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Schulreform nimmt Gestalt an
Aber: Gemeinschaftsschule bleibt Zankapfel
zwischen CDU und SPD
Kiel (SHL/25.01.) Turbo-Abi nach zwölf
Jahren, Profil-Oberstufe, Vergleichsarbeiten in den Klassen 3, 6
und 8, zentrale Abschlussprüfungen, Sitzenbleiben nur im
Ausnahmefall: Auf Schleswig-Holsteins Schulen kommt ein pralles
Reformpaket zu. Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD)
kündigte in einem von Schwarz-Rot beantragten Regierungsbericht
entsprechende Änderungen des Schulgesetzes an. CDU und SPD
unterstützten die Ministerin in wesentlichen Punkten, stellten
aber auch Differenzen heraus, etwa beim Streit-Thema
Gemeinschaftsschule. Die Opposition hingegen übte generell Kritik
an den Regierungsplänen: Während Grüne und SSW erneut den
Abschied vom dreigliedrigen Schulsystem forderten, verlangte die
FDP vor allem eine bessere Unterstützung lernschwacher Schüler.
Im Bildungsbereich dürfe sich "keine
Routine" einstellen, begründete Erdsiek-Rave ihre Pläne.
Vielmehr müsse die Politik regelmäßig "nachjustieren".
Es gehe darum, "mehr Gerechtigkeit, weniger Scheitern, mehr
höhere Abschlüsse, mehr individuelle Förderung" sowie ein
ausreichendes Schul-Angebot in der Fläche sicherzustellen – all
das bei knappen Kassen. Die Ministerin sprach sich gegen die
"Gemeinschaftsschule von oben" aus, befürwortete dieses
Modell aber zum Erhalt von Standorten mit geringen Schülerzahlen.
"Weiterentwicklung des
Schulsystems heißt nicht Gemeinschaftsschule", stellte
Sylvia Eisenberg die CDU-Position klar. Sie mahnte an
verschiedenen Stellen Nachbesserungen beim Bildungsministerium an.
So forderte sie, das Abi nach zwölf Jahren früher als 2008/09
einzuführen und übte Kritik an der weitgehenden Abschaffung der
´Ehrenrunden´: "Das ‚Durchreichen’ fällt uns
schwer", so Eisenberg.
"Wir brauchen mehr Abiturienten"
Henning Höppner (SPD) beklagte die "starke
soziale Differenzierung" im schleswig-holsteinischen
Bildungssystem. Nur zwölf Prozent eines Jahrgangs erreichten hier
zu lande einen Studienabschluss – damit sei der Norden
bundesweit "Schlusslicht". Deswegen forderte er: "Wir
brauchen mehr Abiturienten." Neben dem Turbo-Abi als "Privileg
der Gymnasien" sei daher der 13-jährige Weg zum Abi,
beispielsweise über die Real-, Gesamt- und Gemeinschaftsschule,
nach wie vor aktuell.
Ekkehard Klug (FDP) warf der Koalition eine "Fixierung
auf eine Schulform-Debatte" vor. Stattdessen solle sich die
Regierung mehr um schwächere Schüler kümmern. Dies aber
unterlasse die Landesregierung. So würden im Rahmen des neuen
Förderfonds die Lehrerstellen im "Gießkannen-Prinzip"
verteilt, statt sich auf die Problem-Bereiche zu konzentrieren.
"Antiquiertes Verständnis von
Allgemeinbildung"
Karl-Martin Hentschel (Grüne) verwies darauf,
dass 22 Prozent aller Schüler am Ende ihrer Schulzeit einen
Zeitungstext nicht lesen und verstehen könnten. Dies liege an der
"frühen Selektion" an deutschen Schulen. Vor diesem
Hintergrund forderte er, das mehrgliedrige System aufzugeben.
Schwarz-Rot aber stärke vor allem die Gymnasien und ignoriere die
Haupt- und Realschulen – "das ist hochgradig
ungerecht".
Auch Anke Spoorendonk (SSW) befand, dass das
Zwölf-Jahres-Abi vor allem die soziale Differenzierung
verstärke, weil schwache Schüler auf Gesamtschulen und
Fachgymnasien verdrängt würden, wo es 13 Jahre dauere und wo es
Zulassungsbeschränkungen gebe. Die Profiloberstufe mit
Zentral-Abi entspringe einem "antiquierten Verständnis von
Allgemeinbildung", kritisierte sie. Spoorendonk forderte
zudem die finanzielle Gleichstellung für die Schulen der
dänischen Minderheit. Der Dänische Schulverein habe durch das
Einfrieren der Landesmittel seit 1997 rund sechs Millionen Euro
Verlust gemacht.
Der Bericht wird abschließend im
Bildungsausschuss diskutiert.
Hintergrund:
Auf Antrag von Schwarz-Rot berichtet die
Landesregierung über ihre Pläne zur Umgestaltung des
schleswig-holsteinischen Schulsystems.
