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5. August 2026 – Serie

2001: PISA, Finnland und die „Reise nach Deppendorf“

In dieser Serie blicken wir ins Archiv und spüren nach, was den Landtag in vergangenen Zeiten beschäftigt hat. Diese Woche: die PISA-Studie und das darauffolgende Beben in der Bildungspolitik.

Eine Schulklasse aus dem Jahre 2001
Schlechte Noten für das deutsche Schulsystem: Im Jahre 2001 erreichte Deutschland unter den geprüften 32 Industrieländern in verschiedenen Kategorien lediglich die Plätze 20 bis 22
© Foto: Stefan Sauer, dpa

Das Zeugnis für Deutschlands Bildungssystem fiel bescheiden aus: Viele 15-Jährige zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen können den Sinn eines Textes nicht erfassen und einfache mathematische Aufgaben nicht lösen. Die Kluft zwischen Kindern aus wohlhabenden und aus armen Familien ist gewaltig. Und im internationalen Vergleich hinkt die Bundesrepublik hinterher. „PISA“ (Programme for International Student Assessment) hieß die Studie, die Ende 2001 das deutsche Schulwesen als schiefen Turm entblößte und einen heute fast sprichwörtlichen „Schock“ auslöste. 32 Industrieländer standen auf dem Prüfstand, Deutschland rangierte in den verschiedenen Kategorien zwischen Platz 20 und 22.  

Auch im Kieler Landtag herrschte am 14. Dezember 2001 Ernüchterung, als die Landespolitik über die Erkenntnisse debattierte, die die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) wenige Tage zuvor veröffentlicht hatte. „Die PISA-Studie stellt uns allen – der gesamten Gesellschaft – ein schlechtes Zeugnis aus“, bekannte Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave, deren SPD gemeinsam mit den Grünen die Landesregierung stellte. „Fast zehn Prozent der Schüler konnten eine Aufgabe nicht lösen, bei der sie die Fläche eines Rechtecks mit den Seitenlängen 3 mal 4 Zentimeter berechnen sollten“ – entweder wegen mangelnder Mathe-Kenntnisse, oder „weil sie die Aufgabe schlicht nicht lesen konnten“. Besonders Schüler mit Migrationsgeschichte seien betroffen: „Galt in den 60er-Jahren das katholische Mädchen in Bayern vom Lande als Problemfall, dann ist es heute der 15-järhrige türkische Junge aus der Großstadt.“ Die Ministerin zählte eine lange Mängelliste auf: „unzureichende Gestaltung des Unterrichts“, „mangelnde Ausbildung der Lehrkräfte“, „unzureichende Frühförderung“, „zu wenig Lernzeit am Nachmittag“ und „mangelnde Förderung der Schülerinnen und Schüler aus benachteiligten sozialen Schichten“. 

„Wer bei der Bildung spart, gefährdet den Wohlstand“ 

In der Analyse waren sich die Abgeordneten mit der Ministerin einig, aber das Gegenmittel war umstritten. Jost de Jager (CDU) machte sich für „die Renaissance des Leistungsbegriffs“ stark. Ein erster Schritt müssten „zentrale Prüfungen in den zentralen Fächern“ sein: „Die Leistung der Schulen kann ich nur dann ermessen und bemessen, wenn ich zentrale Prüfungen habe, die einen solchen Vergleich tatsächlich auch zulassen.“ Eine strengere Benotung sei kein Allheilmittel, hielt Jürgen Weber (SPD) dagegen: „Alle Länder, die auf Ziffernoten in den Klassen 1 und 2 und zum Teil auch darüber hinaus verzichten, liegen in dieser Untersuchung vor Deutschland.“ 

Ekkehard Klug (FDP) warnte vor „kinderfeindlichen Paukschulen japanischer oder koreanischer Art“ und richtete den Blick auf den PISA-Primus Finnland. Dort gebe es „für Schüler mit Lernschwierigkeiten einen Anspruch auf gezielte Nachhilfe“, und die Bildungsausgaben lägen „um ein Drittel über dem europäischen Durchschnitt“. Diesen Weg müsse auch Deutschland gehen: „Wer jetzt noch an Bildung spart, der spart die Grundlagen unseres Wohlstandes und unser sozialen Stabilität in diesem Land zu Tode.“ Die nordischen Länder mit ihrem gemeinschaftlichen Unterricht lägen bei PISA insgesamt weit vorne, betonten Grüne und SSW: Ein „egalitäres Bildungssystem“ forderte Angelika Birk (Grüne) auch für Deutschland: „Alle Kinder in den ersten neun Jahren in einer Schule, das ist in vielen Ländern Standard. Das sollte uns doch nachdenklich machen.“ Anke Spoorendonk (SSW) sah das genauso: „Das gegliederte Schulsystem, so wie wir es kennen, hat keine Zukunft.“ Die internationale Studie sei nur die halbe Wahrheit, merkte der Christdemokrat de Jager an. Landespolitisch werde es erst „ernst und interessant“, wenn die Reihenfolge der deutschen Bundesländer bekannt sei. 

