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Auf dieser Seite: Atomkraftwerke / Unfälle 

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Top 37:
AKW-Zwischenfälle in Krümmel und 
Brunsbüttel am 28. Juni 2007
Antrag der Fraktion Bündnis 90 / DIE GRÜNEN
Antrag der Fraktionen von CDU und SPD – Drs. 16/1511
Änderungsantrag der Fraktion der FDP – 16/1512
Drucksache: 16/1498neu
-Plenarprotokoll-


Gefragter Interviewpartner vor der Aussprache zu den AKW-Zwischenfällen: Der für Vattenfalls Atomkraftwerke zuständige Geschäftsführer Dr. Bruno Thomauske

AKW-Pannen: Grüne und FDP
fordern Rücktritt der Ministerin

Landtag beraumt Sondersitzung des
Sozialausschusses in den Parlamentsferien an

Kiel (SHL/13.07.) Grüne und FDP im Schleswig-Holsteinischen Landtag haben Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD/Foto) schwere Verfehlungen beim Umgang mit der Pannenserie in den Atomkraftwerken Krümmel und Brunsbüttel vorgeworfen und sie zum Rücktritt aufgefordert. Die für Reaktoraufsicht zuständige Ministerin sei nicht in der Lage, den AKW-Betreiber Vattenfall effizient zu kontrollieren und ihn zur Aufklärung der Vorfälle am 28. Juni zu bewegen, hieß es bei den beiden Oppositionsparteien. Diese Vorwürfe seien "absurd", entgegnete Trauernicht in der insgesamt über zweieinhalb Stunden langen kontroversen Debatte. SPD-Fraktionschef Lothar Hay sprang der Ministerin zur Seite und sprach ihr das Vertrauen aus. Zuvor hatte Trauernicht den schwedischen Energiekonzern wegen seiner Informationspolitik heftig kritisiert: Das "Bagatellisieren" und "Weglassen" von Auskünften sei ein "Skandal". Die Stilllegung der Meiler bleibe ihr Ziel.

Am Donnerstag vor zwei Wochen war es innerhalb von zwei Stunden zu einem Kurzschluss und einer Schnellabschaltung in Brunsbüttel und zum Brand eines Trafogebäudes sowie zu ernsten Zwischenfällen beim Herunterfahren in Krümmel gekommen. Auch die Wieder-Inbetriebnahme von Brunsbüttel verlief nicht störungsfrei, und in Krümmel wurden nicht zulässige Dübel entdeckt. Am Vortag der Debatte wurde zudem ebenfalls in Krümmel ein Leck im Turbinenbereich entdeckt. Ministerin Trauernicht hat dem Landtag nach einer Sitzungsunterbrechung und einem Treffen des Ältestenrates einen detaillierten Bericht über den Ablauf dieser Ereignisse vorgetragen. Ein schriftlicher Bericht soll folgen.

Trauernicht prüft "gerichtsfeste Fakten" für
Entzug der Betriebserlaubnis

Vattenfall wird vorgeworfen, den Gang der Dinge nur bruchstückhaft in die Öffentlichkeit zu bringen. Trauernicht forderte im Plenum "lückenlose Aufklärung" vom Konzern. Bis dies nicht erreicht sei, bleibe Krümmel abgeschaltet. Sie wolle alle Möglichkeiten des Atomgesetzes ausschöpfen, um den Meiler ganz stillzulegen. In ihrem Ministerium werde derzeit ein Entzug der Betriebserlaubnis "auf gerichtsfeste Fakten überprüft". Die atomrechtlichen Hürden für eine Stilllegung seien aber hoch, gab die Ministerin zu bedenken. Zunächst müsse die bevorstehende Jahres-Revision des Kraftwerks abgewartet werden.

Das reichte Grünen-Fraktionschef Karl-Martin Hentschel nicht aus. Ein Entzug der Betriebserlaubnis sei "bereits jetzt gerechtfertigt". Trauernicht liefere der Öffentlichkeit keine klaren Aussagen, sondern lasse viele Fragen offen: "Welche Auflagen haben Sie erteilt, um Vattenfall zur Aufklärung zu zwingen? Warum hat die Reaktoraufsicht die für das Herunterfahren von Krümmel verantwortlichen Mitarbeiter nicht befragt?", wollte er von der Ministerin wissen. Auch Heiner Garg (FDP) hielt Trauernicht vor, nur "schön formulierte Sätze" zu äußern und dabei die Öffentlichkeit im Dunkeln zu lassen: "Ihre Informationspolitik ist genauso miserabel wie die von Vattenfall". Zudem bemängelte er, die Ministerin sei noch nicht "vor Ort" gewesen.

"Jedem Imbiss-Budenbesitzer, der mehrfach gegen das Lebensmittelrecht verstoßen hat, hätten Sie den Laden dicht gemacht", schloss Lars Harms (SSW) an. Er erwarte, dass die Ministerin ihrer Aufsichtspflicht nachkomme und "den Laden dichtmacht". FDP-Fraktionschef und Oppositionsführer im Landtag, Wolfgang Kubicki, warf Trauernicht zudem vor, wegen missverständlicher Anordnungen in ihrem Ministerium sei das niedersächsische Umweltministerium erst verspätet über den Stand der Untersuchungen informiert worden. Hierüber hatte sich auch der zuständige Staatssekretär aus dem Nachbarland beschwert.

