Die Hemmschwelle mit Gewalt gegen die Polizei
vorzugehen, sei auf „ein unerträgliches Maß" gesunken,
konstatierte Schlie. Der Bericht seines Ministeriums zeige, dass die
Zahl der Übergriffe im vergangenen Jahr mit 704 Fällen auf
konstant hohem Niveau des Vorjahres liege. Derweil sei die Zahl der
Verletzten von 44 Beamten auf 108 gestiegen. Als mögliche Ursache
nannte der Innenminister einen „Wertewandel der
Gesellschaft", der mit einem „Akzeptanzverlust der
Polizei" einhergehe. Um hier zu neuen Erkenntnissen zu kommen,
beteilige sich das Land mit neun weiteren Ländern an der Studie
"Gewalt gegen Polizisten" des Kriminologischen
Forschungsinstituts Niedersachen.
Besserer Schutz von Polizisten:
Unterschiedliche
Lösungsansätze im Plenum
In der anschließenden Debatte verurteilte das
Plenum unisono die Übergriffe gegen die Polizei. Allerdings kamen
die Fraktionen zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen: Die Union
forderte nach dem geltenden Strafrecht eine härtere Bestrafung der
Täter. Dagegen sprachen sich Liberale, Grüne, Linke und SSW für eine
intensive Ursachenforschung aus. Die Sozialdemokraten wiederum
warben dafür, einen Sonder-Straftatbestand ins Strafgesetzbuch
aufzunehmen. Dieser solle Fälle abdecken, in denen Beamte nur
aufgrund des Tragens ihrer Uniform Opfer von Gewalt werden.
Der Bericht wurde zur Beratung an den Innen- und
Rechtausschuss überwiesen.
Stimmen aus dem Plenum:
Werner Kalinka (CDU): Polizisten brauchen die
bestmögliche Ausstattung wie bessere Helme und Schutzwesten. Und
der Staat muss klarmachen, dass er reagiert. Der Übergriff auf
einen Beamten ist kein Kavaliersdelikt.
Kai Dolgner (SPD): Damit, dass ein Amtsträger
angegriffen wird, nur weil er als solcher zum Beispiel durch seine
Polizeiuniform erkennbar ist, hat der Gesetzgeber nicht gerechnet.
Hier muss ein neuer Straftatbestand her.
Jens-Uwe Dankert (FDP): Angesichts der Gewalttaten
stellt sich die Frage, wer überhaupt noch Polizist werden will. Der
Nachwuchs muss aus der Mitte der Bevölkerung kommen. Abenteurer
haben bei der Landespolizei nichts zu suchen.
Thorsten Fürter (Grüne): Es geht vor allem um die
Gewalt junger Männer, die keine Perspektive und keine
Aufstiegschancen haben. Es geht um Bildungsverlierer in der Schule,
die zumeist keinen Ausbildungsplatz bekommen.
Heinz-Werner Jezewski (Linke): Bevor man mögliche
Ursachen benennt und einen Wertewandel in der
Gesellschaft ausmacht, braucht man die Untermauerung mit
Datenmaterial. Für die Polizei gilt: Deeskalationstraining ist der
richtige Weg, um Gewalt vorzubeugen.
Silke Hinrichsen (SSW): Der Akzeptanzverlust
gegenüber der Polizei hat auch viel mit Perspektiv- und
Mutlosigkeit zu tun. Menschen, die wütend auf die Gesellschaft
sind, werden keinesfalls bessere Menschen, nur weil sie härter
bestraft werden.