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"Schlag ins
Kontor der Region"
Stellenabbau bei Motorola
löst neue Debatte über Wirtschaftsförderung aus
Kiel (SHL/lno). Zum Jahresende will der Handy-Hersteller
Motorola 600 Stellen in seinem Flensburger Werk abbauen, weitere
Arbeitsplätze sind bei Zuliefererfirmen gefährdet. Ein schwerer
Schlag für die strukturschwache Region mit einer
Arbeitslosenquote von rund 14 Prozent. Vor dem Hintergrund des
Stellenabbaus in der sogenannten New Economy in den vergangenen
Jahren, hat die Opposition im Landtag in einer Aktuellen Stunde am
Mittwoch, 24. September 2003, die Förderpolitik des Landes scharf
kritisiert. Die rot-grüne Landesregierung habe in ihrer
Begeisterung für die High Tech-Branche traditionelle
Wirtschaftszweige wie Handwerk und Schiffbau vernachlässigt, so
der Vorwurf. Land und Bund hatten den Neubau der Handy-Fabrik seit
1998 mit rund 33 Millionen Euro direkten und indirekten
Subventionen gefördert.
Ministerpräsidentin Heide Simonis
(SPD) wies in der Debatte, die auch
Mitarbeiter von Motorola verfolgten, die
Kritiken zurück. Im Einklang mit der SPD-Abgeordnete Ingrid
Franzen (SPD) betonte sie, dass es grundsätzlich richtig gewesen
sei, Motorola nach Flensburg zu holen. Jetzt komme es darauf an,
das Kompetenzzentrum für die neue Mobilfunktechnologie UMTS dort
zu halten.
Koalition lehnt Umkehr in der
Förder-Politik ab
SPD und Grüne lehnten eine
Umkehr in der Förder-Politik zu Gunsten
traditioneller "Low-Tech"-Bereiche ab. Es werde noch
immer viel zu viel in die Erhaltung traditioneller Zweige
investiert, sagte Karl-Martin Hentschel (Grüne): 95 Prozent aller
Fördermittel gingen an Branchen wie Straßen- und Schiffbau oder
Tourismus. Gerade angesichts der Globalisierung müsse
Schleswig-Holstein in Zukunftstechnologien Spitze sein. Nicht die
Massenproduktion, sondern innovative Produkte schafften
Arbeitsplätze, was auch der Verbleib von Design,
UMTS-Handy-Produktion und Vertrieb in Flensburg beweise.
SPD-Fraktionschef Lothar Hay bezeichnete den Stellen-Abbau als
"Schlag ins Kontor der Region". Seine Fraktion erwarte
von der Landesregierung, die von Motorola zurückzuzahlenden
Fördergelder in die Qualifizierung der von Entlassungen
betroffenen Menschen zu geben.
Diese Mittel würden nicht im
Haushalt verschwinden, sondern in die Stärkung des Standorts und
die Qualifizierung fließen, versprach Wirtschaftsminister Bernd
Rohwer (SPD). Die Strategie, große und kleine Unternehmen zu
unterstützen, bleibe richtig. Zugleich warf Rohwer der Opposition
"opportunistische Schwarzmalerei" vor.
SSW: Einige Cent entscheiden über Schicksale
Die CDU-Wirtschaftspolitikerin Brita Schmitz-Hübsch
kritisierte, dass die amerikanische Konzernleitung wichtige
Entwicklungen verschlafen habe. Motorola habe es versäumt,
innovative Mobiltelefone auf den Markt zu bringen, so
Schmitz-Hübsch. Auch Silke Hinrichsen vom SSW griff die
Konzernleitung an: "Es ist nicht hinnehmbar, dass einige Cent
Produktionskosten über das Schicksal so vieler Menschen
entscheiden." Durch die Entlassungen steige die
Arbeitslosigkeit in Flensburg um zehn Prozent, betonte Hinrichsen.
Das Problem sei nicht die Unternehmenspolitik, das Problem
seien die zu hohen Arbeitskosten in Deutschland, meinte
CDU-Fraktionschef Martin Kayenburg. Zu seinen Forderungen, den
Mittelstand starker zu fördern, meinte der Oppositionsführer:
"High Tech ohne Low Tech, das gilt auch umgekehrt, geht
nicht. Wir brauchen auch die traditionellen Zweige und wir
brauchen den Mittelstand." Dort geschaffene Arbeitsplätze
seien dauerhafter, als die in großen Konzerne. Von Motorola
zurück fließende Fördermittel sollten in die Schaffung neuer
Arbeitsplätze, nicht in Beschäftigungsgesellschaften investiert
werden, forderte Kayenburg.
