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Gefragter Interviewpartner
vor der Aussprache zu den AKW-Zwischenfällen: Der für
Vattenfalls Atomkraftwerke zuständige Geschäftsführer Dr. Bruno Thomauske
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AKW-Pannen: Grüne und
FDP
fordern Rücktritt der Ministerin
Landtag beraumt
Sondersitzung des
Sozialausschusses in den Parlamentsferien an
Kiel
(SHL/13.07.) Grüne und FDP im
Schleswig-Holsteinischen Landtag haben Sozialministerin Gitta
Trauernicht (SPD/Foto) schwere
Verfehlungen beim Umgang mit der Pannenserie in den Atomkraftwerken
Krümmel und Brunsbüttel vorgeworfen und sie zum Rücktritt
aufgefordert. Die für Reaktoraufsicht zuständige Ministerin sei
nicht in der Lage, den AKW-Betreiber Vattenfall effizient zu
kontrollieren und ihn zur Aufklärung der Vorfälle am 28. Juni zu
bewegen, hieß es bei den beiden Oppositionsparteien. Diese
Vorwürfe seien "absurd", entgegnete Trauernicht in der
insgesamt über zweieinhalb Stunden langen kontroversen Debatte.
SPD-Fraktionschef Lothar Hay sprang der Ministerin zur Seite und
sprach ihr das Vertrauen aus. Zuvor hatte Trauernicht den
schwedischen Energiekonzern wegen seiner Informationspolitik heftig
kritisiert: Das "Bagatellisieren" und
"Weglassen" von Auskünften sei ein "Skandal".
Die Stilllegung der Meiler bleibe ihr Ziel.
Am Donnerstag vor zwei Wochen war es innerhalb von
zwei Stunden zu einem Kurzschluss und einer Schnellabschaltung in
Brunsbüttel und zum Brand eines Trafogebäudes sowie zu ernsten
Zwischenfällen beim Herunterfahren in Krümmel gekommen. Auch die
Wieder-Inbetriebnahme von Brunsbüttel verlief nicht störungsfrei,
und in Krümmel wurden nicht zulässige Dübel entdeckt. Am Vortag
der Debatte wurde zudem ebenfalls in Krümmel ein Leck im
Turbinenbereich entdeckt. Ministerin Trauernicht hat dem Landtag
nach einer Sitzungsunterbrechung und einem Treffen des
Ältestenrates einen detaillierten Bericht über den Ablauf dieser
Ereignisse vorgetragen. Ein schriftlicher Bericht soll folgen.
Trauernicht prüft "gerichtsfeste
Fakten" für
Entzug der Betriebserlaubnis
Vattenfall wird vorgeworfen, den Gang der Dinge nur
bruchstückhaft in die Öffentlichkeit zu bringen. Trauernicht
forderte im Plenum "lückenlose Aufklärung" vom Konzern.
Bis dies nicht erreicht sei, bleibe Krümmel abgeschaltet. Sie wolle
alle Möglichkeiten des Atomgesetzes ausschöpfen, um den Meiler
ganz stillzulegen. In ihrem Ministerium werde derzeit ein Entzug der
Betriebserlaubnis "auf gerichtsfeste Fakten überprüft".
Die atomrechtlichen Hürden für eine Stilllegung seien aber hoch,
gab die Ministerin zu bedenken. Zunächst müsse die bevorstehende
Jahres-Revision des Kraftwerks abgewartet werden.
Das reichte Grünen-Fraktionschef Karl-Martin
Hentschel nicht aus. Ein Entzug der Betriebserlaubnis sei
"bereits jetzt gerechtfertigt". Trauernicht liefere der
Öffentlichkeit keine klaren Aussagen, sondern lasse viele Fragen
offen: "Welche Auflagen haben Sie erteilt, um Vattenfall zur
Aufklärung zu zwingen? Warum hat die Reaktoraufsicht die für das
Herunterfahren von Krümmel verantwortlichen Mitarbeiter nicht
befragt?", wollte er von der Ministerin wissen. Auch Heiner
Garg (FDP) hielt Trauernicht vor, nur "schön formulierte
Sätze" zu äußern und dabei die Öffentlichkeit im Dunkeln zu
lassen: "Ihre Informationspolitik ist genauso miserabel wie die
von Vattenfall". Zudem bemängelte er, die Ministerin sei noch
nicht "vor Ort" gewesen.
"Jedem Imbiss-Budenbesitzer, der mehrfach gegen
das Lebensmittelrecht verstoßen hat, hätten Sie den Laden dicht
gemacht", schloss Lars Harms (SSW) an. Er erwarte, dass die
Ministerin ihrer Aufsichtspflicht nachkomme und "den Laden
dichtmacht". FDP-Fraktionschef und Oppositionsführer im
Landtag, Wolfgang Kubicki, warf Trauernicht zudem vor, wegen
missverständlicher Anordnungen in ihrem Ministerium sei das
niedersächsische Umweltministerium erst verspätet über den Stand
der Untersuchungen informiert worden. Hierüber hatte sich auch der
zuständige Staatssekretär aus dem Nachbarland beschwert.
Kein schwarz-rotes Atom-Bündnis
Innerhalb der schwarz-roten Koalition traten die
unterschiedlichen Standpunkte in der Atompolitik erneut zutage.