Gespräch am Rande der Plenarsitzung: Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD), Angelika Birk (Grüne), Ekkehard Klug (FDP)
Gespräch am Rande der Plenarsitzung: Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD), Angelika Birk (Grüne), Ekkehard Klug (FDP)
Foto: Landtag

„Niemand streitet so emotional wie die Deutschen“ 

Ein halbes Jahr später lagen die Vergleichszahlen vor – und der Norden schnitt ordentlich ab. Schleswig-Holsteins Gymnasiasten landeten bei den Naturwissenschaften sogar auf Platz eins und in Mathematik auf Platz drei. Bei den Leseleistungen aller 15-Jährigen fiel das Land hingegen deutlich hinter Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen zurück, was am 20. Juni 2002 die nächste Schuldebatte im Landtag befeuerte. „Wenn die CDU/CSU-geführten Länder gesondert bewertet worden wären“, so der Unions-Fraktionschef und spätere Landtagspräsident Martin Kayenburg, „lägen wir im Ranking der OECD viel besser, als wir dies in der Gesamtwertung tun.“ An der Spitze des internationalen Vergleichs stehe „keines unserer Bundesländer“, betonte Bildungsministerin Erdsiek-Rave und warnte davor, die PISA-Ergebnisse wie eine „Bundesligatabelle“ zu lesen: „Das System Schule ist ein bisschen komplexer als der Fußball.“ 

Rot-Grün legte ein Maßnahmenbündel vor, das den Auftakt zu einem Umbau der schleswig-holsteinischen Schullandschaft bilden sollte. Kernpunkte: mehr Förderung für Grundschulkinder, Rückstufung und Schulwechsel nur in absoluten Ausnahmefällen, Sprachtraining für Schüler aus Migrationsfamilien, verbindliche Leistungsstandards, Ganztagsangebote. „Wir werden die Messlatte internationaler Standards an unsere Schulreformen anlegen“, erklärte der Sozialdemokrat Weber. Bessere Leistungen und gemeinsames Lernen seien keine Widersprüche, unterstrich die Grünen-Abgeordnete Birk: „Man kann klügere Kinder und weniger kluge Kinder in einer Klasse haben und kann trotzdem Standards erreichen. Das ist die Kunst guter Pädagogik.“

Schwarz-Gelb ging mit den Plänen der Koalition hart ins Gericht. „Musste es eigentlich erst PISA bedürfen, bevor Sie, meine Damen und Herren von den Regierungsfraktionen, aufwachen?“, fragte die CDU-Parlamentarierin Sylvia Eisenberg. Die Koalition blende wesentliche Punkte aus, monierte sie: „Realschulen und Gymnasien kommen bei Ihnen überhaupt nicht vor.“ Auch FDP-Bildungsexperte Klug bemängelte eine „Konfusion in der rot-grünen Bildungspolitik“ und merkte an: „Der rot-grüne Aufbruch nach PISA endet bedauerlicherweise irgendwo in der Gegend von Deppendorf.“ Angesichts des heftigen Parteienstreits stelle SSW-Frau Spoorendonk fest, dass „in keinem anderen Land die Debatte so emotional geführt wird wie in der Bundesrepublik“. Anstatt Beschlüsse im Konsens zu fassen, werde versucht, die „inhaltlichen Mängel des Schulwesens der unterschiedlichen Bundesländer“ anzuschwärzen.

Deutschlands Schüler holen langsam auf 

Und so war dies nicht die letzte Debatte zu diesem Thema, zumal Deutschland in den Jahren nach dem „PISA-Schock“ sein Bildungssystem umbaute. Die Schulen boten mehr Ganztagsunterricht an, der Kita-Bereich wurde massiv ausgebaut, und die Politik setzte auf mehr gemeinsames Lernen. In Schleswig—Holstein haben die Kindertagesstätten seit 2004 einen im Gesetz verankerten Bildungsauftrag. Ab 2007 verschmolzen die Haupt- und Realschulen zur neuen Gemeinschaftsschule - angeschoben von der damaligen Koalition aus CDU und SPD. Seit 2009 gibt es zentrale Abschlussprüfungen in den Kernfächern Deutsch, Mathe und Englisch. 

Die Bildungsreformen wurden begleitet von weiteren Studien der OECD, in denen Deutschland langsam nach oben kletterte. 2018 lag die Bundesrepublik in den Kategorien Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften auf Plätzen zwischen elf und 15 und erreichte Qualitätswerte, die deutlich über dem Schnitt lagen. Allerdings: Es wurde erneut eine Spaltung zwischen Bildungsgewinnern und –verlierern diagnostiziert. Kinder aus sozial schwächeren Elternhäusern besuchen deutlich seltener eine Kita. Wer kein Gymnasiast ist, greift kaum zu einem Buch. Und Jugendliche aus Zuwandererfamilien haben nach wie vor schlechtere Chancen auf einen gut bezahlten Job. Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave hatte bereits 2001 einen langen Atem gefordert: Auch die Stabilisierung des echten schiefen Turms im norditalienischen Pisa habe viele Jahre gedauert. 

Hintergrund: PISA

Die PISA-Studie (Programme for International Student Assessment) ist ein internationaler Leistungsvergleich der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Seit dem Jahr 2000 werden im Abstand von drei Jahren die Kompetenzen 15-jähriger Schülerinnen und Schüler in den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften untersucht. Ziel der Studie ist es, die Leistungsfähigkeit von Bildungssystemen international vergleichbar zu machen und Ansatzpunkte für deren Weiterentwicklung aufzuzeigen. An der ersten PISA-Studie nahmen 32 Staaten teil, inzwischen beteiligen sich regelmäßig mehr als 80 Länder und Regionen.