Urnengang vor dem Aus:
Koalition will Direktwahl der Landräte abschaffen
Kiel (SHL/15.07.)
Die schwarz-rote Koalition will die Direktwahl der Landräte
endgültig abschaffen und ehrenamtlich
arbeitenden Kommunalpolitikern mehr Einfluss auf die
Arbeit der Kreisverwaltung verschaffen. Das sieht ein Gesetzentwurf
vor, den das Parlament nach Erster Lesung in den Innen- und
Rechtsausschuss überwiesen hat. Demnach sollen nicht mehr die
Wähler, sondern die Kommunalvertretungen künftig den
Verwaltungschef wählen. Und: Dem Landrat wird ein
Verwaltungsausschuss aus Kommunalpolitikern zur Seite gestellt.
Insbesondere die Abschaffung des Urnengangs sorgte bei FDP und
Grünen für Unbehagen.
Die Landrats-Direktwahl wurde in Schleswig-Holstein
1995 eingeführt. In den letzten Jahren war sie aber nur auf
geringes Interesse gestoßen. Die Wahlbeteiligung lag häufig nur um
20 Prozent. Deswegen sollen nun wieder, wie bereits vor 1995, die
Kreistage die Verwaltungsspitzen für sechs bis acht Jahre wählen.
Dies galt nach einem ersten Beschluss des Landtages bereits für die
Landratswahlen in Pinnberg und Steinburg Anfang dieses Jahres.
Oberbürgermeister sollen weiterhin
direkt gewählt werden
Peter Eichstädt (SPD) verteidigte den Plan, eine
demokratische Wahl wieder abzuschaffen. Der Landrat sei kein
Regierungschef, sondern nur ein Verwaltungsoberhaupt. Es sei „systemfremd",
dass ein Beamter sich einer Wahl stellen müsse. Das sah Karl-Martin
Hentschel (Grüne) ganz anders: Offenbar fürchte die Koalition die
demokratische Teilhabe der Bürger. Stattdessen, fügte Günther
Hildebrand (FDP) an, drohe nun eine „Kungelei" zwischen den
beiden großen Parteien bei der Besetzung des Postens.
Demgegenüber soll es nach Willen der Koalition bei
der Direktwahl der Oberbürgermeister in den größeren Städten des
Landes bleiben. Diese Unterscheidung zwischen Land und Stadt sei „sachgerecht",
befand der Sozialdemokrat Eichstädt, weil der "OB" sehr
viel mehr „als Repräsentant der Stadt gesehen" werde. Anke
Spoorendonk vom SSW will hingegen die Direktwahl komplett abschaffen
– auch in den Städten. Mit der Vorlage der Koalition werde nun
„das Gefälle zwischen Bürgermeister und gewählten Vertretern im
Stadtrat weiterhin bestehen" bleiben, meint Spoorendonk.
Verwaltungsausschuss soll Hauptausschuss ablösen
Die Koalition will zudem die Kompetenzen der
Verwaltungschefs beschneiden und die Rolle der Kreistage stärken.
Der Landrat soll sich künftig bei wesentlichen Entscheidungen mit
einem elfköpfigen Verwaltungsausschuss aus Kreistagsabgeordneten
absprechen, der den bisherigen Hauptausschuss ersetzt. Hier muss der
Landrat einmal monatlich Rede und Antwort stehen. Er muss über die
Finanzlage des Kreises, die Umsetzung von Kreistagsbeschlüssen, die
Lage der Verwaltung und den Zustand der öffentlichen Einrichtungen
berichten. Zudem muss er nachträglich die Genehmigung für
Eilentscheidungen einholen.
„Wir stärken hiermit nachhaltig das Ehrenamt und
schaffen bessere und transparentere Führungsstrukturen",
argumentierte Peter Lehnert (CDU). Auch Innenminister Lothar Hay
(SPD) lobte die „ausgewogene Verteilung von Kompetenzen zwischen
Landrat und Verwaltungsausschuss".
Mit dem Verwaltungsausschuss konnte sich die
Opposition durchgehend nicht anfreunden. Hauptkritikpunkt: Das
Gremium soll hinter verschlossenen Türen tagen. Damit, so der
Liberale Hildebrand, würden alle Abgeordneten ohne Sitz in diesem
Ausschuss zu „Abgeordnete zweiter Klasse". Auch die Kontrolle
der Kommunalpolitik durch die Presse werde so „systematisch
ausgeschaltet", fürchtete Grünen-Fraktionschef Hentschel. „Politik
muss grundsätzlich offen und transparent sein", fand auch
SSW-Frau Spoorendonk.