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14. August 2026 – Serie

1991: Landtag fordert Volksabstimmung über Regierungssitz

In dieser Serie schauen wir ins Archiv und spüren nach, was den Landtag in vergangenen Zeiten beschäftigt hat. Im Jahr nach der deutschen Einheit streiten Ossis, Wessis und auch Nordlichter über die Frage: Bonn oder Berlin?

Im Bonner Wasserwerk, den provisorischen Sitzungssaal des Bundestages, fiel 1991 die Entscheidung für den Umzug nach Berlin.
Im Bonner Wasserwerk, den provisorischen Sitzungssaal des Bundestages, fiel 1991 die Entscheidung für den Umzug nach Berlin
© Foto: Bilddatenbank Bundestag

Weiter in Bonn oder künftig in Berlin: Wo sollen Bundestag und Bundesregierung im wiedervereinigten Deutschland ihren Sitz haben? Über diese Frage wird im Frühjahr 1991 kontrovers diskutiert. Bevor der Bundestag am 20. Juni 1991 eine Entscheidung fällt, schlagen auch im Kieler Landtag die Wellen hoch. Mehrfach steht das Thema auf der Tagesordnung des Landesparlaments, in dem eine SPD-Mehrheit einer CDU-Opposition und einem SSW-Vertreter gegenübersteht. Im Plenarsaal äußern sich Berlin-Befürworter, Bonn-Anhänger – und diejenigen, die diese Entscheidung den Bürgern in einer Volksabstimmung überlassen wollen.

Dabei ist die Frage, welche Stadt die deutsche Hauptstadt ist, längst entschieden. „Hauptstadt Deutschlands ist Berlin“, heißt es im Einigungsvertrag, den die Bundesrepublik und die DDR im August 1990 abschließen und der am 3. Oktober 1990 mit der Wiedervereinigung in Kraft tritt. Bereits 1957 hatte der Bundestag die „Vorbereitung Berlins als gesamtdeutsche Hauptstadt“ gefordert. Ein zentraler Punkt bleibt aber ungeklärt: „Die Frage des Sitzes von Parlament und Regierung wird nach der Herstellung der Einheit Deutschlands entschieden“, besagt der Einigungsvertrag.

Nord-Union auf der Seite des Bundeskanzlers

„Was ist eine Hauptstadt ohne Regierung und ohne Parlament?“, fragt CDU-Oppositionsführer Klaus Kribben im April 1991 im Landtag und gibt selbst die Antwort: „Dies wäre ein Etikettenschwindel.“ Die CDU-Fraktion macht sich einstimmig für die Stadt an der Spree stark. Berlin sei „das Symbol für Freiheit und für den Willen, diese Freiheit zu verteidigen“, so Kribben. Dort wachse „nicht nur Deutschland zusammen, sondern auch der bislang geteilte Kontinent“. Die Verlegung der Verfassungsorgane nach Nordosten wäre zudem „ein gewichtiges Signal an die Menschen in den neuen Bundesländern“, das auch auf Schleswig-Holstein ausstrahlen werde. Zwar werde ein Umzug teuer, aber „jede Mark, die heute für die Hauptstadtfunktion in Berlin ausgegeben wird, ist eine Investition in die Zukunft der Stadt und eine Investition in die neuen Bundesländer“. Die Nord-Union schlägt sich damit auf die Seite von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU), der ebenfalls die Werbetrommel für Berlin rührt – im Gegensatz zu anderen Parteigrößen wie Arbeitsminister Norbert Blüm, der für Bonn plädiert.

Auch die SPD ist gespalten. Auf einem Bundesparteitag in Bremen gibt es Anfang Juni 203 Stimmen für Bonn und 202 für Berlin. „Ich bin für Bonn“, sagt Björn Engholm, der nicht nur Ministerpräsident, sondern auch neuer Parteivorsitzender der Bundes-SPD ist, im Kieler Landtag. Der Name der Stadt am Rhein sei „identisch mit der ersten erfolgreichen Demokratie in unserer Geschichte“. Engholm verweist auf seine Bonner Jahre als Bundestagsabgeordneter von 1969 bis 1983, davon zwei als Bundesbildungsminister im Kabinett von Helmut Schmidt. „Ich bin, wenn Sie es technisch wollen, in Bonn politisch sozialisiert worden.“ Der Rendsburger SPD-Abgeordnete Günter Neugebauer stellt einen Pro-Bonn-Antrag und verweist auf den „nationalen Größenwahn, der leider auch von Berlin ausgegangen ist“. Zudem, so Neugebauer, müssten 100.000 Menschen – Beamte, Angestellte und deren Familien – im Falle einer Verlegung des Regierungssitzes von Bonn nach Berlin umsiedeln, und dies sei mit sozialen Härten verbunden.

Ein Bonn-Befürworter und ein Berlin-Verfechter: Björn Engholm (SPD, li.), Klaus Kribben (CDU)
Ein Bonn-Befürworter und ein Berlin-Verfechter: Björn Engholm (SPD, li.), Klaus Kribben (CDU)
Foto: Landtag

Erdsiek-Rave: Berlin "Zeichen für einen Neuanfang"

Die SPD-Abgeordnete Ute Erdsiek-Rave, später Landtagspräsidentin und Bildungsministerin, geht auf Gegenkurs: „Für mich hat das Bestreben mancher Bonn-Befürworter, an diesem Provisorium Bonn festzuhalten, nicht nur etwas mit materiellem Besitzstandsdenken zu tun, sondern auch mit dem Versuch einer ideologischen Besitzstandswahrung.“ Eine Entscheidung für Berlin sei hingegen ein Zeichen für einen Neuanfang wie auch für „die Kontinuität deutscher Geschichte“. Eva Rühmkorf, Ministerin für Bundesangelegenheiten, vertritt ebenfalls den Berlin-Flügel der SPD: „Zu viele glauben noch, man könne auch in diesem Deutschland, in dem neuen Deutschland, weitermachen wie in der alten Bundesrepublik. Und dieser Glaube ist falsch.“

