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Wie viel Einfluss soll
Brüssel auf die Sozialstrukturen nehmen?
Landtagsabgeordnete appellieren zur Teilnahme an
der Europawahl
Kiel (SHL/08.05.)
Schleswig-Holsteins Europaminister Uwe Döring (SPD) hat die „Stärkung
sozialer Aspekte" als das Zukunftsthema der Europäischen
Union im 21. Jahrhundert bezeichnet. In seiner Antwort auf eine
Große Anfrage der SPD erklärte der Minister im Plenum, man
müsse eine Balance zwischen den bisher wirtschaftlichen und den
sozialen Interessen finden. Derzeit stünden die wirtschaftlichen
Themen im Vordergrund. Kernziele seien zum Beispiel
grenzüberschreitende Arbeitnehmerrechte, ein Pakt gegen
Lohndumping, der Abbau überflüssiger Gesetze sowie eine
Harmonisierung der Sozialsysteme. Während SPD und Grüne diese
Absichten unterstützten, warnten CDU und FDP vor zu viel Einfluss
aus Brüssel auf diesem Gebiet.
Der Forderung von SPD,
Grünen und SSW nach einer mit Wirtschafts- und Währungsunion
gleichgestellten Sozialunion erteilten die Vertreter von Union und
Liberalen eine klare Absage: Soziale Angelegenheiten müssten auch
in Zukunft vorwiegend vor Ort entschieden werden. Einigkeit
herrschte dafür in einem Punkt: Geschlossen forderten die Redner
aller Fraktionen dazu auf, am 7. Juni zur Europawahl zu gehen.
Die 90-seitige Antwort der Landesregierung wird
nun im Europaausschuss und mitberatend im Sozialausschuss
vertieft.
Stimmen aus dem Plenum:
Rolf Fischer (SPD): Wir
brauchen ein Europa, in dem die Menschen und nicht die Märkte im
Mittelpunkt stehen. Wir wollen ein sozial gerechtes und
solidarisches Europa mit starken Bürgerrechten und klaren Rechten
für die Arbeitnehmer. Solange dies nicht erfüllt ist, werden die
Menschen die Chancen, die Europa ihnen bietet, nicht erkennen.
Niclas Herbst (CDU):
Europa braucht kein Supersozialstaat. Wir brauchen keine
europäische Sozialunion, vor allem wenn sie gleichgestellt wird
mit der Wirtschafts- und Währungsunion. Wir wollen keine
Harmonisierung der Sozialsysteme, sondern Subsidiarität.
Heiner Garg (FDP):
Arbeitsmarkt und sozialpolitische Eigenarten der verschiedenen
Länder benötigen auch individuelle Lösungen. Soziale Reformen
müssen in alleiniger Verantwortung der Mitgliedsstaaten bleiben.
Die EU muss Spielregeln setzen und überwachen, aber nicht die
einzelnen Staaten bevormunden.
Angelika Birk (Grüne):
Wir fordern einen Sozialpakt für Europa, das heißt Mindestlöhne
in ganz Europa, einen Schutzschirm für Ausbildungsplätze, eine
gründliche Revision der Entsenderichtlinie, um tatsächlich
Maßnahmen gegen Lohndiskriminierung durchsetzen zu können.
Anke Spoorendonk (SSW):
Die Grundlage der europäischen Zusammenarbeit darf sich nicht in
der Freizügigkeit von Dienstleistungen, Verkehr und Kapital
erschöpfen. Stattdessen sollte die EU für eine soziale
Staatengemeinschaft stehen, im dem nicht nur der Markt regiert,
sondern der Sozialstaatsgedanke eine tragende Säule der
europäischen Zusammenarbeit bildet.
Hintergrund:
Die Landesregierung präsentiert ihre 90-seitige
Antwort auf eine 50 Fragen umfassende Große Anfrage der
SPD zum Thema „Soziales Europa". Hintergrund: 2010
ist das „Europäische Jahr zur Bekämpfung von Armut und
sozialer Ausgrenzung".