Beim Aufbau des Schulwesens ist folgendes
vorgesehen:
- Das
Bildungsministerium spricht sich in Anlehnung an den
CDU/SPD-Koalitionsvertrag für ein "Nebeneinander
von Schulen des gegliederten Schulwesens und
Gemeinschaftsschulen" aus.
- Die Landesregierung
gibt das Ziel aus, "dass Klassenwiederholungen
deutlich reduziert und Rückstufungen nach Abschluss
der Orientierungsstufe weitgehend vermieden
werden". Bundesweit hat Schleswig-Holstein die
höchste Zahl an "Ehrenrunden".
- Stattdessen soll für
eine bessere individuelle Förderung gesorgt werden.
So soll ab dem kommenden Schuljahr ein Förderfonds
für die Schulen der Sekundarstufe 1 (5. bis 10.
Schuljahr) eingerichtet werden, der bis 2010 auf
insgesamt 200 Lehrer-Stellen anwachsen soll.
- Die
Kindertagesstätten erhalten einen Bildungsauftrag und
sollen enger mit den Grundschulen zusammenarbeiten. (mehr
Info:
plenum-online, Dezember
2005)
Das soll
sich für Haupt- und Realschüler ändern:
- Bei
Hauptschulabschluss und Mittlerer Reife sollen in
Deutsch, Mathe und der ersten Fremdsprache zentrale
Prüfungen eingeführt werden.
- Das Schulsystem soll
nach oben hin durchlässiger werden: Hauptschüler
sollen bei entsprechenden Leistungen nach der 9.
Klasse leichter auf die Realschule, Realschüler nach
der 10. Klasse leichter aufs Gymnasium gehen können.
Das soll
sich an den Gymnasien ändern:
- Das Zentralabitur
soll 2008 „zunächst nur in einer Auswahl von
Fächern" starten. Die Abi-Prüfung soll ab 2011
um ein fünftes Prüfungsfach ergänzt werden.
- An die Stelle des
bisherigen Kurssystems soll die Profil-Oberstufe
treten, wobei jede Schule mindestens zwei Profile
(sprachlich, naturwissenschaftlich, gesellschaftlich,
künstlerisch) anbieten soll.
- Ab dem Schuljahr
2008/09 kommt, wie bereits in den meisten anderen
Bundesländern, das "Abi nach zwölf
Jahren". Die Zahl der Unterrichtsstunden bis zum
Abi soll aber gleich bleiben. (mehr Info: plenum-online, November
2005)
Das soll
sich an den Berufsschulen ändern:
- Die Berufsschulen
sollen in Regionale Bildungszentren (RBZ) umgewandelt
werden. Das bedeutet: Sie erhalten mehr individuellen
Freiraum bei der Unterrichtsgestaltung. Den sollen sie
zu einer engeren Abstimmung an den Bedürfnissen der
örtlichen Wirtschaftsbetriebe nutzen.
- Zu diesem Zweck
werden die RBZ in Anstalten des öffentlichen Rechts
umgewandelt, in denen ein Verwaltungsrat und eine
Geschäftsführung eingerichtet werden. Die Stadt oder
der Kreis bleiben jedoch Schulträger, und die Lehrer
bleiben Landes-Bedienstete.(mehr Info:
plenum-online, November
2005)
Die
langfristige Schulentwicklungsplanung:
- In den nächsten 15
Jahren werden die Schülerzahlen sinken: so bei
Haupt-, Realschulen und Gymnasien auf 82 Prozent des
jetzigen Wertes. Deshalb sollen die Kreise verstärkt
die Arbeit der Schulträger koordinieren, damit
"auch im ländlichen Raum ein Bildungsangebot mit
möglichst allen Schulabschlüssen bereit gestellt
werden" kann.
- Die kleinteilige
Schulträger-Struktur (insgesamt 375 Träger sind für
1048 allgemein bildende Schulen und Sonderschulen
zuständig) soll zugunsten eines "Systems von
Nahbereichs-Schulverbänden" aufgebrochen werden.
Über die
dänischen Schulen sowie den Dänisch-Unterricht an
staatlichen Schulen sagt der Bericht folgendes:
- Die Landesregierung
ist der Auffassung, dass sich das System der
Bezuschussung von Privatschulen – hierzu zählen
auch die Schulen der dänischen Minderheit –
"bewährt" hat. Demnach erhalten die Schulen
seit 2002 einen konstanten Sockelbetrag. Der wird um
einen Personalkosten-Zuschuss ergänzt, wenn die
Lehrer-Gehälter im öffentlichen Dienst steigen. Der
dänische Schulverein ist mit dieser Lösung nicht
zufrieden.
- Dänisch wird an
insgesamt 54 Schulen unterrichtet. Die Landesregierung
glaubt, dass die Sprache durch die Entwicklung eines
Sprach-Schwerpunktes in der geplanten Profil-Oberstufe
eine Aufwertung erfährt.
mehr Informationen: plenum-online,
Januar
2005
(www.sh-landtag.de/plenumonline/januar2005/
texte/29_51_pisa_rauchschule.htm)
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