Europa-Bericht:
Türkei-Beitritt
sorgt für Streit
Kiel (SHL). Lob für die Meerespolitik der
Landesregierung, unterschiedliche Positionen bei der Frage eines
EU-Beitritts der Türkei: Die Debatte über den Europabericht
2003/2004 der Landesregierung entwickelte sich am Mittwoch, 26.
Januar 2005, zu einer General-Aussprache über die
schleswig-holsteinische und die deutsche Europapolitik. Die in
Brüssel erfolgreich angestoßene Initiative "Zukunft
Meer" für eine koordinierte europäische Meerespolitik, etwa
in den Bereichen Forschung und Schiffssicherheit, zeige, dass auch
ein kleines Land in Brüssel etwas durchsetzen könne, betonte
Ministerpräsidentin Heide Simonis (SPD).
Während der CDU-Abgeordnete Uwe Greve bei diesem
Punkt noch "wenig Unterschiede" in der Bewertung
ausmachte, sorgte seine Position zu dem beabsichtigten EU-Beitritt
der Türkei für emotionale Diskussionen. So befürchtete Greve
Probleme, die durch eine zusätzliche Migration aus der Türkei
nach Deutschland hervorgerufen werden könnten – zumal vor allem
"Unterschichten" einwandern würden – und warnte vor
einer "Überdehnung Europas" durch eine Mitgliedschaft
der Türkei. Das veranlasste wiederum Simonis dazu, vor "Populismus"
zu warnen; auch muslimische Länder hätten demokratische
Institutionen. Bereits 1963 seien den Türken
Beitrittsverhandlungen in Aussicht gestellt worden, sagte Ulrike
Rodust (SPD). Nach ihrer Ansicht würde ein Beitritt das "Modell
Türkei" in der gesamten islamischen Welt attraktiv machen.
Detlef Matthiessen (Grüne) kritisierte Greves Wortwahl als
rechtsgerichtet. Schleswig-Holstein sei ein weltoffenes und
tolerantes Land, betonte er.
Landtag fordert stärkere Berücksichtigung
regionaler Interessen in Brüssel
Joachim Behm (FDP) und Anke Spoorendonk (SSW)
richteten den Blick auf die Situation in Schleswig-Holstein. Das
Land müsse seine Rolle als "Drehscheibe und
Schnittstelle" nach Nordeuropa und in die neuen
Beitrittsländer besser ausfüllen, forderte Behm –
etwa durch den Ausbau der Autobahn A 20 und die Errichtung einer
festen Fehmarnbelt-Querung. Aber "hier organisieren die
Grünen den Widerstand", beklagte er. Spoorendonk plädierte
für "europafähige Kommunen". Schleswig-Holstein könne
mehr Fördergelder aus Brüssel abrufen, wenn es größere
kommunale Einheiten gebe. Nach der Kommunalreform in Dänemark, so
die Vorsitzende der SSW-Landtagsgruppe weiter, müsse die
Landesregierung "in die Puschen Kommen" und ein
gemeinsames Politik-Leitbild mit Dänemark absprechen. Die
Kommunen im Lande seien zu klein, beklagte auch
Ministerpräsidentin Simonis.
Einigkeit im Plenum herrschte bei einem weiteren
Punkt: Die Abgeordneten und die Landesregierung forderten unisono
die stärkere Berücksichtigung regionaler Interessen,
insbesondere der Landesparlamente, bei den Brüsseler
Meinungsbildungsprozessen.