Regierung will 22 Millionen zur
Verfügung stellen / Opposition mahnt Versäumnisse an / Parlament
einigt sich auf gemeinsame Position
Kiel (SHL). Dis Bundeswehr zieht ab – und der
Landtag blickt im Zorn zurück, aber auch mit Hoffnung in die
Zukunft. Die Ministerpräsidentin habe sich "in die Büsche
geschlagen", höhnte Oppositionsführer Martin Kayenburg
(CDU), als ihr Parteigenosse, der Verteidigungsminister Struck, im
Norden den militärischen Kahlschlag in Angriff genommen habe. Wir
stellen Hilfen bereit, hielt Ministerpräsidentin Heide Simonis
(SPD) dagegen, und versprach die Aufstockung des
Landes-Konversionsprogramms mit Finanzspritzen für die
betroffenen Kommunen um sieben auf 22 Millionen Euro. Einigkeit
herrschte am Donnerstag, 11.
November 2004, darüber, dass auch der Bund seiner Verantwortung für
die in Mitleidenschaft gezogenen Standorte gerecht werden müsse.
Schlussendlich verständigten sich die Landtagsparteien auf einen
gemeinsamen Appell: Die Bundestagsabgeordneten sollen im Haushaltsausschuss dafür sorgen, dass frei werdende
Grundstücke der Bundeswehr "zu verbilligten Konditionen bis hin zu
dem symbolischen Wert von einem Euro" abgegeben werden. Ebenfalls
einstimmig wurde die Bundesregierung aufgefordert, die betroffenen
Kommunen mit zusätzlichen Mitteln zu unterstützen.
Die Hardthöhe hat Anfang des Monats eine
umfangreiche Neustrukturierung der Bundeswehr beschlossen, von der
Schleswig-Holstein stark betroffen ist: 13 Standorte werden
geschlossen, darunter Kappeln-Olpenitz (Kreis Schleswig-Flensburg,
1.950 Dienstposten) und Rendsburg (1.870). Reduziert werden 18
Standorte, darunter Eckernförde (von 3.310 auf 2.910) und Husum
(von 2.710 auf 2.220). Acht Orte erfahren eine Aufwertung; hierzu
zählen Kiel (von 4.370 auf etwa 6.000) und Boostedt (Kreis
Segeberg, von 1.580 auf 2.000). Diese Reformen sollen bis 2010
abgeschlossen sein. Insgesamt sinkt die Zahl der Standorte im Land
von 53 auf 40, anstatt 34.300 werden dann nur noch 25.700
Dienstposten im Norden vertreten sein.
Simonis: "Ein harter Schlag"
"Ein harter Schlag", bekannte
Ministerpräsidentin Simonis und versprach: "Wir werden den
Kopf nicht in den Sand stecken." Schleswig-Holstein bleibe
eines der wichtigsten Stationierungsländer mit der bundesweit
höchsten Stationierungsdichte von 9,1 Dienstposten pro 1.000
Einwohner. Und auch der Küsten- und der Katastrophenschutz
blieben gewährleistet. Es gebe im Lande bereits viele Beispiele
für die erfolgreiche Konversion, also die Nachnutzung ehemaliger
Truppen-Flächen, etwa in Schleswig oder Itzehoe, so Simonis. Sie
kündigte ausführliche Gespräche mit den Kommunen an und
betonte, es müsse schnell gehandelt werden.
Grünen-Fraktionschef Karl-Martin Hentschel,
stimmte mit dem Verteidigungsminister darin überein, dass die
Bundeswehr nicht nach strukturpolitischen Erwägungen handeln
dürfe – "das ist nicht ihre Aufgabe". Die Konversion
stelle im Großraum Hamburg, wo zum Beispiel Gewerbegebiete
erfolgreich ausgewiesen werden könnten, ein geringeres Problem
dar als im Norden des Landes. Hier forderte er, Projekte im
Bereich Tourismus und Wellness durch die Tourismusoffensive des
Landes zu unterstützen.
Für die SPD-Fraktion rechnete ihr Chef Lothar Hay
der Opposition vor, welche Abzüge Schleswig-Holstein unter
CDU-Verteidigungsministern zu verkraften hatte: Unter Gerhard
Stoltenberg und Volker Rühe seien in den 90er Jahren insgesamt
knapp 18.000 Posten abgezogen.
Kubicki: "Schlecht gemacht, Frau
Ministerpräsidentin"
Dennoch waren andere Länder bei der Verteidigung
ihrer Standorte erfolgreicher, verwies Oppositionsführer
Kayenburg auf das Beispiel des unionsgeführten Sachsen. Zudem
enthalte das Konversionsprogramm des Landes kaum zusätzliche
Mittel: "Sie ziehen das Geld nur aus anderen Projekten
ab". Das Programm sei "unsolide finanziert" und
angesichts der bevorstehenden Aufgabe schlicht "Peanuts"
und "nachträglicher Aktionismus".
"Schlecht gemacht, Frau
Ministerpräsidentin", pflichtete Wolfgang Kubicki (FDP) bei.
Simonis habe sich seit Jahren nicht um die Bundeswehr gekümmert.
Mit Blick auf die von Finanzminister Eichel angekündigten
weiteren Kürzungen im Verteidigungshaushalt für 2005 und eine
eventuell bevorstehende Aussetzung der Wehrpflicht verlangte der
Liberalen-Fraktionschef Klarheit aus Berlin: "Welche
Standorte werden als nächstes geschlossen?"
"Auch Berlin ist gefordert"
Anke Spoorendonk, Vorsitzender der
SSW-Landesgruppe im Landtag, rückte den Landesteil Schleswig in
den Mittelpunkt, der äußerst hart betroffen sei. 4.000 Posten
gingen verloren; dies sei besonders in Rendsburg und in Kappeln
ein schwerer Schlag. Spoorendonk verlangte eine besondere
Berücksichtigung der dänischen und friesischen Mitarbeiter in
den betroffenen Standorten: "Sie müssen dort leben können,
wo sie ihre Kultur und ihre Sprach ‚ausleben’ können."
Geschlossen richteten alle Redner zum Ende der mit
zahlreichen Kurzbeiträgen durchzogenen Debatte den Appell an die
Bundesebene: Der Bund müsse die Liegenschaften rasch "und
eventuell für einen symbolischen Kaufpreis von einem Euro"
abgeben", fasste Ministerpräsidentin Simonis die Stimmung
zusammen. Die Opposition und der SSW regten zudem ein eigenes
Konversionsprogramm des Bundes an: "Hauen Sie in Berlin auf
den Tisch", appellierte Kayenburg an Simonis, bevor sich die
Fraktionsvorsitzenden auf eine gemeinsame
Resolution eigen konnten.