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Plenum
warnt: Auch in Deutschland wäre eine Ablehnung des
Lissabon-Vertrags nicht unwahrscheinlich
Kiel (SHL/17.07.) Aufgerüttelt vom Nein der Iren zum Vertrag
von Lissabon hat der Landtag in einer einstündigen Debatte erneut den
weiteren europäischen Kurs beleuchtet. Das Plenum war sich letztendlich
einig: Die Europapolitik muss angesichts der ins Stocken geratenen
Ratifizierung des Grundlagenvertrages transparenter, verständlicher und
bürgernäher werden. „Die Menschen haben nicht mehr das Gefühl, dass die
EU sie im Alltag schützt", zeigte sich Schleswig-Holsteins
Europaminister Uwe Döring (SPD/Foto) sehr kritisch. Wenn die EU weiterhin auf den
freien Markt setzt, aber Rechte von Arbeitnehmern nicht schützt, werde die
Ablehnung in der Bevölkerung weiter zunehmen, warnte Döring
„Wir überwinden die Krise nicht, wenn wir den Iren
Standpauken halten oder sie ausgrenzen", sagte der Minister und befand
sich damit auf der Linie aller Parteien. Gedanken machten sich die
Parlamentarier, wie eine Volksabstimmung in Deutschland ausgegangen wäre.
Einheitliche Meinung: Auch bei uns wäre eine Ablehnung des Vertrags nicht
unwahrscheinlich.
Der Lissabon-Vertrag ist in einer Mehrzahl an Ländern
verabschiedet worden. Es fehlen nur noch Tschechien, Italien, Belgien und
Schweden. Allerdings ist die Zustimmung Deutschlands Ende Juni ins Stocken
geraten: Nachdem Bundestag und Bundesrat bereits zugestimmt hatten, hat
Bundespräsident Horst Köhler die Ratifizierungsurkunde zunächst nicht
unterzeichnet. Er folgte damit einer Bitte des Bundesverfassungsgerichts. Dort
sind Klagen gegen den Lissabon-Vertrag anhängig, unter anderem durch den
CSU-Bundestagsabgeordneten Peter Gauweiler und Vertreter der Partei Die Linke.
Weitere Stimmen aus dem Plenum:
-
Johann Wadephul (CDU): Das negative Votum ist
Ausdruck großen Misstrauens und von Ängsten gegenüber der Europäischen
Union. Europa macht in Klein-Klein, anstatt zum großen Wurf auszuholen.
Wir müssen die Menschen in Europa– nicht nur in Irland – noch viel
stärker von der Einheit der EU überzeugen.
-
Ralf Stegner (SPD): Europa sieht wirklich alt aus,
wenn wir das soziale Europa nicht schaffen. Die soziale Gerechtigkeit muss
in den Vordergrund, nicht die Marktradikalität. Wenn wir den Sozialstaat
abbauen, wenden sich die Menschen von Europa ab.
-
Ekkehard Klug (FDP): Die Europapolitik leidet unter
sprachlicher und inhaltlicher Bürgerferne. Sie hat ein massives
Vermittlungsproblem – und deshalb ist es so leicht, aus
Volksabstimmungen über europäische Vertragsdokumente eine nationale
Denkzettel-Abstimmung zu machen.
-
Monika Heinold (Grüne): Der Ratifizierungsprozess
muss weitergehen, ohne Drohungen gegenüber den Iren. Dazu brauchen wir
einen verstärkten Dialog mit der Öffentlichkeit, denn wir müssen
feststellen, dass viele Europäer skeptisch sind. Es bedarf einer
selbstkritischen Analyse der Europapolitik und ihrer Vermittlung.
-
Anke Spoorendonk (SSW): Die EU befindet sich in
einer großen Sinnkrise. Wir brauchen in den nächsten Jahren keine
weiteren komplizierten EU-Verträge, die keiner versteht, sondern
bürgernahe Entscheidungen, die transparent und nachvollziehbar sind.
Hintergrund:
Die Landesregierung berichtet auf Initiative von
CDU und SPD über die aktuelle Situation der EU, nachdem
die Ratifizierung des Vertrags von Lissabon durch das Nein
der Iren ins Stocken geraten ist. Ursprünglich sollte der
Lissabon-Vertrag nach der Ratifizierung in allen
Mitgliedsstaaten vom 1. Januar 2009 an gelten.
