Druckversion
zurück zur Textseite


Top 35 :
Bericht über die Weiterentwicklung des Schulsystems in Schleswig-Holstein
Landtagsbeschluss vom 10. November 2005 – Drs. 16/353neu
Federführend ist das Ministerium für Bildung und Frauen – 
Drs. 16/495

Schulreform nimmt Gestalt an 

Aber: Gemeinschaftsschule bleibt Zankapfel
zwischen CDU und SPD

Kiel (SHL/25.01.) Turbo-Abi nach zwölf Jahren, Profil-Oberstufe, Vergleichsarbeiten in den Klassen 3, 6 und 8, zentrale Abschlussprüfungen, Sitzenbleiben nur im Ausnahmefall: Auf Schleswig-Holsteins Schulen kommt ein pralles Reformpaket zu. Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD) kündigte in einem von Schwarz-Rot beantragten Regierungsbericht entsprechende Änderungen des Schulgesetzes an. CDU und SPD unterstützten die Ministerin in wesentlichen Punkten, stellten aber auch Differenzen heraus, etwa beim Streit-Thema Gemeinschaftsschule. Die Opposition hingegen übte generell Kritik an den Regierungsplänen: Während Grüne und SSW erneut den Abschied vom dreigliedrigen Schulsystem forderten, verlangte die FDP vor allem eine bessere Unterstützung lernschwacher Schüler.

Im Bildungsbereich dürfe sich "keine Routine" einstellen, begründete Erdsiek-Rave ihre Pläne. Vielmehr müsse die Politik regelmäßig "nachjustieren". Es gehe darum, "mehr Gerechtigkeit, weniger Scheitern, mehr höhere Abschlüsse, mehr individuelle Förderung" sowie ein ausreichendes Schul-Angebot in der Fläche sicherzustellen – all das bei knappen Kassen. Die Ministerin sprach sich gegen die "Gemeinschaftsschule von oben" aus, befürwortete dieses Modell aber zum Erhalt von Standorten mit geringen Schülerzahlen.

"Weiterentwicklung des Schulsystems heißt nicht Gemeinschaftsschule", stellte Sylvia Eisenberg die CDU-Position klar. Sie mahnte an verschiedenen Stellen Nachbesserungen beim Bildungsministerium an. So forderte sie, das Abi nach zwölf Jahren früher als 2008/09 einzuführen und übte Kritik an der weitgehenden Abschaffung der ´Ehrenrunden´: "Das ´Durchreichen’ fällt uns schwer", so Eisenberg.

"Wir brauchen mehr Abiturienten"

Henning Höppner (SPD) beklagte die "starke soziale Differenzierung" im schleswig-holsteinischen Bildungssystem. Nur zwölf Prozent eines Jahrgangs erreichten hier zu lande einen Studienabschluss – damit sei der Norden bundesweit "Schlusslicht". Deswegen forderte er: "Wir brauchen mehr Abiturienten." Neben dem Turbo-Abi als "Privileg der Gymnasien" sei daher der 13-jährige Weg zum Abi, beispielsweise über die Real-, Gesamt- und Gemeinschaftsschule, nach wie vor aktuell.

Ekkehard Klug (FDP) warf der Koalition eine "Fixierung auf eine Schulform-Debatte" vor. Stattdessen solle sich die Regierung mehr um schwächere Schüler kümmern. Dies aber unterlasse die Landesregierung. So würden im Rahmen des neuen Förderfonds die Lehrerstellen im "Gießkannen-Prinzip" verteilt, statt sich auf die Problem-Bereiche zu konzentrieren.

"Antiquiertes Verständnis von Allgemeinbildung"

Karl-Martin Hentschel (Grüne) verwies darauf, dass 22 Prozent aller Schüler am Ende ihrer Schulzeit einen Zeitungstext nicht lesen und verstehen könnten. Dies liege an der "frühen Selektion" an deutschen Schulen. Vor diesem Hintergrund forderte er, das mehrgliedrige System aufzugeben. Schwarz-Rot aber stärke vor allem die Gymnasien und ignoriere die Haupt- und Realschulen – "das ist hochgradig ungerecht".

Auch Anke Spoorendonk (SSW) befand, dass das Zwölf-Jahres-Abi vor allem die soziale Differenzierung verstärke, weil schwache Schüler auf Gesamtschulen und Fachgymnasien verdrängt würden, wo es 13 Jahre dauere und wo es Zulassungsbeschränkungen gebe. Die Profiloberstufe mit Zentral-Abi entspringe einem "antiquierten Verständnis von Allgemeinbildung", kritisierte sie. Spoorendonk forderte zudem die finanzielle Gleichstellung für die Schulen der dänischen Minderheit. Der Dänische Schulverein habe durch das Einfrieren der Landesmittel seit 1997 rund sechs Millionen Euro Verlust gemacht.

Der Bericht wird abschließend im Bildungsausschuss diskutiert.


zurück zur Textseite

* * * * *