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Konflikt um
Sparkassen
Rot-Grün:
Privatisierung schadet Mittelstand / Opposition: Mehr Eigenkapital
stärkt Kreditwirtschaft
Kiel
(lno/SHL). Der in Schleswig-Holstein dominierende Mittelstand muss
immer härter um Kredite kämpfen. Das machte am Mittwoch, 10.
November 2004, eine Landtagsdebatte über die Kreditwirtschaft
deutlich. "Rund die Hälfte der kleinen und mittleren
Betriebe kämpft mit Finanzierungsproblemen", sagte
Wirtschaftsminister Bernd Rohwer (SPD). Überlagert wurde die
Debatte vom Konflikt um die öffentlich-rechtlichen Sparkassen:
Die rot-grüne Koalition will sie in ihrer jetzigen Struktur
erhalten, während die CDU/FDP-Opposition –
in unterschiedlicher Intensität –
sie Privaten öffnen will.
Rohwer verwies darauf,
dass Großbanken sich bei der Kreditgewährung restriktiver
verhalten als regional verankerte Sparkassen. Um so wichtiger sei
es, die regionale Präsenz der Institute zu sichern. Trotz der
Zurückhaltung bei der Kreditvergabe an den Mittelstand ist das
Kreditvolumen insgesamt im Norden anders als im Bundesdurchschnitt
nicht rückläufig: Es nahm zwischen 1998 und 2003 von 76,9 auf 97
Milliarden Euro zu. "Wir
werden uns gegen eine Demontage des öffentlich-rechtlichen
Bereichs zur Wehr setzen", betonte SPD-Fraktionschef Lothar
Hay. "Wenn im Bau, Handwerk und Tourismus sowie bei Klein-
und Kleinstunternehmen eine Finanzkrise auszumachen ist, dann sind
hier die Sparkassen gefordert."
Opposition kontert
Laut Handwerkskammern
in Lübeck und Flensburg sowie Einzelhandelsverband sei das
Angebot der Kreditwirtschaft an den Mittelstand – entgegen der
Behauptung von Sparkassen und Bundesbank – rückläufig,
konstatierte Brita Schmitz-Hübsch (CDU). Der
FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki verteidigte die Absicht, den
Sparkassen über die Beteiligung Privater zu mehr Eigenkapital zu
verhelfen. "Mehr Eigenkapital bedeutet größeres
Kreditpotential, um lohnende Investitionen zu finanzieren. Genau
das brauchen wir in Schleswig-Holstein."
Grüne und SSW lehnten
eine Privatisierung rigoros ab. Sie würden dann ihren Charakter
als Hauptkreditgeber der regionalen Wirtschaft verlieren, sagte
Grünen-Fraktionsvorsitzender Karl-Martin Hentschel. Das sei der
Generalangriff auf die mittelständische Wirtschaft in
Schleswig-Holstein. "Gerade
die Sparkassen haben sich ihrer regionalen Verankerung gestellt
und die regionale Wirtschaftsstruktur entschieden unterstützt –
durch günstige Kredite", schloss sich Anke Spoorendonk (SSW)
der Position der Regierungsfraktionen an.
Die Antwort der Großen Anfrage
wurde an den Wirtschaftsausschuss zur weiteren Beratung
überwiesen.
Hintergrund:
Der
Landtag beschäftigt sich mit der Antwort der
Landesregierung auf eine Große Anfrage der SPD zum Thema
Kreditwirtschaft. In ihrer Darstellung verweist das
zuständige Wirtschaftsministerium unter anderem auf
folgende Tatbestände:
- Die Kreditwirtschaft
im Lande gliedert sich in drei Teile – den
öffentlich-rechtlichen Sektor, also die Sparkassen
und die HSH Nordbank, den genossenschaftlichen Sektor,
zu dem die Volks- und Raiffeisenbanken gehören sowie
den privaten Sektor mit Instituten wie der Deutschen
Bank, der Dresdner Bank oder der Commerzbank. Der
Anteil der Kreditinstitute am schleswig-holsteinischen
Brutto-Inlandsprodukt liegt bei etwa zwei Prozent.
- Die Anzahl der
Institute mit Sitz in Schleswig-Holstein hat sich seit
1998 von insgesamt 114 auf 79 (Stand 2003) verringert.
Hiervon waren alle Sektoren betroffen. Die Zahl der
Filialen ist seit 1999 landesweit von 1.828 auf 1.508
zurückgegangen.
- Die Zahl der
Beschäftigten ist seit 1999 leicht von 21.799 auf
21.477 gesunken. Besonders viele Stellen wurden bei
den Sparkassen abgebaut. Entsprechend hat sich auch
die Zahl der Ausbildungsplätze reduziert.
- Ein Grund für die
sinkenden Zahlen bei den Filialen und Beschäftigten
ist die moderne Technik. So verzeichnen beispielsweise
die Volks- und Raiffeisenbanken seit 1997
deutschlandweit einen Anstieg der Online-Konten von
etwa einer halben Million auf über sechs Millionen.
- Weitere Faktoren, die
zu dem tief greifenden Veränderungsprozess in der
Kreditbranche beigetragen haben, sind der Wegfall der
öffentlichen Gewährträgerhaftung für Sparkassen ab
Juli 2005, die Konkurrenz von Nicht-Banken wie
Kreditkartenunternehmen und Versicherungen oder das
gestiegene Preis- und Qualitätsbewusstsein der
Kunden.
- Die Steuerzahlungen
der in Schleswig-Holstein ansässigen Kreditinstitute
(auf Einkommen, Ertrag und Vermögen) hat sich in den
Jahren 1998 bis 2002 von 269,9 auf 98,8 Millionen Euro
verringert.
- Demgegenüber ist die
Kreditvergabe seit 1998 von insgesamt 76,9 auf 97
Milliarden Euro gestiegen. Auch die Summe der Einlagen
hat sich erhöht von 47,2 auf 57,5 Milliarden Euro.
Dennoch stellt die
Landesregierung fest, dass die mittelständische
Wirtschaft, insbesondere Kleinunternehmen und Firmen mit
schwacher Bonität, erhebliche Probleme bei der
Kredit-Beschaffung haben. Die Regierung spricht in diesem
Zusammenhang von einer „Finanzierungskrise".
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