Einige Aspekte des Papiers aus dem Europaministerium:
- Die EU-Kommission hat
im letzten Sommer ihr „Sozialpaket"
veröffentlicht, in dem sie eine Reihe von
Vorschlägen zur Harmonisierung der Sozialpolitik in
den 27 Mitgliedstaaten macht. Hierzu gehören zum
Beispiel die Einsetzung eines Europäischen
Betriebsrats und eine Richtlinie über Patientenrechte
in der grenzüberschreitenden Gesundheitsversorgung.
Die Landesregierung steht diesem Vorstoß distanziert
gegenüber: „Zentrale Planungsvorgaben" seien
nicht immer hilfreich, „nationale Spielräume werden
daher als unverzichtbar betrachtet". Dennoch
schließt sich die Landesregierung der europäischen
Initiative in einigen Punkten an, etwa bei der
Bekämpfung der besonders hohen Arbeitslosigkeit bei
Geringqualifizierten oder der Kinderarmut.
- Auch dem jüngsten
Vorstoß aus Brüssel zur Ausweitung der
EU-Antidiskriminierungsrichtlinie, etwa auf den
Bereich Bildung, steht die Landesregierung verhalten
gegenüber. Der Plan sei undeutlich formuliert, und es
bestehe „Unklarheit über den Umfang der
Gemeinschaftskompetenz".
- Der
grenzüberschreitende Arbeitsmarkt ist im
deutsch-dänischen Grenzraum im letzten Jahrzehnt
rasant gewachsen. Pendelten im Jahr 2000 noch 1.650
schleswig-holsteinische Arbeitnehmer ins nördliche
Nachbarland, so waren es im vergangenen Jahr 18.150.
Das europäische Job-Netzwerk EURES hat hieran aber
nur einen geringen Anteil. Lediglich 2.742
Arbeitssuchende sind in den vergangenen neun Jahren
über EURES nach Dänemark vermittelt worden.
- Ein großes Problem
auf dem deutsch-dänischen Arbeitsmarkt bleibt die
fehlende gegenseitige Anerkennung von
Berufsabschlüssen. Das Arbeits- und Europaministerium
strebt hier eine ähnliche Lösung an, wie sie 2004
zwischen Deutschland und Frankreich getroffen wurde.
Allerdings handele es sich um ein „sehr
zeitaufwendiges Verfahren", konkrete Ergebnisse
gebe es noch nicht.
- Besser sieht es im
Hochschulbereich aus: Mit der Bologna-Deklaration von
1999 haben die europäischen Staaten das Ziel
ausgegeben, ein System vergleichbarer und leicht
verständlicher Hochschulabschlüsse zu schaffen.
Zudem sieht die Lissabon-Konvention aus dem Jahr 2007
die gegenseitige Anerkennung von Studienleistungen und
-abschlüssen vor. Ein nationaler Aktionsplan der
Kultusministerkonferenz soll die Vorgaben bundesweit
umsetzen.
- In den vergangenen
Jahren ist ein Anstieg illegaler
scheinselbstständiger Beschäftigung in
Schleswig-Holstein zu verzeichnen, insbesondere durch
osteuropäische Handwerker, etwa Fliesenleger und
Gebäudereiniger. Wie sich der hiesige Arbeitsmarkt
entwickelt, wenn die Grenzen auf dem europäischen
Arbeitsmarkt endgültig fallen - so sieht es die
EU-Dienstleistungsrichtlinie vor -, ist nach
Einschätzung der Landesregierung noch nicht
abzusehen. Die Freizügigkeit für Arbeitnehmer ist
aber laut dem Papier der Landesregierung „ein
wichtiger Baustein zur vollständigen Gewährleistung
der Grundfreiheiten in der Europäischen Union".
Und: Sie leiste einen Beitrag zur Bekämpfung des
Facharbeitermangels in Deutschland.
Stichwort:
Große Anfrage
Eine Fraktion oder mindestens 18 Abgeordnete können
eine Große Anfrage an die Landesregierung stellen. An die
Beantwortung soll sich eine Aussprache im Landtag anschließen.
Kann eine Anfrage nicht innerhalb eines Monats beantworten
werden, so muss der Präsident die Große Anfrage auf
Verlangen der Fragestellenden auf die Tagesordnung der nächsten
Plenarsitzung setzen.
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