Kiel (lno). Der Schleswig-Holsteinische Landtag hat den
endgültigen Stopp der heftig kritisierten Diätenerhöhung eingeleitet. Nach einem Dringlichkeitsantrag von SPD und CDU brachte das Parlament
am Mittwoch, 7. Mai 2003, die Rücknahme des Abgeordnetengesetzes auf den Weg, das
erst kürzlich geändert worden war. Danach sollten die Diäten der 89 Abgeordneten zum 1. Juni um
1.800 auf 5.700 Euro steigen und die meisten Funktionszulagen wegfallen. Auslöser der Pläne war ein
Urteil des Bundesverfassungsgerichts: Darin wurden die meisten Funktionszulagen in den deutschen Parlamenten als unzulässig
eingestuft. In Kiel sollte die Zahl der Empfänger von 52 auf 12 sinken.
Erst auf massiven öffentlichen Druck hin verzichteten SPD und CDU auf ihr Vorhaben. Es soll an diesem
Freitag in Zweiter Lesung definitiv "begraben" werden.
In einer lautstarken Debatte kritisierten FDP, Grüne und der
dänisch orientierte SSW (Südschleswigscher Wählerverband) scharf das Vorgehen der
"Großen Diäten-Koalition". Sie scheiterten mit dem Versuch, eine Abstimmung auf eine Sondersitzung zu vertagen: Damit
wollten sie Zeit gewinnen, um Zweifel an der Verfassungskonformität der Gesetzesänderung zu klären. Aus diesen Gründen will auch der
SPD-Abgeordnete Hermann Benker nicht mit seiner Fraktion stimmen. Er kündigte Klage an und beharrte auf dem in der Verfassung festgelegten
Anspruch der Abgeordneten auf "angemessene Entschädigung."
FDP, Grüne und SSW befürchten
Vertrauensverlust
In der Debatte warfen FDP, Grüne und SSW der
"Diäten-Koalition" von SPD und CDU kapitale Fehler vor und beklagten einen schweren
Vertrauensverlust für das Parlament. Die Fraktionschefs Lothar Hay (SPD) und Martin Kayenburg
(CDU) räumten
Versäumnisse ein, bekannten sich aber zu den Grundzügen der gescheiterten Diätenstrukturreform. Beide
dankten einander ausdrücklich für die "vertrauensvolle Zusammenarbeit" beim Voranbringen und Zurückziehen der Reform.
Ihren "Rückzieher" hatten SPD/CDU unter massivem Druck der
eigenen Basis und der Öffentlichkeit gemacht. Einer der Hauptkritikpunkte in der zuletzt eskalierten Debatte: Die im
Reformpaket ebenso vorgesehene, von den Abgeordneten selbst zu bezahlende Altersversorgung wollten sie erst ab 2005 greifen lassen.
Stimmung falsch eingeschätzt
Die deutlichste Selbstkritik kam von SPD-Fraktionschef
Hay (Foto rechts): "Die emotionale Stimmung und die Wucht der Reaktion haben wir falsch
eingeschätzt." Es sei nicht gelungen deutlich zu machen, dass es um eine Strukturreform ging und nicht um eine
"bloße Diätenerhöhung", sagte Hay. SPD und CDU wollen in dieser Legislaturperiode keine
Diätenstrukturreform mehr verfolgen.
Als falsch bezeichnete CDU-Fraktionschef Kayenburg
(Foto links) die
Ursprungsabsicht, die Mehrkosten für die geplante Diätenerhöhung von 690 000 Euro in diesem Jahr mit neuen Schulden bezahlen zu wollen.
Scharf attackierte er Ministerpräsidentin Heide Simonis (SPD), die der Diätenerhöhung zugestimmt hatte, das Gesetz unterzeichnete und
dann für Verschiebung plädierte. Kayenburg warf ihr deshalb "peinliches und schäbiges Verhalten" vor.
Der
Fraktionschef der Liberalen, Wolfgang Kubicki (Foto
rechts), warf den Fraktionen von SPD
und CDU vor, sie hätten
einen Scherbenhaufen angerichtet. "Die Beschimpfungen der letzten Tage, ob per E-Mail oder mündlich, haben vielen
von uns klar gemacht,
dass die Bürgerinnen und Bürger empört sind und dass sie kein Verständnis für
die Diätenerhöhung haben", sagte die Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen, Monika Heinold
(Foto rechts).
