Top 47 - Lernmittel an Schulen

14.10.2016

» Regierungsbericht «
Lernmittelfreiheit in Schleswig-Holstein
Antrag der Fraktionen von Piraten, SPD, Grünen und der Abg. des SSW - Drs. 18/2502
(Landtagsbeschluss vom 12. Dezember 2014)
→ Bericht der Landesregierung - Drucksache 18/4685
(Federführend ist das Ministerium für Schule und Berufsbildung)

zum Plenarprotokoll

 

Schulbildung darf nicht vom Portmonee abhängen

Der Landtag ist sich einig: Eine gesellschaftliche Spaltung zwischen Schulkindern aus armen und reichen Familien darf es nicht geben. „Bildung darf nicht vom Portmonee der Eltern abhängen“, sagte Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) bei der Vorstellung eines von der Regierungskoalition und den Piraten geforderten Berichts über „Lernmittelfreiheit“.

Laut einer Studie aus dem Herbst 2015, die das Bildungsministerium auf Wunsch des Landtages in Auftrag gegeben hatte, müssen Eltern pro Schuljahr trotz Lernmittelfreiheit im Schnitt etwa 1.000 Euro berappen – für Schulequipment, Bücher, Verbrauchsmaterial, Sportunterricht, Unternehmungen, Essen und Betreuung sowie Nachhilfe. Das Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik an der Kieler Uni hatte mehr als 3.500 Eltern an 56 Schulen im Lande befragt. „Wir haben damit das erste Mal eine hohe Transparenz über reale Belastung der Eltern und so eine gute Grundlage für eine weitere Diskussion“, freute sich Britta Ernst.

Mit dem Ausbau von Ganztagsangeboten soll Ernst zufolge mehr Zeit für gezielte Förderung geschaffen und so private Nachhilfe überflüssig werden. Geprüft werde auch, welche Kosten das Ministerium durch Änderungen von Verwaltungsvorschriften beeinflussen kann. Als Beispiele nannte Ernst eine Höchstgrenze für Schulausflüge, die Anschaffung von Atlanten und Arbeitsheften sowie eine Begrenzung des Umfangs von Materiallisten zu Beginn des Schuljahres.

Sie kündigte an, dass die Landesregierung den Dialog mit Eltern und Interessensverbänden suchen werde. Allerdings, so die Ministerin: „Wir müssen vorsichtig sein, wo das das Bildungsministerium eingreift, denn Schulen sollen weiterhin ihre eigene Verantwortung behalten.“

SSW regt zentralen Einkauf von Schulmaterialien an

Im Plenum wurden einige Vorschläge gemacht. Sven Krumbeck (Piraten) forderte beispielsweise, die schulische Ausbildung müsse komplett kostenfrei gestaltet und der Beitrag im Bildungs- und Teilhabepaket des Bundes angehoben werden. „Die Lernmittelfreiheit greift nicht weit genug“, sagte er. Der schulpolitische Sprecher der SPD, Kai Vogel, schlug vor, Nachhilfeunterricht in die Schule zu verlagern. So könnten Kosten gesenkt werden.

Jette Waldinger-Thiering (SSW) sprach sich für einen „zentralen Einkauf von Schulmaterialien“ sowie „Ratenzahlungen“ aus. Zudem müssten mehr Lehrer sensibilisiert werden, um „verschämte Eltern“ zu erkennen, die sich die Schulkosten nicht leisten können. Anita Klahn (FDP) merkte an, dass Lehrer laut der Studie die Kosten für Ausflüge, Materialien und Klassenreisen in der Regel um ein Viertel geringer einschätzten als Eltern nachher tatsächlich bezahlen müssten. „Darüber muss geredet werden.“ Eltern sollten ganz von Hort- und Betreuungskosten befreit werden, forderte Klahn.

