plenum-online wird während der Tagung ständig aktualisiert. Betätigen Sie bitte bei Aufruf einer Seite die Funktion "Neu laden" , "Aktualisieren" oder "reload", um ggf. die neueste Fassung zu erhalten.  

Auf dieser Seite: Polizeigesetz

xxx

Top 03:
Entwurf eines Gesetzes zur Anpassung gefahrenabwehrrechtlicher und verwaltungsverfahrensrechtlicher Bestimmungen
Gesetzentwurf der Landesregierung – Drucksache 16/670
(Ausschussüberweisung am 23. März 2006)
Bericht und Beschlussempfehlung des Innen- und Rechtsausschusses
Änderungsantrag der Fraktionen von CDU und SPD –
Drs. 16/1246
Drucksache: 16/1163
-Plenarprotokoll-

Mehr Kompetenzen für Polizei – Opposition wittert "Verfassungsbruch"

Innenminister Ralf Stegner (Foto/rechts) und
Oppositionsführer Wolfgang Kubicki im Clinch

Kiel (SHL/22.02.) Schleswig-Holsteins Polizisten werden bei der Kriminalitätsbekämpfung mit deutlich ausgeweiteten Überwachungs- und Kontrollkompetenzen ausgestattet. Der Landtag hat das neue Polizeigesetz mit den Stimmen der schwarz-roten Koalition beschlossen – trotz heftiger Proteste der Opposition, wie auch von Juristen und Datenschützern. Auch der Wissenschaftliche Dienst des Landtages hatte in einem Gutachten Einwände geäußert. Besonders umstritten sind Telefon- und Videoüberwachung sowie die automatische Aufzeichnung von Autokennzeichen. Dennoch sprach Innenminister Ralf Stegner (SPD) im Plenum von einem "modernen, praxistauglichen und liberalen Gesetz". Er verwies insbesondere auf den technischen Fortschritt der Kriminellen in den letzten Jahren. Hiergegen müsse sich der Staat wappnen, so Stegner. Oppositionsführer und FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki ließ hingegen keine gutes Haar an dem Gesetzwerk der Landesregierung: Es leiste einer "Jedermann-Überwachung" Vorschub und sei "in Teilen verfassungswidrig".

Einige weitere Neuerungen: Die Polizei kann laut dem Gesetz künftig "zur vorbeugenden Bekämpfung von Straftaten Anhalte- und Sichtkontrollen vornehmen und öffentliche Plätze für einen Zeitraum von sechs Monaten per Video überwachen. Auch die elektronische Speicherung von Kfz-Kennzeichen ist nun in einer zweijährigen Testphase möglich. Und: Die Beamten können gegen potentielle Straftäter Platzverbote aussprechen.

Kubicki: Hohes Risiko für Polizisten 

"Das Gesetz wimmelt nur so vor unbestimmten Rechtsbegriffen", bemängelte Kubicki die neuen Vorgaben. Dies werde für Unsicherheit bei den Beamten sorgen und sie bei ihrer Arbeit einem "hohen Risiko" aussetzen. Grünen-Fraktionschef Karl-Martin Hentschel verwies darauf, dass sich "die gesamte juristische Kompetenz des Landes" in der Ausschussanhörung gegen das Gesetz ausgesprochen habe. So habe allein der Wissenschaftliche Dienst bei 16 Passagen verfassungsrechtliche Bedenken geäußert. Auch die Nachbesserungen der Koalition hätten diese nicht behoben. 

"Das Traurige" an dem Gesetz, so Anke Spoorendonk (SSW), sei, dass Schleswig-Holstein sein Renommee als liberales Bundesland verliere. Sie befürchtete, dass der Rechtsstaat sich so in einen "Präventionsstaat" verwandle und kündigte an, eine Verfassungsklage zu prüfen.

Stegner: "Kein Orwell-Staat"

"Schleswig-Holstein wird kein Orwellscher Überwachungsstaat", hielt Minister Stegner dagegen. Er betonte aber, der Staat müsse in erster Linie seine Bürger schützen: Der Datenschutz der Täter dürfe "nicht der vorbeugenden Bekämpfung von Kriminalität entgegenstehen".

Peter Lehnert (CDU) und Klaus-Peter Puls (SPD) unterstützten den Minister. "Kriminalität ist leider professioneller und gewaltbereiter geworden", so Lehnert. Vor diesem Hintergrund sei das neue Gesetz "ein weiterer wichtiger Schritt zu mehr Sicherheit". "Wir dürfen für die Freiheit nicht den Tod von Menschen in Kauf nehmen", ergänzte Puls. Die Verfassungsbruch-Vorwürfe der Opposition bezeichnete er als "Anmaßung".

Druckversion

zurück zum Textanfang

Hintergrund:
  Der Landtag berät in Zweiter Lesung einen Entwurf der Landesregierung zur Änderung des Polizeirechts. Der Innen- und Rechtsausschuss empfiehlt dem Landtag, die Vorlage des Innenministeriums mit einer Reihe von Änderungen anzunehmen. Schwarz-Rot stimmte im Ausschuss für das Papier, Liberale und Grüne dagegen.
  Der Innen- und Rechtsausschuss hat in seinen Beratungen einige Änderungen zum Ursprungsentwurf der Regierung erarbeitet. Diese waren nötig geworden, nachdem ein von der FDP-Fraktion in Auftrag gegebenes Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Landtages Teile des Gesetzes beanstandet hatte. Die Parlamentsjuristen bemängelten unklar abgefasste Normen und Rechtsbegriffe. So sei der vorgesehene dreitägige Lauschangriff auf verdächtige Wohnungen ohne richterliche Genehmigung "mit der Verfassung nicht vereinbar". Auch die Speicherung von Autokennzeichen sei "problematisch". Die anderen Oppositionsfraktionen sowie Datenschützer hatten den Entwurf ebenfalls kritisiert.

