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Disput um Reform
der Oberstufe
Wege zum
schnelleren Abitur sind im Landtag strittig
Kiel (SHL/10.11.)
Eine grundlegende Reform der Oberstufe an den Gymnasien
Schleswig-Holsteins ist weiterhin umstritten. Einigkeit herrschte im
Plenum nur darin, die Gymnasial-Zeit zu verkürzen. Während CDU und SPD
dabei anstreben, das Gymnasium auf zwölf Jahre zu verkürzen,
hatten die Grünen per Antrag dafür plädiert, dass die Oberstufen-Schüler
entsprechend ihrer
Leistungsfähigkeit das Abitur ablegen können – im schnellsten
Fall also mit einem "Turbo-Abi" nach elfjähriger
Schulzeit. Gleichzeitig lehnte die Oppositionspartei die von
Schwarz-Rot geplante
Abschaffung des Kurssystems ab und sprach sich stattdessen für die Zusammenfassung der
Kursangebote mehrerer Schulen aus. Und: Anstatt zentraler
Abschlussprüfungen solle eine
regelmäßige Evaluation der Schulen erfolgen. Diesen
Grundthesen folgte in der Debatte jedoch nur der SSW.
Die übrigen Fraktionen
bevorzugten das jüngst vom Philologenverband vorgelegte
Oberstufen-Modell. Dieses sieht vor, dass jede Schule
mindestens zwei "Profile" entwickelt, etwa ein sprachliches,
ein naturwissenschaftliches, ein gesellschaftswissenschaftliches
oder ein musisch-künstlerisches. In den jeweiligen Fächern soll
dann mehr unterrichtet werden als in Schulen mit anderem Profil. In
Deutsch, Englisch und Mathematik soll es überall je vier
Wochenstunden geben, mit durchschnittlich rund 20 Schülern je
Lerngruppe. Als Abschluss ist ein Zentralabitur vorgesehen. Die Grünen planen dagegen, dass an den Gymnasien das
Abitur in einer flexiblen Oberstufe mit zwei Alternativen möglich
sein soll: Entweder in Zentren, zu denen die Oberstufen an einem Ort
zusammengelegt werden, oder in Verbünde, zu denen sich benachbarte
Gymnasien und Gesamtschulen formieren. Statt Zentralabitur fordern
die Grünen regelmäßige und zu veröffentlichende
Vergleichsarbeiten, damit die Schüler nicht nur für eine Prüfung
lernen, und eine Qualitätsdebatte in Gang kommen kann.
Grüne betonen
Chancengleichheit
Karl-Martin Hentschel
(Grüne) hob bei der Begründung des Antrags die Bedeutung der
Chancengleichheit hervor. "Es muss jedem Schüler möglich
sein, Abitur zu machen" – also, ob mit Turbo-Abi oder ohne.
"So können wir erreichen, dass wir die Schulzeit verkürzen und trotzdem mehr
Jugendliche als heute Abitur machen", betonte Hentschel.
Zugleich sprach er sich für einen kreativen Wettbewerb unter den
Schulen aus, der durch Evaluation und regelmäßige Untersuchungen
gesichert werde, denn: " Die Kinder sollen im Mittelpunkt
stehen, nicht modische Ideologien". Ähnlich äußerte sich
auch die Vorsitzende des SSW im Landtag, Anke Spoorendonk. Sie warf
der Landesregierung vor, dass "die anstehenden Änderungen
weniger mit der Schule als mit den Finanzen zu tun haben". Das
Philologenmodell sei eine "Quadratur des Kreises" und das
angestrebte Zentralabitur steuere "den Unterricht und nicht umgekehrt". Alles in allem würden die Gymnasien einem "demokratischem
Schulsystem mit gleichen Chancen nicht gerecht werden".
Susanne Herold (CDU)
bezeichnete dagegen den Antrag der Grünen als "voreilig",
denn die geforderten Oberstufenzentren beziehungsweise -verbünde
seien ein "zu hoher logistischer und organisatorischer
Aufwand". Dieser Meinung schloss sich Henning Höppner (SPD)
an, der zudem den "bundesweiten Trend, das Abitur nach zwölf
Jahren zu machen", hervorhob. Ekkehard Klug (FDP) kritisierte
am Modell der Grünen, dass ein Beibehalten des Kurssystems "zu
personalaufwändig" sei. Ziel müsse es vielmehr sein, "eine
Oberstufe mit vielen unterschiedlichen Profilen zu schaffen und
gleichzeitig die Allgemeinbildung zu stärken".
Bildungsministerin Ute
Erdsiek-Rave (SPD) mahnte an, auf "die Kritik von Hochschulen
und Wirtschaft an der Studierfähigkeit der Abiturienten" und
auf „pädagogische und demographische Tendenzen" zu
reagieren. Sie hob jedoch auch hervor, dass Schleswig-Holstein in
der neuen PISA-Studie in allen Schularten im oberen Drittel liege.
Hintergrund:
Die Grünen legen dem Landtag ein
Modell zur Reform der gymnasialen Oberstufe und zur
Verkürzung der Schulzeit vor. Es beinhaltet folgende
Schwerpunkte:
- Kinder sollen bereits
im Kindergarten und in der Grundschule intensiv
individuell gefördert werden, damit sie bereits nach
neun Jahren den Realschulabschluss beziehungsweise den
Übergang in die gymnasiale Oberstufe erreichen.
- In der Oberstufe
sollen die Schüler entsprechend ihrer
Leistungsfähigkeit innerhalb von vier bis acht
Semestern das Abitur ablegen können. Im schnellsten
Fall wäre also ein "Turbo-Abi" nach elf
Jahren möglich.
- Die Grünen lehnen
die von der Landesregierung für 2008 geplante
Abschaffung des Kurssystems in der Oberstufe ab und
sprechen sich stattdessen für die Zusammenfassung der
Kursangebote mehrerer Schulen aus. Dadurch soll trotz
sinkender Schülerzahlen ein breites Lehr-Angebot
sichergestellt werden.
- Anstatt zentraler
Abschlussprüfungen plädieren die Grünen für eine
regelmäßige Evaluation der Schulen.
Der
Vorschlagskatalog der Grünen ist Teil eines intensiven
Diskurses zu diesem Thema. So schlägt der
Philologenverband so genannte
"Profil-Oberstufen" vor, in denen weitgehend im
Klassenverband unterrichtet werden soll. Neben
Pflichtstunden in Deutsch, Mathematik und Englisch sollen
sich die Schüler auf ein sprachliches, ein
naturwissenschaftliches, ein
gesellschaftswissenschaftliches oder ein künstlerisches
Profil spezialisieren können. Die Landesregierung hat
eigene Vorschläge angekündigt. Sie will unter anderem
die Gymnasialzeit grundsätzlich von 13 auf zwölf Jahre
verkürzen.
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