Kein schwarz-rotes Atom-Bündnis

Innerhalb der schwarz-roten Koalition traten die unterschiedlichen Standpunkte in der Atompolitik erneut zutage. Manfred Ritzek (CDU) warnte trotz der "gravierenden Vorfälle" und der "undurchsichtigen Informationspolitik" des Energieriesen Vattenfall vor "unverantwortbarer Panikmache". Jetzt gelte es, das Vertrauen in die Kernkraft wiederherzustellen. "Mit uns nicht", entgegnete Olaf Schulze (SPD). Er bekräftigte die Forderung nach einem Ausstieg aus der "nicht beherrschbaren" Atomkraft und sprach sich klar gegen die Verlängerung oder Übertragung von AKW-Laufzeiten aus. Vor diesem Hintergrund forderte sein Parteikollege Konrad Nabel die Grünen auf, sich auf die rot-grünen Gemeinsamkeiten der Vorgängerregierung in Schleswig-Holstein beim Atomausstieg zu besinnen, anstatt die Ministerin demontieren zu wollen.

Durchsuchung in Krümmel parallel zur Debatte

Justizminister Uwe Döring (SPD) informierte das Plenum darüber, dass die Polizei am Freitagmorgen, während der laufenden Landtagssitzung, den Leitstand und die Büroräume des Atomkraftwerks Krümmel durchsucht hat. Hintergrund sind staatsanwaltliche Ermittlungen wegen des Verdachts auf fahrlässige Körperverletzung. Vattenfall hatte sich zuvor geweigert, die geforderten Unterlagen herauszugeben. Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz kündigte eine Strafanzeige gegen Vattenfall an, weil der Anfangsverdacht des "unerlaubten Betreibens einer kerntechnischen Anlage" bestehe.

Die Ministerin soll auch in einer Sondersitzung des Sozialausschusses am kommenden Donnerstag, um 11.00 Uhr, Rede und Antwort stehen. Hierzu sollen auch Vertreter von Vattenfall eingeladen werden. Vattenfall-Geschäftsführer Bruno Thomauske war bereits interessierter Beobachter der Debatte im Landtag.

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Hintergrund:
   Die Grünen fordern einen schriftlichen Regierungsbericht über mögliche Gefahren durch die Störfälle in den schleswig-holsteinischen Atomkraftwerken Brunsbüttel und Krümmel (Geesthacht) am 28. Juni. Sie fordern die Landesregierung auf, gemäß Atomgesetz die Zuverlässigkeit des Betreibers Vattenfall zu überprüfen und "gegebenenfalls die Betriebserlaubnis zu entziehen".
  Unterdessen hat am Montag – nach Einreichung des Grünen-Antrages – das für die Reaktoraufsicht zuständige schleswig-holsteinische Sozialministerium angekündigt, die Zuverlässigkeit des Betreibers zu überprüfen und dabei einen Entzug der Betriebserlaubnis nicht ausgeschlossen. Außer der Zuverlässigkeit lässt das Ministerium vor dem Hintergrund von Bedienungsfehlern auch die Fachkunde der Betreibergesellschaften rechtlich prüfen. Gleichzeitig erklärte das Bundesumweltministerium in Berlin, ohne seine Zustimmung werde es kein Wiederanfahren der Reaktors Krümmel geben.
  Das Unternehmen Vattenfall räumte inzwischen ein, dass es die Öffentlichkeit zunächst nicht über "Auffälligkeiten" nach den Schnell-Abschaltungen informiert habe. Meldepflichtige Ereignisse in Krümmel und Brunsbüttel würden nunmehr unverzüglich auch im Internet veröffentlicht. Vattenfall war wegen seiner Informationspolitik auf breite Kritik gestoßen.
  Die beiden Meiler sind am Nachmittag des 28. Juni abgeschaltet worden. Auf dem Gelände des AKW Krümmel in Geesthacht brach gegen 15 Uhr in einer Trafostation ein Feuer aus, das am späten Nachmittag gelöscht wurde. Wie die Feuerwehr mitteilte, hatte sich Kühlflüssigkeit entzündet. Eine Gefahr für den Nuklearbereich bestand nach Angaben des Betreibers nicht. Die Bevölkerung war nach Angaben des Landessozialministeriums nicht gefährdet. Verletzte gab es nicht.
  Der Reaktor wurde automatisch heruntergefahren. Gegen 13 Uhr war zuvor das Atomkraftwerk Brunsbüttel an der Unterelbe nach einem Kurzschluss in einer Schaltanlage heruntergefahren und vom Netz getrennt worden.
  Unterdessen hat es am Atomreaktor Brunsbüttel nach Angaben der Reaktorsicherheit ein weiteres Problem an der Messleitung zur Überwachung des Reaktorfüllstandes gegeben. Offensichtlich werde stetig Wasserstoff eingetragen. Vattenfall sei aufgefordert worden, den betroffenen Bereich zu spülen und habe das zugesagt. Hierzu müsse der Druck im Reaktorbehälter gesenkt werden, so das Sozialministerium.
  Die zwei Kraftwerke liefern nach Angaben der Betreiber zusammen die Hälfte des in Schleswig-Holstein erzeugten Stroms. Krümmel lief mit voller Leistung, als der Brand ausbrach. Über das europäische Verbundnetz könnten solche Ereignisse ausgeglichen werden, so Vattenfall.
   In einem während der Sitzung nachgereichten Antrag fordern CDU und SPD einen mündlichen Bericht der Sozialministerin zum Auftakt der Debatte. Zugleich begrüßen die regierungstragenden Fraktionen die Ankündigung aus dem Sozialministerium, die Zuverlässigkeit des Betreibers zu überprüfen und gegebenenfalls die Betriebserlaubnis zu entziehen.

letzte Debatte zu Brunsbüttel/Vattenfall:
September 2006

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