Manfred Ritzek (CDU) warnte trotz der "gravierenden
Vorfälle" und der "undurchsichtigen
Informationspolitik" des Energieriesen Vattenfall vor
"unverantwortbarer Panikmache". Jetzt gelte es, das
Vertrauen in die Kernkraft wiederherzustellen. "Mit uns
nicht", entgegnete Olaf Schulze (SPD). Er bekräftigte die
Forderung nach einem Ausstieg aus der "nicht
beherrschbaren" Atomkraft und sprach sich klar gegen die
Verlängerung oder Übertragung von AKW-Laufzeiten aus. Vor diesem
Hintergrund forderte sein Parteikollege Konrad Nabel die Grünen
auf, sich auf die rot-grünen Gemeinsamkeiten der
Vorgängerregierung in Schleswig-Holstein beim Atomausstieg zu
besinnen, anstatt die Ministerin demontieren zu wollen.
Durchsuchung in Krümmel parallel zur Debatte
Justizminister Uwe Döring (SPD) informierte das
Plenum darüber, dass die Polizei am Freitagmorgen, während der
laufenden Landtagssitzung, den Leitstand und die Büroräume des
Atomkraftwerks Krümmel durchsucht hat. Hintergrund sind
staatsanwaltliche Ermittlungen wegen des Verdachts auf fahrlässige
Körperverletzung. Vattenfall hatte sich zuvor geweigert, die
geforderten Unterlagen herauszugeben. Auch der Bund für Umwelt und
Naturschutz kündigte eine Strafanzeige gegen Vattenfall an, weil
der Anfangsverdacht des "unerlaubten Betreibens einer
kerntechnischen Anlage" bestehe.
Die Ministerin soll auch in einer Sondersitzung des
Sozialausschusses am kommenden Donnerstag, um 11.00 Uhr, Rede und
Antwort stehen. Hierzu sollen auch Vertreter von Vattenfall
eingeladen werden. Vattenfall-Geschäftsführer Bruno Thomauske war
bereits interessierter Beobachter der Debatte im Landtag.
Hintergrund:
Die Grünen fordern einen schriftlichen
Regierungsbericht über mögliche Gefahren durch die
Störfälle in den schleswig-holsteinischen
Atomkraftwerken Brunsbüttel und Krümmel (Geesthacht) am
28. Juni. Sie fordern die Landesregierung auf, gemäß
Atomgesetz die Zuverlässigkeit des Betreibers Vattenfall
zu überprüfen und "gegebenenfalls die
Betriebserlaubnis zu entziehen".
Unterdessen hat am Montag – nach Einreichung des
Grünen-Antrages – das für die Reaktoraufsicht
zuständige schleswig-holsteinische Sozialministerium
angekündigt, die Zuverlässigkeit des Betreibers zu
überprüfen und dabei einen Entzug der Betriebserlaubnis
nicht ausgeschlossen. Außer der Zuverlässigkeit lässt
das Ministerium vor dem Hintergrund von Bedienungsfehlern
auch die Fachkunde der Betreibergesellschaften rechtlich
prüfen. Gleichzeitig erklärte das
Bundesumweltministerium in Berlin, ohne seine Zustimmung
werde es kein Wiederanfahren der Reaktors Krümmel geben.
Das Unternehmen Vattenfall räumte inzwischen ein,
dass es die Öffentlichkeit zunächst nicht über
"Auffälligkeiten" nach den
Schnell-Abschaltungen informiert habe. Meldepflichtige
Ereignisse in Krümmel und Brunsbüttel würden nunmehr
unverzüglich auch im Internet veröffentlicht. Vattenfall
war wegen seiner Informationspolitik auf breite Kritik
gestoßen.
Die beiden Meiler sind am Nachmittag des 28. Juni
abgeschaltet worden. Auf dem Gelände des AKW Krümmel in
Geesthacht brach gegen 15 Uhr in einer Trafostation ein
Feuer aus, das am späten Nachmittag gelöscht wurde. Wie
die Feuerwehr mitteilte, hatte sich Kühlflüssigkeit
entzündet. Eine Gefahr für den Nuklearbereich bestand
nach Angaben des Betreibers nicht. Die Bevölkerung war
nach Angaben des Landessozialministeriums nicht
gefährdet. Verletzte gab es nicht.
Der Reaktor wurde automatisch heruntergefahren.
Gegen 13 Uhr war zuvor das Atomkraftwerk Brunsbüttel an
der Unterelbe nach einem Kurzschluss in einer Schaltanlage
heruntergefahren und vom Netz getrennt worden.
Unterdessen hat es am Atomreaktor Brunsbüttel nach
Angaben der Reaktorsicherheit ein weiteres Problem an der
Messleitung zur Überwachung des Reaktorfüllstandes
gegeben. Offensichtlich werde stetig Wasserstoff
eingetragen. Vattenfall sei aufgefordert worden, den
betroffenen Bereich zu spülen und habe das zugesagt.
Hierzu müsse der Druck im Reaktorbehälter gesenkt
werden, so das Sozialministerium.
Die zwei Kraftwerke liefern nach Angaben der
Betreiber zusammen die Hälfte des in Schleswig-Holstein
erzeugten Stroms. Krümmel lief mit voller Leistung, als
der Brand ausbrach. Über das europäische Verbundnetz
könnten solche Ereignisse ausgeglichen werden, so
Vattenfall.
In einem während der Sitzung nachgereichten
Antrag fordern CDU und SPD einen mündlichen Bericht der
Sozialministerin zum Auftakt der Debatte. Zugleich
begrüßen die regierungstragenden Fraktionen die
Ankündigung aus dem Sozialministerium, die Zuverlässigkeit des Betreibers zu
überprüfen und gegebenenfalls die Betriebserlaubnis zu
entziehen.
letzte Debatte
zu Brunsbüttel/Vattenfall:
September
2006
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