„Auch
Schlipsträger" müssen den Nutzen des SPNV erkennen
Austermann will Personennahverkehr auf der
Schiene weiter ausbauen / Südliches Schleswig-Holstein hat
Vorrang
Kiel (SHL/19.6.)
Die Landesregierung setzt sich für den weiteren Ausbau des
Schienen-Personennahverkehrs (SPNV) in Schleswig-Holstein ein. Von
den beiden Groß-Projekten wie dem Dreiachsen-Konzept für das
südliche Schleswig-Holstein und der Kieler Stadtregionalbahn
verspreche er sich wirtschaftliche Impulse für die Regionen,
erklärte Wirtschaftsminister Dietrich Austermann (CDU) in einem
von den Liberalen beantragten Bericht. Mit Blick auf den geringen
finanziellen Spielraum des Landes stellte Austermann klar, dass
die Anbindung des Hamburger Speckgürtels an den Hamburger
Hauptbahnhof derzeit Vorrang habe.
Wichtig, so Austermann, sei aber nicht allein die
Ausweitung des Netzes, sondern auch die Verbesserung von
Serviceleistungen wie „Pünktlichkeit", „Sauberkeit"
sowie „landesweit gültige Fahrgastrechte". Denn: Ein
moderner SPNV funktioniere besonders dort, „wo auch
Schlipsträger seinen Nutzen erkennen" und „nicht nur
Menschen, die sich kein Auto leisten können", konstatierte
der Minister. Alles in allem plane das Land im kommenden
Doppelhaushalt 2009/2010 rund 200 Millionen Euro für den SPNV
bereit zu stellen.
Opposition vermisst tragfähige Konzepte
Während die breite Mehrheit im Plenum die großen
SPNV-Vorhaben der Landesregierung begrüßte, kam insbesondere aus
den Reihen der Liberalen harsche Kritik: Der Landesregierung
mangele es an einer klaren Prioritätensetzung und einem
finanzpolitischen Konzept. Grüne und SSW machten ebenfalls
fehlende Rechenexempel für die Realisierung der Projekte aus.
Der Bericht des Ministers sei „glatte
Arbeitsverweigerung", sagte Heiner Garg (FDP). Von sechs
konkreten Punkten habe er „allenfalls einen halben konkret
beantwortet". Dringend erforderlich seien Lösungen, keine
Abwägungen. In Kiel verspreche er den Bau der Stadtregionalbahn
Kiel, in Hamburg etwas anderes – dabei vergesse Austermann, dass
er „jeden Euro nur einmal ausgeben kann". Und: Die im
Gespräch stehende Stadtregionalbahn Kiel sei nichts anderes als
ein „ideologisch kommunalpolitisches Prestigeprojekt – eine um
die Kieler Hörn herumfahrende Bimmelbahn", die den
Steuerzahler mit mindestens 500 Millionen Euro belasten
würde.
„Täuschen Sie nicht die Öffentlichkeit",
konterte Austermann und empfahl dem FDP-Abgeordneten, einen Blick
in den schriftlichen Bericht zu werfen, wo die Zahlen stehen
würden.
Grüne: Karlsruhe ist Vorbild für Kiel
Rückendeckung erhielt Garg von Karl-Martin
Hentschel (Grüne): Auch er vermisste ein „Finanztableau",
aus dem ersichtlich sei, „was man finanzieren kann und was
nicht". Zu einem vollkommen anderen Ergebnis als sein
Oppositionskollege kam Hentschel hingegen bei der Bewertung der
Stadtregionalbahn Kiel: Es sei gut, dass das Projekt im
Bundesverkehrswegeplan aufgenommen sei. Mit ihm könne der
ÖPNV-Verkehrs-Anteil auf über 15 Prozent steigen. Städte wie
Karlsruhe hätten gezeigt, „dass Verkehrsanteile bis 25 Prozent
auf der Schiene möglich sind und insgesamt über 75 Prozent des
städtischen Personenverkehrs im Umweltverbund Schiene, Bus,
Fahrrad und Füße abgewickelt werden können".
Auch Hans-Jörn Arp (CDU) machte sich für die
Kieler Bahn stark: Die Realisierung dieses Projektes würde einen
Standortvorteil für die ganze Region bedeuten. „Dafür ist es
allerdings wichtig, dass alle Kommunen sich dazu bekennen",
so Arp, „das ist bisher nicht der Fall". Das Land müsse
deshalb abwarten, wie sich die neuen Gebietskörperschaften
entscheiden.
„Der Schleswig-Holstein-Tarif war
bundesweit der erste landesweite Tarif", nahm Bernd Schröder
(SPD) die Preispolitik für den SPNV ins Visier. Hier gelte es,
eine Weiterentwicklung voranzubringen, beispielsweise durch die
Entwicklung neuer Tarifangebote für spezielle Zielgruppen oder
die Prüfung neuer Vertriebswege.
„Nicht alles, was wünschenswert ist, kann
umgesetzt werden", befand Lars Harms (SSW). Ob die
Großprojekte etwas werden, hänge immer noch vom „Damoklesschwert
Fehmarn-Belt-Querung" ab.
Zahlen und Visionen
Der Schienenverkehr in Schleswig-Holstein hat in
den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Zwischen 2005 und 2007
ist der Marktanteil des gesamten öffentlichen
Personen-Nahverkehrs im Norden von 5,4
auf sechs Prozent gestiegen. Daran habe die Schiene einen wesentlichen
Anteil, so Austermann. Die meisten Fahrgäste haben bei weiter
steigender Tendenz die Strecken Hamburg-Lübeck (2006: 22.000 am
Tag) und Hamburg-Kiel (21.000) genutzt.
Angesichts der Bedeutung der
Metropole Hamburg für den Norden stehen die Strecken dorthin auch
bei weiteren Ausbauplänen im Mittelpunkt. So soll die S-Bahn bis
Ahrensburg Nord/Bad Oldesloe verlängert werden – auf eigenem
Gleis, um den Schienenengpass dort zu beseitigen. Außerdem ist
vorgesehen, die S-Bahn ebenfalls auf einem eigenen Gleis bis nach
Elmshorn beziehungsweise Itzehoe zu verlängern. Mit einem Ausbau
der Strecke Hamburg-Flughafen
Fuhlsbüttel-Norderstedt-Kaltenkirchen könnten die Fahrzeiten um
bis zu einem Drittel verkürzt werden.
Die umstrittene Stadtregionalbahn soll U-förmig um
die Kieler Förde führen sowie die Landeshauptstadt mit Preetz,
Schönberg und Eckernförde verbinden. Hierzu müssten 25
Kilometer neue Gleise gebaut werden. Die Fahrpreise sollen die Betriebskosten decken. Das Projekt soll im Rahmen einer
Öffentlich-Privaten Partnerschaft realisiert werden. Laut einem
Gutachten der Investitionsbank würde der Bau knapp 400 Millionen
Euro kosten. Die Betriebskosten schätzt das Gutachten für das
erste Jahr auf rund 20 Millionen.