Kiel (SHL/23.03.). Ein Standort, zwei
unterschiedliche Perspektiven: Während Wirtschaftsminister Dietrich
Austermann (CDU) den Wirtschaftsraum Brunsbüttel angesichts eines
boomenden Hafens und ansiedlungswilliger Unternehmen im Aufwind
sieht, wittern die Liberalen Gefahr für den Standort durch die
Nachmeldung des Naturschutzgebietes St. Margarethen im Rahmen der
von der EU verlangten Umsetzung der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH).
Dieser düsteren Prognose trat Austermann entgegen: Spürbare
Beeinträchtigungen durch die FFH-Ausweisung würden sich im Dialog
mit Brüssel verhindern lassen. Zudem verwies der Minister in
seinem, von der FDP beantragten Bericht auf das
"dynamische" Wirtschaftswachstum der Stadt an der
Unterelbe.
Der Hafen ist mit einem Jahresumschlag von knapp
acht Millionen Tonnen nach Lübeck (27, 5 Millionen Tonnen)
mittlerweile der zweitwichtigste im Land. In Brunsbüttel mündet
zudem der Nord-Ostsee-Kanal, der im vergangenen Jahr mit 42.500
Schiffspassagen einen erneuten Rekord verzeichnen konnte. Im
Industriegebiet arbeiten mehr als 4.000 Beschäftigte, darunter 850
bei der Bayer AG, 550 bei Sasol und 500 bei Shell.
Schwarz-roter Dissens in der Atompolitik
Schützenhilfe erhielt Austermann aus den Reihen der
Grünen und des SSW. Die von der Europäischen Union geforderte
FFH-Ausweisung lasse Raum für Ausnahmen, so die Oppositionspartei.
Die Regierungsfraktionen warben angesichts dieser Problematik mit
Nachdruck für die Stärkung des Standortes. Uneins waren sich CDU
und SPD einmal mehr in der Atompolitik: Während sich die Union für
die Verlängerung der Laufzeit des Atomkraftwerkes Brunsbüttel
stark machte, erteilte die Sozialdemokraten im Verbund mit den
Grünen eine Absage.
Gleichwohl bleibt Brunsbüttel auch in Zukunft ein
wichtiger Energiestandort: Wirtschaftsminister Austermann
konstatierte, dass es zur Zeit zwei Bewerber für die Errichtung von
Kohlekraftwerke gebe. Brunsbüttel werde auch in Zukunft ein
Stromknotenpunkt bleiben.
Stimmen aus der Debatte:
Heiner Garg (FDP): Brunsbüttel ist der
größte Industriestandort in Schleswig-Holstein. Tatsächlich hat
dieser Wirtsschaftraum hervorragende Chancen – aber diese Chancen
setzt die Landesregierung mit der FFH-Ausweisung aufs Spiel.
Jens Magnussen (CDU): Die Laufzeiten des
Kernkraftwerkes, nicht zu verlängern, bedeutet letztlich eine nicht
unerhebliche Schwächung des Energiestandortes Brunsbüttel. 350
direkte Arbeitsplätze am Kraftwerk zuzüglich weiterer etwa 1.000
Arbeitsplätze von Klein- und Mittelständischen Unternehmen wären
in Gefahr.
Detlef Buder (SPD): Die Diskussion um
Brunsbüttel lässt sich nicht auf FFH-Ausweisung reduzieren.
Schließlich gibt es am Standort die chemische Industrie, die
Raffinerie und den einzigen Tiefwasserhafen Schleswig-Holsteins.
Klaus Müller (Grüne): Brunsbüttel ist ein
leistungsfähiger Standort mit großen Zukunftschancen. Die Zahl von
4.000 Arbeitnehmern ist beeindruckend. Das Auslaufmodell
Atomkraftwerk steht neben einer modernen Windkraftanlage.
Lars Harms (SSW): An der FFH -Ausweisung
führt kein Weg vorbei. Die Ausweisung ist aber schadlos, weil sie
am Status Quo nichts ändert. Anmeldungsverfahren muss so schnell
wie möglich kommen, damit man Genehmigungen auf den Weg bringen
kann.