Das Papier war in langwierigen Verhandlungen
ausgearbeitet und im vergangenen Dezember in Lissabon von
den Staats- und Regierungschefs unterzeichnet worden.
Mitte Juni haben dann aber 53 Prozent der Teilnehmer am
irischen Referendum den neuen Grundlagenvertrag der
Staatengemeinschaft abgelehnt.
Eine Woche später haben sich die 27 Staats- und
Regierungschefs auf ihrem Gipfel in Brüssel auf eine
gemeinsame Position verständigt, wie mit dem Scheitern
des Vertrags in Irland umzugehen ist: Die irische
Regierung hat nun vier Monate bis zum nächsten Gipfel am
15. und 16. Oktober Zeit, um Lösungsvorschläge zu
erarbeiten.
Bundespräsident zögert
Unterdessen ist der
Lissabon-Vertrag in einer Mehrzahl an Ländern
verabschiedet worden. Es fehlen nur noch Tschechien,
Italien, Belgien und Schweden. Allerdings ist die
Zustimmung Deutschlands Ende Juni ins Stocken geraten:
Nachdem Bundestag und Bundesrat bereits zugestimmt hatten,
hat Bundespräsident Horst Köhler die
Ratifizierungsurkunde zunächst nicht unterzeichnet. Er
folgte damit einer Bitte des Bundesverfassungsgerichts.
Dort sind Klagen gegen den Lissabon-Vertrag anhängig,
unter anderem durch den CSU-Bundestagsabgeordneten Peter
Gauweiler und Vertreter der Partei Die Linke.
vorherige
Debatte zum Thema Eu-Reformvertrag:
plenum-online, Januar 2008
Stichwort:
Lissabon-Vertrag
Die wesentlichen Punkte des Vertrags von
Lissabon:
- Die Union soll einen
Präsidenten bekommen, der von den Staats- und
Regierungschefs für zweieinhalb Jahre gewählt wird
und nicht mehr, wie bislang, alle sechs Monate
wechselt, wenn ein neues Land die Ratspräsidentschaft
übernimmt. Bei den Ministerräten soll es bei dem
Sechs-Monate-Rhythmus bleiben – außer beim Rat der
Außenminister.
- Der soll künftig vom
„Hohen Vertreter für Außen- und
Sicherheitspolitik" geleitet werden, der zugleich
Vizepräsident der Kommission wird. Der Hohe
Vertreter" soll ebenfalls zweieinhalb Jahre
amtieren.
- Die
EU-Grundrechtecharta ist in den Mitgliedsstaaten nach
der Ratifizierung rechtsverbindlich – außer in
Großbritannien und Polen, die in den Verhandlungen
auf einen Sonderstatus gepocht haben.
- Von 2017 an soll bei
Abstimmungen im Ministerrat die doppelte Mehrheit
gelten: 55 Prozent der Staaten und 65 Prozent der
Bevölkerung müssen zustimmen.
- Das Europaparlament
soll nur noch 751 statt bisher 785 Abgeordnete haben.
Davon kommen 96 (bisher 99) aus Deutschland.
- Die Zahl der
EU-Kommissare würde ab 2014 auf zwei Drittel der
Mitgliedstaaten reduziert. Nach gegenwärtigem Stand,
bei 27 Ländern, gäbe es also 18 Kommissare. Damit
entsendet nicht mehr jedes Land automatisch einen
Kommissar – die Länder müssen nach einem
festgelegten Verfahren „aussetzen".
- Nationale Parlamente
erhalten Einspruchsmöglichkeiten gegen
EU-Gesetzesvorhaben.
- Ein Volksbegehren ist
geplant. Mit einer Millionen Unterschriften können
die Bürger der Kommission den Auftrag zu einem
Gesetzgebungsverfahren geben.
- Die Regierungschefs
haben sich zudem auf eine engere Zusammenarbeit in den
Bereichen Justiz und Innere Sicherheit geeinigt.
Großbritannien, Irland und Dänemark haben sich
jedoch die Möglichkeit erhalten, in diesen Bereichen
aus der Gemeinschaftslinie auszuscheren.
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