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15. Mai 2026 – Rückblick

1955: Zahlenlotto sorgt für Euphorie und Sorgenfalten

In dieser Serie blicken wir ins Archiv und spüren nach, was den Landtag in vergangenen Zeiten beschäftigt hat. Im Jahr 1955 begeistert eine neue Art des Lotteriespiels die Menschen im Norden: das Zahlenlotto.

Tippscheine werden per Hand ausgewertet: in Kiel um 1960 eine reine Frauenarbeit.
Die Tippscheine wurden in der Anfangszeit des Lottos noch per Hand ausgewertet: in Kiel um 1960 eine reine Frauenarbeit.
© Foto: Stadtarchiv

Ein Eckpfeiler der Sportförderung ist seit Jahrzehnten das Glücksspiel. In Schleswig-Holstein fließen jedes Jahr mindestens acht Millionen Euro aus den Einnahmen des Nordwestlottos an den Landessportverband und an sportliche Schulprojekte. Mitte der 1950er Jahre entdeckte die Politik die Lotto-Leidenschaft als Einnahmequelle – und brachte damit das bis dahin tonangebende Fußballtoto in Bedrängnis.

Am Anfang stand der neidische Blick nach Berlin. Dort lockte bereits seit August 1945 eine Lotterie nach der Formel „5 aus 90“ mit kleinen und großen Gewinnen. Aus den Einnahmen sollte der Wiederaufbau der kriegszerstörten Metropole mitfinanziert werden. Auch Tipper in Schleswig-Holstein konnten mitmachen. Die Erlöse wanderten an die Spree, der hiesige Fiskus ging leer aus. Ein Umstand, den Finanzminister Carl Schaefer (BHE) im Februar 1955 im Landtag beklagte: In Berlin werde „mit zunehmendem Erfolg eine neue Art des Lotteriespiels, nämlich das Zahlenlotto, betrieben, das infolge der hierfür gemachten Reklame auch in den westdeutschen Ländern in zunehmendem Maße Eingang fand“. Daher sähen sich Schleswig-Holstein, Hamburg und Nordrhein-Westfalen veranlasst, „auch in ihren Ländern ein Zahlenlotto einzuführen“.

Spieler von Anfang an begeistert

Die ersten Glückszahlen, jetzt nach dem System „6 aus 49“, wurden am 9. Oktober 1955 in Hamburg gezogen. 3, 12, 13, 16, 23 und 41 lautete die Reihe. Die Spieler waren von Anfang an begeistert, auch in Schleswig-Holstein. „Das Ergebnis war am ersten Wettsonntag eine Wetteinnahme von 94.000 DM“, berichtete Innenminister Helmut Lemke (CDU) im Februar 1956 vor dem Parlament. Anfang Dezember seien die Einnahmen bereits auf 285.000 DM und Ende Januar auf 331.500 DM gestiegen.

Während die Finanzbehörden jubelten, hatten die Vertreter des Sports Sorgenfalten auf der Stirn. Denn die Lotto-Euphorie ging zulasten des Fußballtotos. Und aus diesem Topf flossen die staatlichen Zuschüsse für den Sport. Viele Tipper zeigten der „Elferwette“ nun die kalte Schulter. Möglicherweise hielt man Lottokugeln für verlässlicher als die Zufälligkeiten eines Fußballspiels. Zudem mussten Spieler des „Nord-Süd-Totos“ sich nicht nur in der damaligen Oberliga Nord auskennen, in der Holstein Kiel und der VfR Neumünster als schleswig-holsteinische Vertreter unterwegs waren, sondern auch in der Oberliga Süd und der West-Berliner Stadtliga. Manch norddeutscher Tipper dürfte sich am Kopf gekratzt haben, wenn er Begegnungen wie Viktoria Aschaffenburg - SSV Reutlingen oder Wacker 04 Berlin - Alemannia 90 Berlin einschätzen musste.

Lotto setzt sich durch

Innenminister Lemke beschrieb den Trend: „Während das Toto am letzten Wettsonntag vor Einführung des Zahlenlottos mit 377.000 DM eine der höchsten Einnahmen des ganzen Jahres zu verzeichnen hatte, ist der Umsatz seitdem zurückgegangen.“ Das Lotto setzte sich durch, obwohl es zunächst keinen Hauptgewinner gab. „Sechs Richtige“ wurden erst bei der sechsten Ausspielung am 13. November 1955 getippt. Drei Sieger konnten sich über jeweils 59.492 DM freuen.

Der Toto-Absturz rief im Landtag die oppositionelle SPD auf den Plan. Der Abgeordnete Erwin Lingk befürchtete, „dass bei einer weiteren Steigerung der Beteiligung am Zahlenlotto wirklich erhebliche Abbrüche beim Fußballtoto eintreten werden“. Lingk sah „die Durchführung der Aufgaben des Sportförderungsausschusses im Landessportverband“ bedroht.

„Statt zu spenden, spielen die Leute Toto und Lotto.“

Die Lösung: Lotto- und Totogelder landeten ab 1956 in ein und demselben Topf, und der Sport profitierte weiter von der Tippleidenschaft. Der SPD-Parlamentarier Eugen Lechner war dennoch nicht glücklich. Er beklagte, dass die Menschen offenbar nicht mehr freiwillig für die gute Sache spendeten, sondern ihr Geld nur noch herausrückten, wenn ein Gewinn lockte: „Sie wissen ja, dass die Gebefreudigkeit der Menschen beachtlich nachgelassen und sich zur Betätigung beim Toto und beim Lotto verlagert hat.“

 

Der Artikel erschien zuerst in "Der Landtag" 2018/02.