Westerwelle habe mit seinen umstrittenen
Stellungnahmen keinesfalls die Hartz-IV-Empfänger beschimpfen
wollen, stellte Sozialminister Heiner Garg (FDP) fest. Vielmehr habe
er die „politische Klasse" davor gewarnt, angesichts leerer
Kassen „anstrengungslosen Wohlstand" zu versprechen. Und das,
so Garg, „war genau richtig".
In die gleiche Kerbe schlug Werner Kalinka (CDU).
Nach dem Karlsruher Richterspruch müsse es nun darum gehen „pass-
und zielgenaue Hilfen" für die Betroffenen einzuführen,
anstatt mit einem „Wünsch-dir-was"-Katalog durch die Lande
zu marschieren. Auch über Sachleistungen und Gutscheine für die
Hilfeempfänger müsse man nachdenken, so Kalinka. Leise Kritik an
Westerwelle äußerte CDU-Fraktionschef Christian von Boetticher.
Aus historischer Perspektive sei die Dekadenz-Theorie völlig
falsch. Es sei aber richtig, dass der FDP-Bundesvorsitzende die „Gerechtigkeitsfrage
gestellt" habe.
„Ansonsten wird kein Liberaler jemals
wieder mit Ihnen sprechen"...
FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki, der die Debatte
auf die Tagesordnung gesetzt hatte, forderte von seinem
SPD-Gegenüber Ralf Stegner eine Entschuldigung für dessen Attacken
in den letzten Wochen – ansonsten, so Kubicki an Stegners Adresse,
„wird kein Liberaler jemals wieder mit Ihnen sprechen". Der
von Stegner verwendete Begriff „asozial" sei ein „nationalsozialistischer
Kampfbegriff", so Kubicki.
„Ich bezeichne niemanden in diesem Haus als
asozial", entgegnete Stegner. Zugleich bekräftigte er, dass
die Sozialleistungen in Deutschland „nicht zu hoch" seien.
Vielmehr gebe es bei den Löhnen und den Aufstiegsmöglichkeiten
Nachbesserungsbedarf, um die immer weiter aufklaffende Schere
zwischen Arm und Reich wieder zu schließen.
Opposition fordert Mindestlohn
Stegner plädierte wie auch Grüne, Linke und SSW
für einen gesetzlichen Mindestlohn, um auch nach dem BVerfG-Spruch
das geforderte Lohnabstandsgebot einzuhalten. „Die Probleme des
Sozialstaats löst man nicht, indem man die Betroffenen
beschimpft", betonte Robert Habeck, Fraktionsvorsitzender der
Grünen. Er wies darauf hin, dass 1,5 Millionen Menschen in
Deutschland einen Vollzeit-Job ausübten, obwohl sie wegen des
geringen Lohns auf eine Hartz-IV-Aufstockung angewiesen seien.
Heinz-Werner Jezewski (Linke) stellte schlicht fest:
„Wir brauchen mehr Arbeitsplätze". Er machte sich für ein
Arbeitsmarktprogramm stark und forderte einen Mindestlohn von zehn
Euro pro Stunde. Denn: „Wer für drei Euro nicht arbeitet,
beweist, dass ihm der gesunde Menschenverstand nicht abhanden
gekommen ist." Auch Anke Spoorendonk (SSW) hielt es für eine
„logische Konsequenz" aus dem BVerfG-Urteil, niedrige
Einkommen zu entlasten und auf eine „Kultur des Förderns" zu
setzen, „die den Menschen Lebensperspektiven aufzeigt".
Weitere Redner:
Ellen Streitbörger (Linke), Christopher Vogt (FDP), Wolfgang Baasch
(SPD), Marret Bohn (Grüne)