Hintergrund:
Anlässlich
des zehnten Jahrestages der "Pallas"-Havarie
fordert der SSW einen Regierungsbericht über die
Umsetzung der Lehren aus dem Unglück. Insbesondere geht
es um die noch nicht erreichte Einrichtung einer
einheitlichen deutschen Küstenwache. Der unter
Bahamas-Flagge fahrende italienische Holzfrachter "Pallas"
war im Herbst 1998 im Sturm vor der dänischen Küste in
Brand geraten und dann vor die schleswig-holsteinischen
Nordseeinsel Amrum gestrandet. Ein Seemann starb. Aus dem
Schiff trat Öl aus, 16.000 Vögel verendeten.
Verzögerungen und unkoordiniertes Vorgehen der Behörden
wurde damals vielfach kritisiert.
Als
Reaktion auf die "Pallas"-Strandung ist Anfang
2003 ein gemeinsames Havariekommando von Bund und Ländern
mit Sitz in Cuxhaven eingerichtet worden. Es soll
Bergungs-, Schutz- und Rettungsmaßnahmen im gesamten
deutschen Küstenbereich koordinieren. Daneben gibt es
weitere Stellen, die bei einem Katastrophenfall auf See
eingebunden sind: Vor Ort sind die Wasser- und
Schifffahrtsdirektionen sowie die Wasserschutzpolizei der
Länder zuständig. Die Bundesstelle für
Seeunfalluntersuchung soll Unfallursachen klären und
Verbesserungen der Sicherheit fördern. Auch
Bundesgrenzschutz, Bundesmarine, Zoll und
Fischereiaufsicht können im Notfall mit ihren Schiffen
und Hubschraubern in die Rettungsaktionen eingebunden
werden.
Niedersachsen
will für Wasserschutzpolizei
zuständig bleiben
Diese
Strukturen werden vielfach noch als uneffektiv kritisiert.
Die schleswig-holsteinische Landespolitik wie auch
Umweltverbände haben sich wiederholt für die Einrichtung
einer einheitlichen nationalen Küstenwache eingesetzt.
Zuletzt hatte Innenminister Lothar Hay (SPD) zwar betont,
es gebe mit dem Havariekommando und dem ebenfalls in
Cuxhaven ansässigen Maritimen Sicherheitszentrum, das die
Küsten vor Terrorangriffen schützen soll, zwei
Einrichtungen, die abgestimmt und effizient reagieren
könnten. Das Sicherheitszentrum müsse aber von einer „Informationsbörse"
zu einem Einsatzzentrum für Sofortentscheidungen
ausgebaut werden. Dies ist zuletzt am Veto Niedersachsens
gescheitert, das die Zuständigkeit für seine
Wasserschutzpolizei behalten will.
Laut der
Umweltschutzorganisation WWF befahren jährlich rund
150.000 Schiffe die Deutsche Bucht und 370.000 Schiffe die
Ostsee. Rund 8.000 Tanker mit bis zu 150.000 Tonnen Öl an
Bord passierten jährlich die deutsche Küste. Künftig
bestehe zudem die Gefahr, dass ein Tanker oder Frachter
mit einer Offshore-Windkraftanlage kollidiert. Der WWF
forderte vorbeugende Schutzmaßnahmen und kritisierte,
dass weiterhin ein leistungsfähiger Notschlepper vor der
nordfriesischen Küste fehle.
Vorherige
Debatten zum Thema:
plenum-online, Januar
2004 , plenum-online Januar
2005
Chronologie der "Pallas"-Havarie:
25.
Oktober 1998: Vor der dänischen Nordseeküste bricht auf
der „Pallas" bei Sturm Feuer aus. Die Crew muss das
Schiff verlassen. Der Schiffskoch stirbt an einem
Herzinfarkt, fünf Seeleute werden verletzt.
29.
Oktober: Der Frachter strandet vor der Insel Amrum, Öl
tritt aus.
6.
November: Eine Bergung ist nicht mehr möglich, das Schiff
wird zum Wrack erklärt.
8.
November: Ölverschmutzungen auf Amrum und Föhr. Erste
verölte Vögel werden gefunden.
22.
November: Vier Wochen nach Ausbruch des Brandes meldet der
Einsatzleiter auf dem Wrack: „Feuer aus".
10.
Dezember: Das Bundesverkehrsministerium kündigt an, die
Havarie von unabhängigen Experten untersuchen zu lassen.
21.
Dezember: Der Landtag in Kiel setzt einen
Untersuchungsausschuss ein. Umweltminister Rainder
Steenblock (Grüne) steht wegen seines Krisenmanagements
unter Druck.
8. Juni
1999: Die Demontage des Wracks beginnt. Aufbauten, Kräne
und Deckshaus werden beseitigt, Luken mit Sand und Tanks
mit einemSpezialstoff gefüllt.
16. August:
Das Seeamt kommt zu dem Schluss, dass die dänischen und
deutschen Behörden die Gefahrenlage falsch eingeschätzt
hatten.
26. Januar
2000: Der Kieler Landtag schließt nach Beratung des
Abschlussberichtes die Akten (Abschlussbericht: Drs.
14/2650). Eine seine Kernforderungen ist die Bildung einer
einheitlichen Küstenwache.
16.
Februar: Eine unabhängige Untersuchungskommission legt in
Berlin ihren Abschlussbericht vor.
1. Januar
2003: Ein Havariekommando von Bund und Küstenländern
für Schiffsunfälle in Nord- und Ostsee nimmt offiziell
seinen Dienst in Cuxhaven auf. Damit gibt es vier Jahre
nach dem „Pallas"-Unglück ein einheitliches
Kommando zur Bekämpfung von Schiffskatastrophen. Die
Wasserschutzpolizeien unterstehen aber weiter den
Ländern.
12.
April 2008: Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter
Harry Carstensen bekräftigt die Forderung nach
einheitlicher Küstenwache. In Anwesenheit von
Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (beide CDU)
begründet er dies mit Veränderungen im Seeverkehr,
Klimawandel und Terrorgefahr. Die Zersplitterung der
Zuständigkeiten auf viele Institutionen könne durch alle
Koordination nicht aufgewogen werden. Ein Erfolg für
Carstensen zeichnet sich nicht ab; Niedersachsen hält an
seiner ablehnenden Haltung fest.
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