  Der schwarz-rote Koalitionsausschuss hat daraufhin verschiedene Beschränkungen und Präzisierungen für die Polizei angeregt, die sich in der Ausschussempfehlungen widerspiegeln:
  • Anhalte- und Sichtkontrollen sollen nur "zur vorbeugenden Bekämpfung von Straftaten von erheblicher Bedeutung" erlaubt sein, "bei denen Schaden für Leib, Leben oder Freiheit oder gleichwertiger Schaden für Sach- oder Vermögenswerte oder die Umwelt zu erwarten sind". Diese genaue Definition fehlte im Regierungsentwurf.
  • Die Video-Überwachung des öffentlichen Raums "ist örtlich auf den erforderlichen Bereich zu beschränken und auf sechs Monate zu befristen". Auch diese Einschränkung war bislang nicht vorgesehen.
  • Bei der geplanten elektronischen Speicherung von Kfz-Kennzeichen wird ein Passus hinzugefügt, demnach "der flächendeckende stationäre Einsatz (…) nicht zulässig" ist.
  • Die Vorgaben für die polizeiliche Telefon-Überwachung werden präzisiert. Sie ist nur zulässig "zur Abwehr einer gegenwärtigen Gefahr für Leib, Leben und Freiheit einer Person, wenn dieses zur Aufklärung des Sachsverhalts unerlässlich ist".
  • Auch für Platzverbote sollen strengere Regeln angelegt werden. Geht von einer Person eine unmittelbare Gefahr aus, "kann ihr, wenn auf andere Weise die Schadensverhütung nicht möglich erscheint, zeitlich befristet verboten werden, diesen Bereich zu betreten". Eine Verlängerung dieser Anordnung bedarf einer richterlichen Entscheidung.

Das Innenministerium hat seinen Vorstoß zur Neufassung des Polizeigesetzes damit begründet, dass die organisierte Kriminalität technisch aufgerüstet habe und international vernetzt und organisiert sei. Die letzte grundlegende Änderung des Landespolizeirechts liegt 14 Jahre zurück. Inzwischen sei die Kriminalität, etwa durch die Verwendung von Handys und durch das neue Feld der Internetkriminalität, internationaler und organisierter geworden. Dies zeige sich auch in den Bereichen , Menschenhandel oder Verschiebung von Auto.
  Die Landtagsopposition und das Unabhängige Landeszentrum für den Datenschutz halten trotz der Korrekturen an ihrer ablehnenden Haltung fest.
 
Aktuell: Einen Tag vor der Aussprache haben CDU und SPD einen Änderungsantrag vorgelegt:
s. Drucksache 16/1246

mehr Informationen: plenum-online, März 2006 (1. Lesung)
(www.sh-landtag.de/plenumonline/maerz2006/
texte/11_18_polizeigesetz_luftsicherheit.htm)

zurück zum Textanfang

* * * * *

 

Themen-Übersicht

A k t u e l l e s

Aktuelle Stunde:
Kinderstudie Unicef

Dringlichkeit: Giftmüll

Außerdem notiert: 
Herzlichen Glückwunsch

I n n e n  / R e c h t

2. Lesungen:
Medienstaatsvertrag
Rundfunkänderungsvertrag
Polizeigesetz
Informations-Freiheitsgesetz
Anträge:
Denkmalschutz Quickborn
Kommunalreform
Politischer Extremismus u. Fremdenfeindlichkeit
(ohne Aussprache)
Wahlausschuss ehren-
amtliche Verwaltungsrichter

(ohne Aussprache)

F i n a n z e nt

Antrag:
Kommun.Finanzausgleich
(ohne Aussprache)

S o z i a l e s  / A r b e i t  / G e s u n d h e i t

Anträge:
Gesundheitsreform
Kontrollierte Heroinvergabe
Renten-Eintrittsalter
(ohne Aussprache)

Aktuelle Stunde:
Kinderstudie Unicef

W i r t s c h a f t  /
V e r k e h r  /  T e c h n i k

Anträge:
Windenergie
Stromnetze
(ohne Aussprache)

 A g r a r  /  U m w e l t  / 
E n e r g i e  / F o r s t e n

2. Lesung:
Landesnaturschutzgesetz/
Naturschutzbeauftragter
1. Lesung:
Tierschutz
Anträge:
Klimaschutz
Windenergie
Umweltbildung
(ohne Aussprache)

 B i l d u n g  /  K u l t u r  / W i s s e n s c h a f t

Anträge:
Lehrerbildung
Sprachheil-Pädagogoik
Studienplatzvergabe (ZVS)
(ohne Aussprache)
Berichte:
EU-Forschungsprogramm
Hochschulpakt

 E u r o p a  / O s t s e e –
k o o p e r a t i o n

Anträge:
Rechtsstreit EU-Kommission
"European Clean Ship"
Berichte:
Europabericht 2007
EU-Umgebungslärm-Richtlinie