Ernährungsforschung
in Kiel vor dem Aus – Landtag empört über "bajuwarische
Willkür"
Kiel (SHL/01.12.)
Fraktionsübergreifend hat der Landtag das
Bundeslandwirtschaftsministerium aufgefordert, die Institute für
Ernährungs- und Lebensmittelforschung in Kiel zu erhalten und
weiter auszubauen. Die von Berlin geplante Verlagerung der
Einrichtungen sei ein schwerer Schlag für den Forschungsstandort
Schleswig-Holstein und fachlich nicht zu begründen, betonten
Redner aller Fraktionen in einer von der FDP beantragten Debatte.
Auch Landwirtschaftsminister Christian von
Boetticher (CDU) sah "kein wirkliches Konzept" in den
Bundesplänen, sondern einen Kahlschlag, der "noch schlimmer
ausfällt als befürchtet". Die Landesregierung habe bereits
in Berlin interveniert und werde dies auch weiter tun.
Hintergrund: Im Rahmen einer Straffung der
Ressortforschung soll die Zahl der Forschungsstandorte bundesweit
von 71 auf 47 heruntergefahren werden. In der Landeshauptstadt
stehen die Institute für Physiologie und Biochemie der
Ernährung, für Ökonomie der Ernährungswirtschaft , für
Hygiene und Produktsicherheit sowie für Chemie und Technologie
der Milch auf der Kippe. Sie sollen nach Karlsruhe und
Braunschweig abwandern beziehungsweise mit Hamburg fusionieren.
Zum gleichen Themenkreis gehört auch die Debatte um das Öko-Gut
Trenthorst in dieser Sitzung.
Der FDP-Abgeordnete Günther Hildebrand verwies
auf die Einschätzung des Wissenschaftsrates, der Kiel ein
hervorragendes Zeugnis ausgestellt hat. Insbesondere die "Vernetzung"
mit der Uni-Klinik und mit anderen Fakultäten sei ein
Standortvorteil, den beispielsweise Karlsruhe nicht zu bieten
habe. Statt der Schließung forderte Hildebrand den Ausbau Kiels
zu einem "Wissenschaftscluster Ernährung". "Die
Schließungen passen nicht in die politische Landschaft",
beklagte auch Claus Ehlers (CDU). Er verwies auf die 55 Arbeits-
sowie bis zu 35 Ausbildungsplätze, die bedroht seien.
Henning Höppner (SPD) sah "langfristig auch
den Rest dieser traditionellen Einrichtung in Kiel
gefährdet", die seit 130 Jahren besteht und internationale
Anerkennung genieße. "Wenn Weinforschung in die Pfalz
gehört, dann gehört Milchforschung nach
Schleswig-Holstein", so Höppner. "Bajuwarische
Willkür" machte Detlef Matthiessen (Grüne) bei
Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) aus. Die
Verlagerung sei auch unter strukturpolitischen Gesichtspunkten
"absurd". Lars Harms (SSW) forderte die Landesregierung
auf, "jetzt zusammen mit der Universität Kiel ein Konzept
beim Bund vorzustellen, aus dem deutlich hervorgeht, wie sich die
Agrar- und Ernährungswissenschaftliche Fakultät in Zukunft
darstellt".
Der Umwelt- und Agrarausschuss berät weiter.