Kiel (SHL). Pflegeberatung tut Not
- darin waren sich alle Fraktionen am Mittwoch, 16. Juni 2004, bei
der Debatte über die trägerunabhängigen Pflegeberatungsstellen im
Land einig. Unterschiedliche Ansichten von Rot-Grün und SSW auf der
einen und Schwarz-Gelb auf der anderen Seite traten in der Bewertung
des Modellprojekts der freien Beratungsstellen auf, die die
Landesregierung ins Leben gerufen hat. Seit 2003 gibt es neun
solcher unabhängigen Beratungsstellen. Sie sind bei den
Kreisen beziehungsweise kreisfreien Städten angesiedelt.
Ihre Einrichtung in Schleswig-Holstein sei "ein
in jeder Hinsicht erfolgreiches Projekt", hatte
Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD) in ihrem von Rot-Grün
angeforderten Bericht geurteilt. Den Beratungsstellen sei es
vielfach gelungen, eine stationäre Behandlung zugunsten von
ambulanter Pflege hinaus zu zögern. Neben einer Verbesserung der
Lebensqualität der Betroffenen habe dies auch zu erheblichen
Einsparungen geführt: Bei der Sozialhilfe hätten Land und Kommunen
im Jahr 2004 etwa 2,9 Millionen Euro eingespart, die
Pflegeversicherung weitere zwei Millionen. Die Kosten für die
Beratungsstellen lägen dagegen nur bei rund 1,5 Millionen Euro
jährlich. Das Argument: "Wir können uns das nicht leisten",
gelte vor diesem Hintergrund nicht, argumentierte die Ministerin und
forderte auch die bislang nicht beteiligten Kommunen und Kreise zur
Teilnahme auf.
FDP moniert Erfolgskontrolle
Es dürfe nicht passieren, dass die Beratungsstellen
zu reinen Einsparquellen der Pflegeversicherungen mutierten, warnte
dagegen die FDP-Abgeordnete Veronika Kolb. Die Regierung messe die
Pflege immer nur in Zahlen und vernachlässige die Qualität der
Pflege. Insgesamt fehle zudem eine funktionierender
Erfolgskontrolle, kritisierte Kolb. "Ihre Zahlen sind so nicht
nachprüfbar", zweifelte Werner Kalinka die Ausführungen der
Ministerin an. Er forderte dazu auf, den Kommunen zu überlassen, in
welcher Trägerschaft sie die Beratungsstellen organisieren - bei
gesicherten Zuschüssen durch das Land. "Dann werden wir uns
wahrscheinlich ganz schnell einig", betonte Kalinka auch
bestehende Gemeinsamkeiten mit der Ministerin.
Pflegebedürftige und Angehörigen brauchen
neutrale Beratung, verteidigte dagegen Wolfgang Baasch (SPD) das
Prinzip der Unabhängigkeit von Trägern. Die Arbeit der
Beratungsstellen nach dem Grundsatz "ambulant vor
stationär" habe sich als erfolgreich erwiesen. Daher sei es
unverständlich, dass eine Reihe unionsgeführter Kreise überlege,
sich aus dem Modellprojekt zurückzuziehen, so Baasch.
"Wichtige Frühwarnfunktion"
Die Bedeutung der trägerunabhängigen
Pflegeberatungsstellen werde auch dadurch belegt, dass diese eine
wichtige Frühwarnfunktion hätten, unterstützte auch Angelika Birk
(Grüne) den Regierungskurs. Sie seien "eine niedrigschwellige
Kontaktstelle, wenn es um Pflegemängel geht." Die
Beratungsstellen seien in Zukunft unverzichtbar, pflichtete Silke
Hinrichsen von der SSW-Landtagsgruppe bei. Landesregierung, Kreise
und Kommunen sollten die Finanzierung daher auch nach Auslaufen des
Modellprojektes 2005 sicherstellen, forderte Hinrichsen.
"Das Land wird sich nicht aus der Finanzierung
zurückziehen", versprach Ministerin Trauernicht. Zudem stellte
sie einen ausführlichen Bericht in Aussicht, wenn die
wissenschaftliche Bewertung des Modellprojekts durch das Institut
für Soziologie der Kieler Uni abgeschlossen ist. Diese Evaluation
soll Ende des Jahres auf dem Tisch liegen.
Auf einstimmigen Landtagsbeschluss wird sich der
Sozialausschuss weiter mit dem Thema befassen.