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Drei Jahre nach
PISA: OECD-Bericht entfacht neue Bildungsdebatte
Landtag streitet um
gegliedertes Schulsystem
Kiel (lno/SHL). Die bildungspolitische Debatte wird in Schleswig-Holstein weiter von der Diskussion über das Schulsystem überlagert.
Während SPD, Grüne und SSW am Mittwoch im Landtag eine Überwindung
des gegliederten Schulsystems forderten, hielten CDU und FDP daran
fest. Die Opposition warf der rot-grünen Landesregierung schlechte
Schulpolitik und fehlende Reformen vor. In der Vom SSW beantragten
Aussprache im
Rahmen einer Aktuellen Stunde machte sich die Vorsitzende der
SSW-Landtagsgruppe Anke Spoorendonk (Foto)
erneut für die Einheitsschule nach skandinavischem Vorbild stark.
Wie groß der Rückstand des deutschen Bildungssystems im
internationalen Vergleich sei, lasse sich nicht wegdiskutieren -
"es ist Anachronismus."
Vehement wies Kultusministerin Ute Erdsiek-Rave
(SPD/Foto) die
Attacken der Opposition zurück: Das Land habe die Bildungsausgaben
erhöht, den Unterrichtsausfall halbiert, einen "Schul-TÜV" eingeführt
sowie weitere Reformen auf den Weg gebracht. Messbare Erfolge bräuchten
allerdings Zeit. Das bisherige System sei sozial ungerecht, es müsse
einen Neuanfang geben, beschied die Ministerin: "Wir müssen
uns von einer Didaktik verabschieden, die immer vom Lehrer aus
denkt. Wir müssen vom Schüler aus denken."
Anlass für die Aktuelle Stunde war ein
Bildungsbericht der OECD (Organisation for Economic Co-operation
and Development). Darin schneidet Deutschland zum Teil weit schlechter ab als andere Industriestaaten. So sind die Investitionen
und der Anteil von Hochschulabsolventen vergleichsweise niedrig.
(siehe Hintergrund unten auf dieser
Seite)
Gegliedertes
Schulwesen kann mehr, als es darf
Der
CDU-Bildungsexperte Jost de Jager (Foto
rechts) hatte zuvor betont,
dass das gegliederte Schulwesen mehr kann, als es in
Schleswig-Holstein darf: "Wir stellen uns schützend vor
unsere Schulen, deshalb bekennen wir uns zum gegliederten
Schulsystem." Weder PISA noch der OECD-Bericht liefern
empirische Belege
für die Überlegenheit des ungegliederten Schulsystems, fügte
Ekkehard Klug (FDP/Foto
links) hinzu. So zeige das Beispiel
Österreich, dass man mit einem gegliederten Schulsystem genau so
gute Ergebnisse wie in Norwegen und bessere als in Dänemark
erreichen kann.
Rot-Grün betont
soziale Strukturen
"Das
dreigliedrige Schulsystem führt zu einer sozialen Auslese, das
ist der falsche Weg", konterte Lothar Hay (Foto
links) . Der Fraktionschef der SPD
forderte, die Gesamtausgaben für Bildung weiter zu erhöhen. Bei
verlängertem gemeinsamen Unterricht in vertrautem Umfeld könnte
besser gelernt und könnten bessere Leistung erbracht werden. Die Opposition nehme
internationale Studien schlicht nicht zur Kenntnis, meinte auch Grünen-Fraktionschef Karl-Martin
Hentschel (Foto rechts).
"Unser Bildungssystem ist leistungsschwach, elitär und teuer."
Seine These: "Ein gleich intelligenter Zehnjähriger, dessen
Eltern Akademiker sind, hat in Deutschland eine viermal größere
Chance zu studieren, wie ein Sohn von Facharbeitern mit gleicher
Kompetenz."
Hintergrund:
Drei Jahre nach dem
PISA-Schock enthält der neue OECD-Bildungsreport erneut
viel Tadel für das deutsche Bildungssystem - aber auch
ein wenig Lob:
-
Das deutsche duale Berufsbildungssystem in Kombination von
betrieblicher Lehre und Berufsschule wird von den
OECD-Autoren ausdrücklich gelobt, weil es den
Jugendlichen einen recht reibungslosen Übergang von der
Ausbildung ins Arbeitsleben ermöglicht. Der
internationale Vergleich zeigt jedoch: Mit zunehmendem
Alter steigt bei diesen betrieblich Ausgebildeten das
Risiko der Arbeitslosigkeit deutlich. Dagegen haben
ältere Fachkräfte mit einer vergleichbaren an
Hochschulen oder Fachschulen erworbenen Ausbildung
deutlich bessere Arbeitsmarktchancen.
-
43 Prozent eines Jahrganges erwerben nach OECD-Berechnung
in Deutschland eine Studienberechtigung - wie Abitur oder
Fachhochschulreife. Im OECD-Schnitt sind dies inzwischen
51 Prozent. In einigen Industriestaaten - so in Finnland -
liegt diese Quote schon über 80 Prozent.
-
Pro Altersjahrgang nehmen in Deutschland etwa 36 Prozent
ein Studium auf. 1998 waren dies erst 28 Prozent. Im
OECD-Schnitt ist dies etwa die Hälfte eines Jahrganges.
In Finnland, Ungarn, Neuseeland, Polen und den USA liegt
die Quote sogar zwischen 60 und 71 Prozent.
-
In den Industriestaaten erwerben heute 32 Prozent der
jungen Menschen einen Hochschulabschluss - in Deutschland
sind dies nur 19 Prozent.
-
Nach den USA gilt Deutschland inzwischen weltweit als das
zweitbeliebteste Gastland für ausländische Studierende -
vor allem in den Naturwissenschaften. Jeder zehnte Student
an einer deutschen Hochschule ist Ausländer. Ebenso
wächst bei den jungen Deutschen das Interesse an einem
Auslandsstudium. Nur die jungen Japaner und Koreaner
gelten als mobiler.
-
Bei der staatlichen
Bildungsfinanzierung liegt Deutschland mit einem Wert von
4,3 Prozent gemessen am Bruttoinlandsprodukt am unteren
Ende der OECD-Skala. Dagegen investieren Belgien,
Dänemark, Island und Schweden mit Werten von über sechs
Prozent die meisten öffentlichen Mittel in ihre Schulen
und Hochschulen. Rechnet man in Deutschland die
Aufwendungen der Wirtschaft für die Berufsausbildung
hinzu, so bleibt Deutschland immer noch mit einem Wert von
5,3 Prozent unter dem OECD-Mittel von 5,6 Prozent.
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