CDU warnt vor pauschalen Forderungen

„Der Staat kann zwar nicht die Vollkasko-Versorgung übernehmen, aber Kinder dürfen auch nicht aufgrund des Einkommens der Eltern vom Bildungserfolg ausgeschlossen werden“, sagte Heike Franzen (CDU). Sie mahnte, nun nicht „reflexartig“ pauschale Forderungen zu erheben, sondern die „individuellen Bedürfnisse jeder Familie“ ins Auge zu fassen. Anke Erdmann (Grüne) riet in diesem Zusammenhang zu einem “Runden Tisch“ mit Eltern, Verbänden, Lehrern und Kommunen. Hier könne ein regelmäßiger Austausch über Leitlinien stattfinden. „Schule muss erschwinglich sein für alle“, sagte sie.

Über die Berichtsinhalte und die im Plenum vorgeschlagenen Maßnahmen soll nun im Bildungs- sowie im Sozialausschuss gesprochen werden.

 

Hintergrund

(Stand: 10.10.2016)

Im Schnitt etwa 1.000 Euro pro Schuljahr: So hoch sind die Ausgaben, die Eltern für ihr schulpflichtiges Kind aufbringen müssen. Das geht aus einer Studie hervor, die das Bildungsministerium auf Wunsch des Landtages in Auftrag gegeben hat. Das Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik an der Kieler Uni hat dafür mehr als 3.500 Eltern und rund 290 Lehrer an 56 Schulen im Lande befragt.

Ergebnis: Mit Stiften und Büchern ist es nicht getan. Das meiste Geld stecken die Eltern in Fahrtkosten, Schulessen oder Nachhilfe. Konkret stellen die Forscher folgende Rechnung auf:

• 89 Euro gehen pro Jahr für Verbrauchsmaterial wie Hefte oder Stifte drauf.

• 179 Euro kosten Klassenfahrten, Ausflüge, Theaterbesuche und andere Aktivitäten.

• 172 Euro kostet die Ausrüstung eines Schülers: etwa Ranzen, Federtasche, Taschenrechner.

• 105 Euro kostet der Sport: Turnschuhe, Sporttasche, Kleidung.

• 48 Euro zahlen die Eltern für Bücher - der Großteil der Lehrtexte wird von der Schule gestellt.

• 312 Euro: Mit diesem Betrag schlagen Fahrtkosten, Schulessen und Nachmittagsbetreuung zu Buche.

• 100 Euro werden für Nachhilfe fällig.

Zwischen den verschiedenen Schularten und Altersgruppen gibt es laut der Studie keine nennenswerten Unterschiede. Wie viel Geld Eltern ausgeben, hängt eher davon ab, welchen Schulabschluss sie selbst haben. Akademiker können mehr Geld für die Ausbildung ihres Nachwuchses aufbringen als einfache Arbeiter und Angestellte. „Diese Diskrepanz wurde insbesondere in den Bereichen Nachhilfe sowie Versorgung und Betreuung deutlich“, heißt es in der Studie.

Der Staat müsse insbesondere einkommensschwache Familien gezielt unterstützen. Darauf deutet die Schlussfolgerung der Autoren der Studie hin: „Insgesamt verdeutlichen diese Befunde die Notwendigkeit, geeignete finanzielle Unterstützungsangebote, insbesondere für Eltern mit keinem oder geringem Einkommen, zu schaffen.“

Das Bildungs- und Teilhabepaket des Bundes (BuT) erfülle diesen Zweck nur in Ansätzen. Eltern, die Arbeitslosengeld II, Sozialhilfe oder Wohngeld beziehen, können Zuschüsse für den Sportverein oder den Musikunterricht ihrer Kinder beantragen – allerdings nur zehn Euro pro Kind und Monat. Zudem übernimmt das BuT einen Teil der Schulkosten. Aber: Die 100 Euro pro Schuljahr (70 Euro zu Beginn, 30 Euro nach den Weihnachtsferien) seien nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

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