"In einer Zeit, in der die
Politik in Berlin oder in
Kiel von den Menschen große Opfer verlangt, darf nicht einmal der Anschein
von "Rosinenpickerei" bei der ansonsten vernünftigen Reform der
Abgeordnetenentschädigung entstehen", so die Vorsitzende des SSW, Anke
Spoorendonk (Foto)
Beschlussfassung:
Der auf eine Sondersitzung abzielende
Absatz im Antrag von FDP, Bündnis 90/DIE GRÜNEN, und
der Abgeordneten des SSW (15/2660)
wurde mit der rot-schwarzen Stimmenmehrheit
abgelehnt.
Der Dringlichkeitsantrag der Fraktionen von CDU und SPD (15/2650)
wurde bei zwei Enthaltungen an den Innen- und Rechtsausschuss überwiesen.
Hauptredner:
Lothar Hay (SPD),
Martin Kayenburg (CDU), Wolfgang Kubicki (FDP), Monika Heinold (Grüne), Anke
Spoorendonk (SSW)
Hintergrund:
Nach
heftiger öffentlicher und parteiinterner Kritik haben SPD
und CDU einen Gesetzentwurf zur Aufhebung der erst im
April beschlossenen Diäten-Strukturreform eingebracht.
Diese Reform sah eine Anhebung der Grunddiät um knapp
1.800 Euro auf 5.700 Euro ab 1. Juni dieses Jahres
vor. Gleichzeitig sollte ein Großteil der momentan 52
Funktionszulagen sowie eine Reihe von Pauschalen gestrichen werden. In einem zweiten Schritt sollten die
Abgeordneten ab der nächsten Wahlperiode, ab Frühjahr
2005, für ihre Altersvorsorge selbst verantwortlich sein.
Hierfür war eine weitere Anhebung der Entschädigung um
1.000 Euro geplant. Parallel zu diesen Schritten hatten
die beiden großen Parteien eine Verkleinerung des
Landtags auf eine Sollstärke von 69 Mitgliedern geplant.
FDP, Grüne und SSW hatten vor allem die Zweistufigkeit
des Modells bemängelt und eine gemeinsame Einführung der
Diätenreform, der Altersvorsorge und der
Landtagsverkleinerung gefordert. Medien in Land und Bund
sowie Orts- , Kreis- und Landesverbände von SPD und CDU
hatten sich dieser Kritik angeschlossen .
Gemeinsame Erklärung
der Fraktiuonsvorsitezenden von SPD, Lothar Hay, und CDU,
Martin Kayenburtg (vom 05.05.2003):
Lothar
Hay und Martin Kayenburg: Die angestrebte
Diätenstrukturreform wird nicht weiter verfolgt
In
den Vorständen sowie den Fraktionen von SPD und CDU wurde
heute sehr ausführlich die augenblickliche Situation
angesichts der Diätendiskussion im Lande besprochen
und die politische Lage analysiert.
„Die anhaltende
öffentliche Kritik und Diskussion zeigt, dass es uns
nicht gelungen ist, deutlich
zu machen, dass es um eine umfangreiche
Diätenstrukturreform geht. Zahlreiche
Zulagen und Pauschalen sollten wegfallen und ab 2005
sollte die Altersversorgung
der Abgeordneten neu geregelt werden. Deshalb sind die
Fraktionen von SPD und CDU zu dem
Schluss gekommen, die angestrebte Diätenstrukturreform
nicht weiter zu verfolgen", führten Lothar Hay und
Martin Kayenburg heute vor
der Presse aus.
Stichwort: Dringlichkeit
Ein Beratungsgegenstand, der nicht auf
der Tagesordnung steht, kann Thema einer
Plenardebatte werden, wenn der Landtag die Dringlichkeit
feststellt. Dazu sind zwei Drittel der abgegebenen Stimmen
nötig. Wird die Dringlichkeit bejaht, wird das Thema in
die Tagesordnung eingereiht.
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