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Auf dieser Seite: Verfassungsschutzbericht 2006 

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Verfassungsschutzbericht 2006
Bericht der Landesregierung
Drucksache: 16/1358
-Plenarprotokoll-

Auch Verfassungsschutz sorgt sich um rechtsextreme Tendenzen

G-8-Gipfel könnte linke Szene wieder mobilisieren

Kiel (SHL/09.05.) Die rechtsextreme Szene in Schleswig-Holstein bereitet den Verfassungsschützern immer mehr Kopfzerbrechen. "Die NPD wird immer frecher und dreister", fasste Innenminister Ralf Stegner (SPD) bei der Präsentation des jüngsten Verfassungsschutzberichts im Plenum zusammen. Besonders mit allgemeinpolitischen Themen wie Arbeitslosigkeit und Hartz IV versuche die NPD, bei den Wählern zu punkten. Das linksextremistische Lager dagegen gab sich nach Angaben der Verfassungsschützer im vergangenen Jahr unauffällig. Auf islamistische Terrorstrukturen im Land hätten sich keine Hinweise ergeben. Stegner sprach dennoch von einer "andauernden Gefahr". Das Plenum hatte bereits in der vergangenen Tagung im März auf diese Tendenzen bei der Behandlung eines Berichts zum politischen Extremismus aufmerksam gemacht und im Kern das gleiche Fazit wie die Verfassungsschützer gezogen. (plenum-online März 2007).

Im Hinblick auf die NPD sagte Innenminister Stegner weiter, sie versuche auch die mögliche Kreisgebietsreform zu instrumentalisieren. Dies stieß bei Oppositionsführer Wolfgang Kubicki (FDP) auf Kritik. Er warnte davor, die Volksinitiative gegen die Kreisgebietsreform nicht dadurch zu diffamieren, dass der Eindruck erweckt werde, sie sei rechtsradikal unterwandert.

Sorge bereitete dem Plenum auch das Werben der Rechten um Nachwuchs. Laut Stegner ist "die Skinhead-Szene keineswegs ein Auslaufmodell". Die rund 660 Skinheads, die als latent gewaltbereit eingestuft werden, stellen rund die Hälfte der Rechtsextremen im Norden. Und: Laut Verfassungsschutz stagniert zwar die Mitgliederentwicklung der rechtsextremistischen Organisationen und Gruppierungen, dafür wird die Szene aber immer militanter. So stieg die Zahl der Straftaten im Vergleich zu 2005 um ein Drittel auf 510.

Angesichts des G-8-Gipfels der führenden Wirtschaftsnationen im Juni in Heiligendamm (Mecklenburg-Vorpommern) würden auch die Linksextremisten nach Einschätzung von Stegner wieder militanter Auftreten: "Die Behörden sind darauf eingestellt und betreiben intensive Aufklärung."

Der Bericht wurde zur abschließenden Beratung an den Innen- und Rechtsausschuss überwiesen.

Weitere Stimmen aus dem Plenum:

Peter Lehnert (CDU): Die Schaffung von Arbeitsplätzen für Jugendliche entzieht den Rechtsextremisten den Nährboden für ihre polemische Agitation.

Thomas Rother (SPD): Der G-8-Gipfel in Heiligendamm bietet Extremisten von Links und Rechts einen Ansatzpunkt für Krawall und Gewalt.

Karl-Martin Hentschel (Grüne): Das wichtigste Instrument gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus ist eine wache Bürgergesellschaft vor Ort.

Anke Spoorendonk (SSW): Fremdenfeindlichkeit und plumpes rechtes Gedankengut sind an Stammtischen und an Kaffeetafeln alltäglicher Gesprächsstoff.

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Hintergrund:
  Innenminister Ralf Stegner (SPD) legt dem Landtag den jährlichen Verfassungsschutzbericht vor.