Mit Blick auf die unklare Gemengelage in der Politik wie in der Bevölkerung schlagen die Sozialdemokraten eine Volksabstimmung vor. Die Menschen wollten selbst über diese wichtige Frage entscheiden, hat der spätere Landtagspräsident Heinz-Werner Arens beobachtet: „Das zeigen alle Diskussionen, sei es im Fernsehen, auf den Straßen, in den Parlamenten oder am Arbeitsplatz.“ Der SSW-Abgeordnete Karl Otto Meyer stellt sich hinter den SPD-Plan. Es sei „schwer verständlich“, so Meyer, dass die Wähler entscheiden dürften, „ob irgendwo eine Schule umgesiedelt werden soll, ob eine Ganztagsschule errichtet werden darf oder nicht“, dass sie aber bei der Bonn-Berlin-Frage draußen vor bleiben müssten.

Union gegen Volksabstimmung

Die CDU lehnt den Vorstoß hingegen ab: Es gebe „gute Gründe dafür, dass emotional besonders aufheizbare Themen eben nicht durch Volksabstimmung geklärt werden sollen“, wendet der Abgeordnete Eberhard Dall’Asta ein. Ansonsten müsse man das Volk auch zu den Themen „Wirtschaftsflüchtlinge“, Drogenbekämpfung oder Todesstrafe befragen. „Der Vorschlag, das Volk abstimmen zu lassen, mag durchaus populär sein“, so Oppositionsführer Kribben, „populistisch ist er in jedem Fall“. Denn „die öffentliche Auseinandersetzung im Vorfeld der Volksabstimmung würde den emotionalen Spalt zwischen den Berlin-Anhängern und den Bonn-Anhängern weiter vertiefen“. Zudem sei dafür zunächst eine Änderung des Grundgesetzes nötig – und der gesamte Streit könne „frühestens im Spätherbst“ beigelegt werden.

Am Ende steht im Kieler Landtag ein deutliches Votum für Berlin. In namentlicher Abstimmung votieren 60 Abgeordnete für einen Umzug von Parlament und Regierung. Bonn erhält lediglich neun Stimmen. Dem Vorschlag, die Frage per Volksabstimmung zu klären, stimmen 46 Parlamentarier zu, 24 sind dagegen, es gibt eine Enthaltung.

Begegnung an der Regierungsbank: Karl Otto Meyer (SSW) und Ministerin Eva Rühmkorf (SPD)
Begegnung an der Regierungsbank: Karl Otto Meyer (SSW) und Ministerin Eva Rühmkorf (SPD)
Foto: Landtag

Bonn verliert – und behält eine Menge

Nachdem auch mehrere andere Landesparlamente sich positioniert haben, steht am 20. Juni 1991 in Bonn die Entscheidung des Bundestages an. Zuvor spekulieren Medien über eine knappe Mehrheit für einen Verbleib im Rheinland, aber nach zwölf Stunden Debatte und 105 Redebeiträgen lautet das Ergebnis: 338 Stimmen für Berlin, 320 für Bonn. Die ansonsten übliche Fraktionsdisziplin ist an diesem Tag aufgehoben. Die Stimmen für Berlin kommen überwiegend aus dem Norden und dem Osten der Republik, die Vertreter aus dem Westen und dem Süden sind mehrheitlich für Bonn. Unter den CDU-Abgeordneten gibt es 54 Prozent Berlin-Unterstützer, bei der SPD sind es 47 Prozent und bei der FDP 67 Prozent. Die in Ostdeutschland verankerten Parteien PDS und Bündnis 90 votieren mit großer Mehrheit für Berlin, die bayrische CSU ist größtenteils für Bonn.

Doch es dauert, bis auf dem Beschluss konkrete Taten folgen. Erst knapp drei Jahre später, im März 1994, regelt das Bonn-Berlin-Gesetz den Zeitplan. In der Hauptstadt rollen nun die Bagger an, das mehr als 100 Jahre alte Reichstagsgebäude bekommt einen neuen Plenarsaal und eine gläserne Kuppel. Drum herum entstehen weitere Büro- und Sitzungsbauten. Gegenüber dem Reichstag wird ein neues Kanzleramt errichtet, und der Bundesrat, der zunächst in Bonn bleiben wollte, zieht in den ehemaligen Sitz des Preußischen Herrenhauses. Am 4. Oktober 1999 kommt der Bundestag erstmals am neuen Ort zusammen. Die Bundesministerien ziehen schrittweise um, seit 2008 sind mehr Mitarbeiter in Berlin als in Bonn angesiedelt.

Alte Hauptstadt wird zur "Bundesstadt"

Das Bonn-Berlin-Gesetz bestimmt aber auch, dass die alte Hauptstadt, die nun den Titel „Bundesstadt“ trägt, weiterhin einen Teil der Regierung beherbergt. Sechs der 14 Ministerien (Bildung, Gesundheit, Landwirtschaft, Umwelt, Verteidigung und wirtschaftliche Zusammenarbeit) sitzen nach wie vor am Rhein, die anderen haben dort Außenstellen. Damit tritt das ein, was die SPD-Abgeordnete Erdsiek-Rave schon 1991 vorausgesagt hat: „Berlin ist nicht Tokio, und Bonn ist nicht Krähwinkel.“