FDP warnt: Motorola wird kein Einzelfall bleiben
Sein FDP-Amtskollege Wolfgang Kubicki beklagte, dass die
wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Schleswig-Holsteins seit 15
Jahren zurückgegangen sei. Motorola werde kein Einzelfall
bleiben, weil das Reformtempo der Regierung zu gering sei. Angesichts
des massiven Stellenabbaus nicht nur bei Motorola sondern auch bei
anderen Betrieben, wie HDW, Heidelberger und Caterpillar müsse
die Frage gestellt werden, so Heiner Garg (FDP): "Tut diese
Landesregierung wirklich genug, um die Rahmenbedingungen für die
Wirtschaft optimal zu gestalten?"
Uwe Eichelberg (CDU) kritisierte die
einseitige Förderung der Informations- und
Telekommunikationsbranche durch die Landesregierung. Auch dürfe
eine Region nicht "überabhängig" von einem Konzern
gemacht werden. "Wir müssen das gesamte Konzept in Frage
stellen." So tragisch der Verlust der Arbeitsplätze bei
Motorola sei: Allein in der Baubranche seien in den letzen Jahren
25.000 Arbeitsplätze verloren gegangen: "Da kräht kein Hahn
nach".
Hintergrund:
Im Flensburger Werk des Handy-Herstellers Motorola droht
ein massiver Stellenabbau, nachdem das Unternehmen
angekündigt hat, die Produktion dort fast vollständig
aufzugeben und den größten Teil der Fertigung Anfang
2004 nach China zu verlegen. Von den zur Zeit rund 1.800
Arbeitsplätzen sollen 600 gestrichen werden. Als Grund
wurde die rückläufige Nachfrage bei Mobiltelefonen
angegeben. Verbleiben soll an der Förde noch die
Produktion für UMTS-Handys und das Versandzentrum für
Europa. Ursprünglich war geplant, in der 1998 eröffneten
Fabrik rund 3.000 Mitarbeiter zu beschäftigen.
Wie Ende vergangener Woche
bekannt wurde, drohen dem Handy-Hersteller wegen des
geplanten Stellenabbaus Rückzahlungsforderungen in
Millionenhöhe. Vom Land und vom Bund seien seit 1994
jeweils etwa zehn Millionen Euro Fördermittel an Motorola
geflossen, hieß es aus dem schleswig-holsteinischen
Wirtschaftsministerium. Begründung: Wenn vereinbarte
Arbeitsplatzvorgaben nicht erreicht werden könnten, sei
das jeweilige Unternehmen nach Ministeriumsangaben zu
anteiligen Rückzahlungen verpflichtet. Auf das Land
könnten damit grob geschätzt rund 3,5 Millionen Euro
entfallen. Das Ministerium will prüfen, in wie weit
dieses Geld für die Förderung des Arbeitsmarktes, der
Technologie oder der Infrastruktur in der Region
eingesetzt werden kann.
Stichwort:
Über eine bestimmte Frage von
allgemeinem Interesse kann eine Aktuelle Stunde von einer
Fraktion oder von mindestens fünf Abgeordneten beantragt
werden. Die Redebeiträge einzelner Abgeordneter dürfen
nicht länger als fünf Minuten dauern und
zusammengenommen sechzig Minuten nicht überschreiten. Die
von Mitgliedern der Landesregierung in Anspruch genommene
Redezeit bleibt dabei unberücksichtigt, sollte aber dreißig
Minuten nicht überschreiten.
Eine Aktuelle Stunde findet auch statt, wenn während
einer Fragestunde ein Fragesteller die Beantwortung durch
die Landesregierung für unzureichend hält. Die
Aussprache muss unmittelbar nach Schluss der Fragestunde
verlangt und durchgeführt werden.
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Informationen: Geschäftsordnung
des Landtages S-H
(www.landesregierung-sh.de/landesrecht/1101-7fr.htm)
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