu schaffen. Er kritisierte auch die Vorsitzende der
deutschen Unicef-Sektion, die ehemalige Ministerpräsidentin Heide
Simonis (SPD). Sie sei in zwölf Jahren Regierungszeit für viele
der Probleme mit verantwortlich, die sie nun bemängle – wie
etwa fehlende Strukturen für die frühkindliche Erziehung oder
die Einrichtung von Ganztagsschulen.
CDU: Nicht nur der
Staat ist gefordert
Niclas Herbst
(CDU) lobte die bestehenden Kinder- und Jugendprojekte im Land. Er warnte
davor, ständig nach dem Staat zu rufen: "Die durch die
Studie zu Tage gekommenen Probleme bei der Kommunikation von
Eltern und Kindern kann man nicht durch Gesetze lösen". Hier
müsse an das Bewusstsein der Eltern appelliert werden, so Herbst.
Es müsse auch darüber nachgedacht werden, "weshalb das
Verhältnis zwischen Eltern und Kindern gerade in finanziell gut
gestellten Ländern so schlecht ist", fügte die
SPD-Abgeordnete Sandra Redmann an. Sie rügte, dass sich die
Kommunen zunehmend dagegen sperrten, Kinder und Jugendliche an sie
betreffende Entscheidungen zu beteiligen.
Monika Heinold von den
Grünen forderte, Kinder nicht als "Lösung politischer
Problemfelder" – wie etwa die Sanierung der Sozialkassen
– zu betrachten. Es müsse ein Umdenken bei der
finanzpolitischen Prioritäten-Setzung erfolgen. Die
Sozialpolitikerin der Grünen nannte es eine Schande, dass "Kinder
keine in der Verfassung festgeschriebenen Rechte haben".
SSW: Steuerpolitik
kinderfeindlich
Für SSW-Frau Anke
Spoorendonk ist die Unicef-Studie ein "Wink mit dem
Zaunpfahl". Sie nannte die Steuerpolitik kinderfeindlich und
beklagte, dass viele Familien- und Jugendprojekte nur für eine
gewisse Zeit mit Mitteln ausgestattet würden und dann ausliefen.
Unicef hatte
vergangene Woche die Studie vorgelegt. Das Kinderhilfswerk hatte
sechs Lebensbereiche untersuchen lassen. Dazu zählte die
materielle Situation von Kindern, ihre Bildung und Gesundheit. Die
Studie berücksichtigte aber auch die Beziehungen zu Eltern und
Gleichaltrigen, die Lebensweise sowie die
Selbsteinschätzung von Kindern und Jugendlichen. Viele Daten
stammten aus bereits bekannten Untersuchungen wie der
PISA-Bildungsstudie.
Hintergrund:
Auf Antrag der FDP debattiert der
Landtag in einer Aktuellen Stunde über die Ergebnisse der
vor kurzem veröffentlichten Unicef-Studie zur Situation
von Kindern in den Industrieländern.
Demnach bietet Deutschland seinem Nachwuchs nur
mittelmäßige Zukunftschancen. Bei einem Vergleich der
Lebensumstände von Kindern in 21 Industrieländern
rangiert die Bundesrepublik lediglich auf Platz elf. Als
kinderfreundlichstes Land führen die Niederlande die
Tabelle an, gefolgt von Schweden, Dänemark und Finnland.
Besonders schlecht schnitten Großbritannien, die USA,
Österreich und Ungarn ab.
Im Vergleich der Bundesländer kommt
Schleswig-Holstein auf den 11. Platz. Baden-Württemberg
und Bayern liegen vorne. Die besten Noten erhielt das Land
zwischen den Meeren beim Aspekt der materiellen Lage (5.
Platz). Am schlechtesten funktionieren im Lande die
Beziehungen zu Eltern und Freunden (15. Platz). Bei der
Bildung rangiert Schleswig-Holstein an 12. Stelle.
In die Studie bezog Unicef Faktoren aus insgesamt
sechs Lebensbereichen ein. Dazu zählen die materielle
Situation von Kindern, ihre Gesundheit und ihre Bildung.
Die Studie berücksichtigt aber auch die Beziehungen zu
Eltern und Gleichaltrigen, die Lebensweise und Risiken
sowie die Selbsteinschätzung von Kindern und
Jugendlichen. Viele Daten stammen aus bereits bekannten
Untersuchungen wie der PISA-Bildungsstudie.
Die Vorsitzende der deutschen Unicef-Sektion, die
ehemalige Ministerpräsidentin Heide Simonis, kritisierte:
Mit Großbritannien teile sich die Bundesrepublik den
zweifelhaften Ruhm, dass Kinder und Jugendliche am
häufigsten Alkohol tränken. Beim Rauchen belege
Deutschland sogar den negativen Spitzenplatz. In der
subjektiven Einschätzung ihrer Kinder redeten deutsche
Eltern viel zu wenig mit ihrem Nachwuchs. Ein Drittel der
Jugendlichen rechne auch nicht damit, später eine
qualifizierte Arbeit zu finden.
Demgegenüber zeichnen sich die nordeuropäischen
Sieger-Staaten nach Ansicht von Unicef durch eine
ressortübergreifende Familienpolitik aus. Dazu gehörten
Krippen und Kindergärten genauso wie Impfprogramme und
Verkehrssicherheit. Nach Einschätzung dänischer
Demographen ist es durch diese Mischung gelungen, die
Geburtenraten zu stabilisieren und beiden Elternteilen
Erwerbsarbeit zu ermöglichen. Ein Ergebnis sei ein
höheres Familieneinkommen.
Stichwort: Aktuelle Stunde
Über
eine bestimmte Frage von allgemeinem Interesse kann eine
Aktuelle Stunde von einer Fraktion oder von mindestens fünf
Abgeordneten beantragt werden. Die Redebeiträge einzelner
Abgeordneter dürfen nicht länger als fünf Minuten
dauern und zusammengenommen sechzig Minuten nicht überschreiten.
Die von Mitgliedern der Landesregierung in Anspruch
genommene Redezeit bleibt dabei unberücksichtigt, sollte
aber dreißig Minuten nicht überschreiten.
Eine Aktuelle Stunde findet auch statt, wenn während
einer Fragestunde ein Fragesteller die Beantwortung durch
die Landesregierung für unzureichend hält. Die
Aussprache muss unmittelbar nach Schluss der Fragestunde
verlangt und durchgeführt werden.
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