Kiel (SHL). Mit ihrem Antrag zur Ablehnung von
Mindestlöhnen durch den schleswig-holsteinischen Landtag ist
die FDP am Mittwoch, 10. März 2004, vorerst an den Stimmen von
Rot-Grün und SSW gescheitert. Zugleich zeigte die Debatte zum
Thema jedoch, dass fraktionsübergreifend noch Diskussionsbedarf
besteht: Die Ausschüsse für Wirtschaft und Soziales werden das
Thema noch einmal aufgreifen.
Vor allem die EU-Osterweiterung werde die deutsche Wirtschaft
und damit auch den Arbeitsmarkt weiter unter Druck setzen, so
die Sorge der Opposition. Dort hätten Facharbeiter zum Teil
Löhne unter dem Niveau der deutschen Sozialhilfe. Die
Einführung eines gesetzlichen Mindestlohnes in Deutschland
würde das Lohngefälle noch verschärfen und zum weiteren
Export von Arbeitsplätzen führen.
Skepsis auch bei Regierungskoalition
Auch Rot-Grün und SSW sahen die Idee eines gesetzlich
garantierten Mindestlohn-Niveaus eher skeptisch. Hauptargument
hier: Die Höhe der Löhne sei zunächst einmal Sache der
Tarifpartner, ein staatlich vorgeschriebener Mindestlohn ein
Eingriff in die Tarifautonomie. Vor dem Hintergrund einer
zunehmenden Liberalisierung des Arbeitsmarktes sei die Frage
einer gesetzlichen Regelung aber noch nicht ausdiskutiert.
Teile des linken SPD-Flügels, der Grünen und die
Dienstleistungs-Gewerkschaft verdi hatten sich in den
vergangenen Wochen für die Einführung eines Mindestlohnes
stark gemacht. Sie befürchten, dass die verschärften
Zumutbarkeitsregeln für Langzeitarbeitslose ab kommendem Jahr
zu Dumpinglöhnen führen werden. Arbeitslose sind dann
verpflichtet, jeden zumutbaren Job anzunehmen, auch wenn die
Bezahlung deutlich (bis zu 30 Prozent) unter dem ortsüblichen
Tariflohnniveau liegt.
Stimmen aus den Fraktionen:
Christel
Aschmoneit-Lücke (FDP): Welche Probleme Mindestlöhne
schaffen, zeigt die Sozialhilfe - sie wirkt wie ein Mindestlohn,
weil sie als Lohnersatz dient. Wer den schwächeren wirklich
helfen will, sollte die Lohnbildung stärker dem Markt
überlassen und Differenzen zum Existenzminimum mit staatlichen
Zuschüssen ausgleichen.
Birgit Herdejürgen (SPD): Wir lehnen es ab, in die
Tarif-Autonomie einzugreifen. Der Gesetzgeber ist nach unserer
Auffassung derzeit nicht gefragt. Gleichzeitig stellt sich aber
auch die Frage, ob es ausreicht, das Sozialhilfeniveau als
Mindestlohn zu konstatieren.
Roswitha Strauß (CDU): Es gibt keinen Anspruch auf
Nichts-Tun. Wir haben das viel zu lange geduldet, obwohl wir es
uns nicht leisten können. Genau diese Erkenntnis ist doch die
Grundlage für die so genannten Hartz-Gesetze.
Karl-Martin Hentschel (B’90/Grüne): Wieder ein Antrag
der Partei der Besserverdienenden. Ein normaler Arbeitnehmer
sollte von seinem Netto-Lohn ohne Überstunden eine Familie
ernähren können. Wenn das nicht mehr möglich ist, dann
funktioniert der Arbeitsmarkt nicht.
Silke Hinrichsen (SSW): Der SSW vertritt die Auffassung,
dass Niedriglöhne nicht der Ausweg aus der deutschen Krise
sind, denn sie wirken sich volkswirtschaftlich negativ auf die
Binnennachfrage aus und sind damit kontraproduktiv.
Wirtschaftsminister Bernd Rohwer (SPD): Vorrang vor allen
Lösungen muss zunächst die Tarifautonomie haben. Dann müssten
wir aber auch überprüfen, ob die jetzigen Tarifverträge
diesem Problem adäquat Rechnung tragen.