Rechtsextremismus
  Demnach treten Rechtsextremisten zunehmend selbstbewusster auf und zielen mit ihren Ideen verstärkt auf die bürgerliche Mitte der Gesellschaft. So habe es die NPD verstanden, soziale Unzufriedenheit und Politikverdrossenheit für eigene Zwecke zu nutzen. Extremistische Positionen würden aus taktischen Gründen öffentlich meist verschleiert. Ein Schwerpunkt der rechtsextremistischen Agitation seien soziale Themen wie Arbeitslosigkeit oder Hartz IV.
  Der Schulterschluss von NPD, "Freien Nationalisten" und der Deutschen Volksunion (DVU) hat sich nach Aussage von Stegner bislang als stabil erwiesen. Die Gewinner in diesem auch als "Volksfront von rechts" bezeichneten Bündnis sei eindeutig die NPD. Sie allein könne sich gegenwärtig auch außerhalb des rechtsextremistischen Spektrums Gehör verschaffen. Die so genannten Kameradschaften, die die Neo-Nazi-Szene prägen, haben demgegenüber dem Bericht zufolge an Bedeutung verloren. Die Neo-Nationalsozialisten seien nur noch selten in der Lage, neue Mitglieder zu gewinnen. Der Verfassungsschutz rechnet rund 110 Personen zu dieser Szene.
  Den größten Anteil der Mitglieder im rechtsextremistischen Spektrum bildet die Subkultur-Szene mit den Skinheads. Ihr werden in Schleswig-Holstein rund 660 Personen zugerechnet. Sie wird latent gewaltbereit eingestuft. Die rechtextremistische Musik spiele in der gesamten Szene nach wie vor eine wichtige Rolle. Sie stifte nicht nur Identität und transportiere die szenetypischen Feindbilder, sie werde auch gezielt eingesetzt, um Angehörige der Szene zu mobilisieren und außen stehende Jugendliche zu interessieren und an sich zu binden. Erst am Wochenende vor der Tagung hat die Polizei mit massivem Einsatz eine Skinhead-Musik-Veranstaltung in Neufeld (Dithmarschen) aufgelöst.
  Im vergangenen Jahr wurden in Schleswig-Holstein 510 rechtsextremistische Straftaten verübt, 173 mehr als 2005, darunter 65 Gewaltdelikte, elf mehr als 2005. Die Mitgliederentwicklung der rechtsextremistischen Organisationen und Gruppierungen in Schleswig-Holstein stagniert. Insgesamt zählte der Verfassungsschutz 1.350 Personen. Die größte Gruppe mit 660 Personen bilden die gewaltbereiten Rechtsextremisten, insbesondere Skinheads. Die NPD kommt auf 240 Mitglieder, der DVU werden 300 Personen zugerechnet.

Linksextremismus
  Die Proteste von Linksextremisten gegen den G-8-Gipfel Anfang Juni in Heiligendamm (Mecklenburg-Vorpommern) werden nach Einschätzung von Stegner an Militanz weiter zunehmen. Weitere Anschläge wie die gegen Fahrzeuge einer Firma in Bad Oldesloe und auch auf das Auto und das Wohnhaus des Direktors des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts in Reinbek (Kreis Stormarn) könne man nicht ausschließen, heißt es. Zwar seien die meisten der im Zusammenhang mit dem G-8-Gipfel geplanten Aktionsformen friedlich angelegt, allerdings werde aus verschiedenen Erklärungen einzelner Bündnisse deutlich, dass gewalttätige Proteste nicht abgelehnt würden.
  Das Spektrum der linksextremistischen Gipfel-Gegner reicht von trotzkistischen Gruppierungen wie Linksruck über antiimperialistische Gruppen bis hin zur militanten autonomen Szene. Die "Interventionistische Linke" (IL) und "Dissent!" sind die beiden maßgeblichen Mobilisierungsströme.
  In Schleswig-Holstein liegt die Zahl der Anhängerschaft von Linksextremisten seit einigen Jahren unverändert bei rund 820 Personen, von denen 500 dem dogmatisch geprägten Linksextremismus zuzuordnen sind. Die gewaltbereite undogmatisch-linksextremistische Szene hat landesweit rund 320 Anhänger. Linksextremisten verübten im vergangenen Jahr insgesamt 118 Straftaten, 155 weniger als 2005, darunter 41 Gewaltdelikte, 45 weniger als 2005. Grund für den erheblichen Rückgang ist nach Ansicht von Stegner die Tatsache, dass Auseinandersetzungen zwischen Links- und Rechtsextremisten nach der Landtagswahl 2005 deutlich abgenommen haben.

Terroristische Strukturen
  In Schleswig-Holstein haben die Sicherheitsbehörden derzeit keine Anhaltspunkte, die auf islamistisch-terroristische Strukturen hindeuten könnten. Dennoch sieht Stegner auch weiterhin keinen Grund für eine Entspannung der Sicherheitslage in Deutschland. Die Festnahme eines Terrorverdächtigen aus Kiel im Zusammenhang mit den gescheiterten Kofferbombenanschlägen im Sommer vergangenen Jahres passt nach Stegners Worten in das Bild, das Verfassungsschutz und Polizei schon seit längerem von der Terrorszene haben: Es gibt eine unbestimmte Zahl von einzelnen Personen, die Kontakte in das gewaltbereite Spektrum haben.
  Wie Stegner sagte, liegt ein Schwerpunkt der Arbeit der Sicherheitsbehörden darauf, solche Personen und ihre Anlaufstellen zu identifizieren. Ein weiterer Aufklärungsschwerpunkt der Verfassungsschutzbehörden gilt einzelnen Personen, die sich im Irak an terroristischen Aktivitäten beteiligt haben und später in europäische Länder einreisen, um dort dauerhaft zu leben.
  Das Gesamtpotenzial der Mitglieder und Anhänger extremistischer Ausländerorganisationen ist in Schleswig-Holstein im vergangenen Jahr weitgehend gleich geblieben. Insgesamt zählte der Verfassungsschutz im vergangenen Jahr rund 1.750 Personen, die dem ausländerextremistischen Spektrum zugeordnet werden können. Nach wie vor gelte, dass sich nur ein sehr geringer Teil der ausländischen Bevölkerung in extremistischen Organisationen betätigt.

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