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2. August 2018 – Nachrichten-Flaute

Politik stürzt Journalisten ins Sommerloch

Die Ferien haben das Parlament fest im Griff und bringen damit einen Berufsstand in die Bedrouille: die Journalisten. Sie plagt das Sommerloch. Eine nicht ganz ernstgemeinte Geschichte über ein altes Phänomen.

Landtag Förde Sommerloch
Flaute gibt es im Sommer nicht nur auf dem Wasser – auch in der Politik geht es ruhiger zu. Foto: Landtag, Yvonne Windel

Von Helge Berlinke

Sommerloch. Klar, davon hat man von Jugend auf gehört. Nur: Gibt es das überhaupt? Und wenn ja, seit wann existiert der Begriff? Da ist man dann mit seinem Latein am Ende. Und die Gelehrten – die schweigen sich darüber aus. Die Wissenschaft hat offensichtlich keine Zeit fürs Sommerloch.

Immerhin: Es gibt die Diplomarbeit eines Herrn Christian Pohl, der sich 2006 die Mühe machte, die Lokalberichterstattung dreier Tageszeitungen zu untersuchen. Wie sagt man noch so schön? Ausnahmen bestätigen die Regel.

„Mehr interpretierende Genres“

Herr Pohl hat sich die Sache quasi mal unter dem Brennglas angesehen – und tatsächlich Substantielles herausgefunden. Die von ihm untersuchten Medien, stellt er fest, weichen im Sommer „von gewohnten Berichterstattungsmustern“ ab. „Außerdem verändern sie ihre Darstellungstechnik und verwenden mehr interpretierende Genres.“

Das heißt: Zumindest die Journalisten haben das Sommerloch gesichtet und schütten es wie die Straßenbauarbeiter den löchrigen Asphalt notdürftig zu. Eine zufriedenstellende Lösung scheint das nicht zu sein. Zumindest wenn man Kai Gniffke heißt und Tagesschau-Chefredakteur ist. Gniffke beschwerte sich 2009 darüber, dass es für die Tagesschau im Sommerloch „an manchen Tagen nur B-Themen“ gebe. „Wir hatten gehofft, es würde uns in diesem Jahr verschonen“, schrieb er in seinem Blog. „Schließlich sind in zwei Monaten Bundestagswahlen.“ Daraufhin gab es einen Rüffel vom Chef. Logisch. Wer mag sich schon sein Produkt schlecht reden lassen?

Die Politiker sind schuld

Nun. Zum Glück ist nicht jeder Mensch Journalist, so dass der großen Mehrzahl der Menschen das Sommerloch wohl ziemlich „schnuppe“ sein dürfte. Allerdings darf man schon mal danach fragen, warum sie in den Schreibstuben dieser Welt in diesen Tagen wieder sitzen und darüber brüten, wie sie das Papier und die Bildschirme vollkriegen. Denn: Wo Missstände sind, muss es auch Schuldige geben. Und das sind, Gniffke hat es mit dem Hinweis auf die Bundestagswahlen angedeutet, unsere Politiker.

Natürlich! Was fällt denen überhaupt ein, Parlamentsferien zu machen. Ferien! Haben die denn nichts Besseres zu tun?

Zur Ehrenrettung der politischen Zunft muss man allerdings festhalten, dass es Jahr für Jahr ein paar Aufrechte gibt, die – vermutlich aus Sorge um den Gemütszustand der Pressevertreter – die Sommerpause Sommerpause sein lassen und einfach weitermachen, als wäre nichts gewesen und interessante Vorschläge abliefern. Leider entpuppen sie sich meist als Eintagsfliegen. Eine Schattenseite unserer modernen Mediengesellschaft, in der Leute kurzzeitig für Schlagzeilen sorgen, um wenig später dann in den digitalen Weiten des Internets vor sich hinzutreiben. 

Tastatur erlebt ein Trommelfeuer

Aber die Vorschläge? Einfach bemerkenswert. Wunderbar. Etwa das Ansinnen, eine Probezeit für die Ehe einzuführen oder Kindern das Wahlrecht zuzusprechen oder den Kauf Mallorcas als 17. Bundesland zu veranlassen. Oder, oder, oder.

Solche Dinge lassen die Herzen der frustrierten Redakteure natürlich höher schlagen. Da läuft die Tinte in den Füller, fängt der Kugelschreiber an zu tanzen und die Tastatur erlebt ein Trommelfeuer.

Zu nett für steile Thesen

Womit wir bei der Landespolitik wären – und da wird es nun ernst. Nicht etwa, weil die Abgeordneten keinen Spaß verstünden. Aber selbst nach intensiver Recherche muss man sagen, dass sich kein Landesparlamentarier in den letzten Jahren beim Stopfen des Sommerlochs hervorgetan hätte. Zumindest konnten sich jene, die befragt wurden, nicht daran erinnern, dazu beigetragen zu haben oder jemanden zu kennen, der dazu beigetragen hätte. Wahrscheinlich sind Schleswig-Holsteins Politiker für steile Thesen einfach zu nett. Statt Haudrauf- und Hauruckaktionen touren sie durch den Wahlkreis und schauen, ob es dem Wahlvolk auch gut geht.

Einzig – wie gesagt, Ausnahmen bestätigen die Regel – der Vorschlag von Ex-Ministerpräsident Torsten Albig (SPD), die eigene Partei solle zur Bundestagswahl keinen Kanzlerkandidaten aufstellen, entpuppte sich als veritable Füllung des verwaisten Raums.

Saure-Gurken-Zeit

Auch beim Forschen nach der Geburtsstunde des Begriffs vermochten die befragten Landtagsabgeordneten nicht zu helfen. Sie erinnern sich, dass sie den Begriff seit den 80er Jahren kennen. Aber eine genau zeitliche Verortung? Fehlanzeige. Da bleibt denn nur ein weiterer Blick ins World Wide Web, der zunächst die Erkenntnis liefert, dass es eine Gemeinde namens Sommerloch gibt, wo gelegentlich vom Sommerloch geplagte Journalisten auftauchen sollen, und – immerhin – dass es in den 70er Jahren noch die Saure-Gurken-Zeit gab. Das Sommerloch war da offensichtlich noch nicht auf der Welt.

Zu den sauren Gurken weiß wiederum der Herr Pohl etwas zu sagen. Bei der Saure-Gurken-Zeit gehe es nicht, erklärt er in seiner Diplomarbeit, um saure Gurken, sondern um eine Zeit, in der die Geschäfte schlecht laufen.

Damit ist aber immer noch nicht geklärt, wann das Sommerloch erfunden wurde. An dieser Stelle könnte sich der geneigte Leser natürlich fragen, warum der Schreiber dieser Zeilen nicht den Weg ins Archiv sucht und in alten Zeitungen nach dem Erfindungsdatum des Begriffs fahndet? Die Antwort auf diese Frage sollte indes nicht weiter überraschen: Dafür ist das Sommerloch einfach nicht groß genug.