Landtag gedenkt der
Opfer
des Nationalsozialismus

Kiel (SHL/27.01.) Anlässlich
des 67. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers
Auschwitz hat der Schleswig-Holsteinische Landtag zu Beginn der Sitzung in einer Schweigeminute
der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. In einer kurzen Ansprache mahnte Landtagspräsident
Torsten Geerdts, aus der Vergangenheit Lehren zu ziehen. Insbesondere
die von dem rechtsradikalen Zwickauer Terror-Netzwerk verübten
Morde zeigten, so Geerdts, dass "die ideologischen Grundlagen der
NS-Schreckensherrschaft bis heute nicht ganz aus der Welt
verschwunden sind."
Die Rede des Landtagspräsidenten im Wortlaut:
Meine Damen und Herren,
Wir gedenken heute der Opfer des
Nationalsozialismus, der Millionen von Verfolgten, Verschleppten
und Ermordeten der Jahre zwischen 1933 und 1945.
Wir tun dies in dem Bewusstsein, dass wir zwar an
Vergangenes erinnern, aber die ideologischen Grundlagen der
NS-Schreckensherrschaft bis heute nicht ganz aus der Welt
verschwunden sind.
Wir mussten im letzten Jahr erfahren, dass ein
rechtsradikales Terrornetzwerk seit Jahren unbehelligt mitten
unter uns Mitbürger hat ermorden können. Nach bisherigen
Erkenntnissen fielen elf Menschen den heimtückischen Anschlägen
zum Opfer. Beschämend war dabei nicht allein die Tatsache, dass
viele Verantwortliche, die wachsam hätten sein sollen, die Gefahr
nicht erkannten. Beschämend war auch der Umgang der
Öffentlichkeit mit den Opfern und ihren Angehörigen.
Die Ermordeten wurden allein aufgrund ihrer
Herkunft zu Opfern der Terroristen. Aber auch die
herabwürdigende, kriminalisierende und unerträgliche Bezeichnung
der Taten als "Döner-Morde" wurde aus dem gleichen
Grund gewählt: Die Herkunft der Opfer führte zu
Vorverurteilungen, die darin gipfelten, dass aus Opfern letztlich
Mitschuldige an ihrem eigenen Tod gemacht wurden.
Ich weiß, dass unser Land auf über 60 Jahre
einer stabilen demokratischen Rechtsordnung zurückblicken kann
und ich bin davon überzeugt, dass wir heute in einer ganz anderen
Gesellschaft leben, als noch vor 60 Jahren.
Deutschland ist ein demokratisches, weltoffenes
und friedliches Land. Die Deutschen und mit ihnen alle
Europäerinnen und Europäer haben aus den schrecklichen
Ereignissen des Zweiten Weltkrieges und des Holocaust gelernt.
Dieser Lernprozess ist jedoch nie abgeschlossen.
Jede Generation muss ihn aufs Neue machen und deshalb ist die
Erinnerung an das Geschehene so wichtig. Orte des Erinnerns sind
die Gedenkstätten, die Orte der Verbrechen, mehr aber noch die
Menschen, die noch unmittelbar erzählen können. Besonders
eindrucksvoll hat uns das im Schleswig-Holsteinischen Landtag vor
einigen Wochen Frau Professorin Miriam Gillis-Carlebach erleben
lassen.
Als eine der wenigen Überlebenden ihrer vor 70
Jahren deportierten und ermordeten Familie durften wir Frau
Gillis-Carlebach hier unter uns begrüßen und erleben.
Diese unschätzbaren Zeugen der Verschleppung,
Verfolgung und Ermordung von Millionen Menschen werden aber in
absehbarer Zeit nicht mehr selbst berichten können. Deshalb
verstehe ich unseren Auftrag, niemals zu vergessen, nicht allein
als Verpflichtung gegenüber den Opfern der Gewaltherrschaft des
Nationalsozialismus, sondern auch als eine Verpflichtung den
Überlebenden gegenüber.
Ich weiß, dass ich im Schleswig-Holsteinischen
Landtag alle Abgeordneten mit diesem Anliegen hinter mir weiß.
Wir wollen nun gemeinsam einen Moment innehalten und schweigend
gedenken.