Top 22 - Handys in der Schule

18.11.2015

Antrag der...
Fraktion der PIRATEN - Drucksache 18/3522
"Handys und digitale Speichermedien an Schulen zulassen - Medienpädagogische Lern- und Lehrkonzepte für alle Schulen einfordern!"

zum Plenarptotokoll

 

Land hält sich raus: Schulen sollen Handy-Nutzung intern regeln

Die Piraten sind mit ihrer Forderung, alle Schulordnungen mit einem Handy-Verbot im Land unverzüglich außer Kraft zu setzen, auf breite Ablehnung gestoßen. Es bestehe kein Handlungsbedarf, weil es solche Schulordnungen gar nicht gebe, erklärten Redner von CDU, SPD, Grünen und FDP sowie Bildungsministerin Britta Ernst (SPD).

Über sinnvolle Nutzungseinschränkungen der Mobiltelefone, etwa im Unterricht oder bei Prüfungen, sollte jede Schule eigenverantwortlich entscheiden, betonte die Ministerin.

Auch die zweite Forderung der Piraten, an allen Schulen im Land „umgehend ein medienpädagogisches Lern- und Lehrkonzept zu entwickeln“, wurde von der Mehrheit des Landtages kritisch bis ablehnend bewertet. Die Hälfte der Schulen im Land habe so ein Konzept bereits, machte Ministerin Britta Ernst deutlich. Vorschreiben wolle sie es der anderen Hälfte aber nicht.

Piraten halten Behauptung aufrecht

„Verbieten wir nicht länger, was nicht zu verbieten ist, und tun wir es nicht dort, wo junge Menschen Verantwortung und Demokratie lernen sollen - nämlich an den Schulen“, erklärte Sven Krumbeck (Piraten). Er führte ein Gutachten des wissenschaftlichen Dienstes des Landtages an, das zu dem Ergebnis gekommen ist: Für ein Verbot von Mobiltelefonen und Tablets fehlt jede rechtliche Grundlage.

Zugleich hielt Krumbeck die Behauptung, es gebe Schulordnungen mit generellen Handy-Verboten, aufrecht. Ministerin Ernst versprach dem nachzugehen, wenn ihr entsprechende Belege vorgelegt werden.

Diskussion um Handy-Nutzung „ist Medienpädagogik pur“

Heike Franzen (CDU) bezog sich auf eine Studie britischer Forscher, wonach sich ausgeschaltete Handys im Unterricht positiv auf den Lernerfolg auswirken, insbesondere bei schwächeren Schülern. Und: „Wir dürfen Schulen nicht mit weiteren Konzepten überziehen, denn sie haben andere Probleme“, sagte sie. In die gleiche Richtung argumentierte Kai Vogel (SPD). Schulen sollten selbst ihre Schwerpunkte festsetzen und das Problem der Handy-Nutzung über die Schulkonferenz intern lösen, sagte er.

Anita Klahn (FDP) forderte die Eltern auf, ihren Kindern „einen vernünftigen Umgang mit dem Handy“ beizubringen. Zudem verwies sie auf den staatlichen Erziehungsauftrag, der einen störungsfreien Unterricht vorschreibt. „Wenn man Schüler in Prüfungen vorher darauf hinweist, kann sogar nur das Mitführen ein Täuschungsversuch sein“, betonte sie. Welchen Schwerpunkt eine Schule setzen will, welche Jahrgänge Freiheiten bekommen und welche Ausnahmen gelten, das könnten die Schulen gut selber ausloten, schloss sich auch Anke Erdmann (Grüne) an: „Das ist Medienpädagogik pur.“

Ausschuss will auch über Cyber-Mobbing reden

Jette Waldinger-Thiering (SSW), die den Piraten-Antrag ausdrücklich lobte, erklärte, die Schule der Zukunft müsse technische Innovationen „sinnvoll integrieren und nicht verbieten“. Es mache Sinn, die verschiedenen Funktionen eines Handys auch im Schulalltag zu nutzen. „Smartphones sind schlicht und einfach kleine mobile Computer. Lerninhalte können zum Beispiel fotografiert und archiviert werden.“ Sie glaube, dass viele „bis heute den Nutzen dieser Geräte für den Unterricht verkennen“, so Waldinger-Thiering.

Der Bildungsausschuss berät den Antrag weiter, unter anderem soll dann auch das Thema Cyber-Mobbing intensiver erörtert werden.

 

Hintergrund

(Stand: 16.11.2015)

Dürfen Schulen Handys und Smartphones von den Pausenhöfen und aus den Klassenräumen verbannen? In Schleswig-Holstein gibt es bisher keine einheitliche Regelung. Einige Schulen sehen in ihren Schulordnungen ein striktes Handyverbot vor, andere sind kulanter. Für die Piraten steht indes fest: Handy-Verbote in Schulen sind nichtig.

Die Oppositionsfraktion beruft sich auf ein Gutachten des wissenschaftlichen Dienstes des Landtages. Das Ergebnis: Für ein Verbot von Mobiltelefonen und Tablets fehle jede rechtliche Grundlage. Das Ergebnis dieses Gutachtens wollen die Piraten jetzt landesweit an den Schulen umgesetzt wissen. Sie fordern daher die Landesregierung, die Schulen zur Rücknahme der Handy-Verbote zu bewegen.

Zudem verlangen die Piraten von den Schulen, medienpädagogische Konzepte zu entwickeln. Hierfür gebe es bereits Material beim Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein (IQSH).

Einigkeit: Im Unterricht sind Handys tabu

Laut einer Erhebung aus dem Jahr 2013 besitzen 97 Prozent der 14- bis 65-Jährigen ein Handy. Das Problem: Die Benutzung der Mobilgeräte lenkt vom Unterricht ab. Eine britische Studie gibt den Smartphone-Skeptikern Recht. Verglichen wurden die Leistungen von Schülern, bevor und nachdem ein Handy-Verbot an ihren Schulen erlassen wurde. Ergebnis: Ohne Smartphone verbesserten sich die Testergebnisse von 16-Jährigen durchschnittlich um 6,41 Prozent.

So heben auch die Experten des wissenschaftlichen Dienstes ein Benutzungsverbot von Handys und Smartphones im Unterricht als selbstverständlich hervor. Als Gründe gegen ein generelles Mitführungsverbot in Schulen werden zum Beispiel etwaige Notfälle auf dem Schulweg oder Benachrichtigung der Eltern über Änderungen des Stundenplans genannt. Auch Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) hat bereits signalisiert, dass sie generelle Verbote nicht für sinnvoll hält.

Die Grundsatzentscheidung ist in Deutschland Ländersache. In Bayern müssen Mobilgeräte auf dem Schulgelände ausgeschaltet sein. Niedersachsen hingegen hat kein generelles Verbot erlassen. Hier können Schulleitung und Lehrkräfte selbst entscheiden, wie sie die Smartphone-Nutzung handhaben.

» Vorherige Meldung zum Thema:
plenum-online März 2013 (Januar 2014)