|
"Wir
haben kein Erkenntnis-,
sondern ein Handlungsdefizit" Landtag
beschließt Maßnahmenpaket
gegen Kinderarmut
|
Kiel (SHL/31.05.)
Das letzte Kindergartenjahr soll in Schleswig-Holstein für alle
Kinder beitragsfrei werden. Das ist einer von 14 Punkten eines
vom Sozialausschuss erarbeiteten Maßnahmenkataloges zur
Bekämpfung der Kinderarmut, den der Landtag einstimmig annahm.
"Wir freuen uns, eine solch konstruktive
Debatte ausgelöst zu haben, von der parteiübergreifend ein
deutliches politisches Signal ausgeht", sagte Monika
Heinold für die Fraktion der Grünen, auf deren Antrag vom
März sich der Sozialausschuss mit dem Thema beschäftigt hatte.
Das Maßnahmenpakt sieht unter anderem weiterhin vor, Betreuungsangebote
auszubauen und die Sprachförderung zu verbessern.
Trotz der
angespannten Haushaltssituation hält es Siegrid
Tenor-Alschausky (SPD) für ein realistisches Ziel, das
beitragsfreie letzte Kindergartenjahr bis zum Jahr 2010
umzusetzen. Torsten Geerdts (CDU) betonte
in der Debatte, dass Kinderarmut nicht allein ein materielles
Problem sei. "Armut bekämpft man durch Teilhabe",
forderte er zu einer Verbesserung der Integration von
Ausländern und Migranten auf.
"Wir
haben kein Erkenntnis-, sondern ein Handlungsdefizit",
stellte Heiner Garg (FDP) fest. Wenn Bildungsteilhabe und
Sprachförderung nicht im Kindergarten sondern vor dem Fernseher
stattfinden, "werden den Jugendlichen von vornherein
Chancen für Ausbildung und Beruf verbaut". Nicht bei den
Auswirkungen, sondern bei den Ursachen müsse man ansetzen,
schloss Lars Harms (SSW) an.
Einen "Skandal"
nannte Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD) die Kinderarmut
in einer hoch entwickelten Gesellschaft wie der Bundesrepublik.
Sie rief dazu auf, allen Kindern eine Chance zur Entwicklung
ihrer Talente zu geben. In
Schleswig-Holstein leben nach Angaben des Sozialministeriums
etwa 64.000 Kinder unter 15 Jahren von staatlicher
Unterstützung.
Hintergrund:
- Die in verschiedenen
Kommunen bereits bestehenden "lokalen Bündnisse
für Familie" sollen landesweit ausgebaut werden
- Jugendliche mit
"besonderem erzieherischem Bedarf" sollen in
der Schule besonders gefördert werden
- Kommunale Netzwerke
zwischen Gesundheitsämtern, Jugendhilfe, Kitas,
Schulen und Beratungsstellen sollen eingerichtet
werden
- Kinder-Betreuungsangebote
sollen trotz knapper Kassen "bedarfsgerecht"
für alle Altersstufen ausgebaut werden.
- Das gleiche soll für
Ganztagschulen gelten
- Um
"Schuldnerkarrieren" zu verhindern sollen
die Schuldnerberatungsstellen unterstützt werden
- Bei Kindern mit
Migrations-Hintergrund und Sprachdefiziten soll
besonderes Augenmerk auf die Sprachförderung und die
Gesundheitsversorgung gelegt werden.
Der Ausschuss hat damit einen Ursprungsantrag der Grünen
vom März umgearbeitet. Die Oppositionspartei hatte zudem
eine Kindergrundsicherung in Höhe des Existenzminimums
und den Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung ab dem 1.
Lebensjahr gefordert. Das letzte Kindergartenjahr sollte
nach dem Plan der Grünen beitragsfrei sein.
In
Schleswig-Holstein leben nach Angaben des
Sozialministeriums etwa 64.000 Kinder unter 15 Jahren von
staatlicher Unterstützung. Das sind knapp 15 Prozent
aller Kinder und Jugendlichen. Das Forschungsinstitut
Sozial-Ökonomisches Panel geht davon aus, dass 13,1
Prozent der Haushalte in Deutschland unter
Armutsbedingungen leben. Bei Alleinerziehenden mit zwei
oder mehr Kindern ist die Quote besonders hoch (58,5
Prozent). Kinder, die in Armut aufwachsen, haben einer
Einschätzung verschiedener Sozialbverbände zufolge
schlechtere Chancen auf Gesundheit, Schulabschluss und
Kultur, dafür aber ein höheres Risiko Opfer von Gewalt
zu werden.
mehr
Informationen: plenum-online,
März
2006
(www.sh-landtag.de/plenumonline/maerz2006/texte/30_42_kinderarmut.htm)
|
|
|
Neu: Von der Tagesordnung
abgesetzt
Hauptredner:
Hintergrund:
Auf Initiative von Grünen und SSW berichtet die
Landesregierung über den Bürokratieabbau und die damit
verbundene Kostenreduzierung in der Verwaltung. Das
zuständige Finanzministerium weist auf die prekäre
Haushaltslage mit einem Gesamtschuldenstand von 20
Milliarden Euro und einer Neuverschuldung von 1,6
Milliarden im Jahr 2005 hin. Daher bestehe auch in der
Landesverwaltung Sparzwang; es solle aber "nicht mit
dem Rasenmäher" vorgegangen, sondern
"intelligent" gespart werden.
Deswegen verweist der Bericht auf die im
vergangenen Jahr von der Landesregierung eingeleitete
Aufgabenkritik: Eine Arbeitsgruppe unter Staatssekretär
Klaus Schlie hatte geprüft, auf welche Aufgaben das Land
verzichten kann und wo eine Verlagerung auf die kommunale
Ebene Synergieeffekte verspricht. Dies soll etwa bei den
Umweltämtern, den Ämtern für ländliche Räume oder den
Katasterämtern geschehen. Eine Normenprüfstelle im
Innenministerium prüft zudem die Referentenentwürfe für
Gesetze und Verordnungen auf Erforderlichkeit und
Wirtschaftlichkeit, bevor sie erlassen beziehungsweise ins
parlamentarische Beratungsverfahren gegeben werden.
Weitere Punkte sind die bereits angekündigte
Schaffung von vier Verwaltungsregionen in kommunaler
Trägerschaft (s. plenum-online, März
2006) und die Ausgliederung in Form von
Landesbetrieben, Anstalten oder Öffentlich-Privaten
Partnerschaftsprojekten.
Einen besonderen Augenmerk haben die Antragssteller
auf das so genannte "Standard-Kosten-Modell"
gelegt. Dieses aus den Niederlanden stammende Pilotprojekt
hat zum Ziel, den Aufwand bürokratischer Auflagen zu
messen und Einsparmöglichkeiten sichtbar zu machen –
etwa durch die Streichung von Informationspflichten durch
die Nutzung bereits vorhandener Statistiken. Der Bericht
kommt zum Schluss, dieser Annsatz könne „einen
wirkungsvolles Instrument mit Signalwirkung darstellen um
auch in Schleswig-Holstein dazu beizutragen, eine neue
Kultur des Regierungshandelns zu schaffen".
|
|