Kristina Herbst, Präsidentin des Schleswig-Holsteinischen Landtages, hat im August 2025 die Präsidentschaft der Ostseeparlamentarierkonferenz (BSPC) übernommen – in einer Zeit wachsender sicherheitspolitischer Spannungen und geopolitischer Umbrüche. Im Interview spricht sie über die Rolle regionaler Parlamente, den Ausbau europäischer Netzwerke und den Anspruch, Jugend ernsthaft in politische Prozesse einzubinden. Die BSPC-Jahreskonferenz in Lübeck soll im Sommer 2026 ein starkes Zeichen setzen: für Zusammenarbeit, Demokratie und gemeinsame Verantwortung im Ostseeraum.
Frau Präsidentin, warum braucht es heute, während es Krieg in Europa, multiple Krisen und geopolitische Spannungen gibt, eine starke Ostseeparlamentarierkonferenz?
Der Krieg in der Ukraine führt uns drastisch vor Augen, was auf dem Spiel steht. Die Ukraine verteidigt nicht nur ihre Souveränität, sondern auch zentrale Werte unserer Demokratien im Ostseeraum: Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und das Recht souveräner Staaten, ihren eigenen Weg zu wählen. Die Folgen des Krieges spüren wir direkt – sicherheitspolitisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich.
Hybride Bedrohungen nehmen zu: Schattenflotten, Angriffe auf kritische Infrastruktur – sie zielen darauf ab, unsere Region zu destabilisieren. Keine Nation kann diesen Gefahren allein begegnen.
Die Ostseeparlamentarierkonferenz (kurz: BSPC – Baltic Sea Parliamentary Conference) vereint nationale und regionale Parlamente des Ostseeraums. Sie schafft einen Raum, in dem Demokratien gemeinsam Verantwortung tragen, Positionen abstimmen und Orientierung geben. Gerade in Zeiten von Krieg und Unsicherheit ist diese Zusammenarbeit unverzichtbar. Sie zeigt: Der Ostseeraum steht zusammen – solidarisch mit der Ukraine, vereint für Sicherheit, Demokratie und Stabilität.
Der russische Angriffskrieg hat die politische Statik im Ostseeraum verschoben. Wie verändert das die Arbeit der BSPC?
Der russische Angriffskrieg hat die Zusammenarbeit im Ostseeraum grundlegend verändert. Davon ist auch die Arbeit der BSPC betroffen. Sicherheit hat heute ein neues, viel stärkeres Gewicht in den Debatten der BSPC-Gremien. Themen wie Umwelt, Klima, wirtschaftliche Kooperation oder Jugendbeteiligung bleiben wichtig. Doch wir diskutieren sie nun vor dem Hintergrund einer veränderten sicherheitspolitischen Lage.
Über Jahre folgte die Ostseekooperation, auch die parlamentarische, dem – aus damaliger Sicht – verständlichen Ziel, Russland einzubinden und über Dialog Brücken zu bauen. Mit dem Angriff auf die Ukraine endete dieser Ansatz. Rückblickend zeigt sich: Die Entwicklung zeichnete sich bereits mit der Annexion der Krim 2014 ab. Vielleicht haben wir zu lange gehofft, politische Brüche allein durch Kooperation überwinden zu können.
Heute hören wir in der BSPC genauer hin, insbesondere auf die Stimmen unserer Partner im Baltikum und im Norden, die früher und klarer vor den Gefahren gewarnt haben. Der Austausch ist intensiver geworden, die Fragen politischer. Sicherheitsaspekte prägen inzwischen fast jede Debatte zur Ostseezusammenarbeit.
Der Schleswig-Holsteinische Landtag ist seit Jahren auch auf europäischer Ebene aktiv. Welche Synergien entstehen daraus für die Arbeit der BSPC und die Ostseezusammenarbeit?
Die Europäische Union setzt viele der Rahmenbedingungen, die für den Ostseeraum entscheidend sind – bei maritimer Sicherheit, Umweltschutz, Energie, Infrastruktur oder der Weiterentwicklung der EU-Ostseestrategie. Hier spielt die Musik für die Zukunft unserer Region.
Deshalb ist das europapolitische Engagement des Schleswig-Holsteinischen Landtages so wichtig. Mit unserer langjährigen Präsenz in Brüssel und der Mitarbeit in Gremien wie dem Ausschuss der Regionen, bei der Konferenz der Europäischen Regionalen Gesetzgebenden Parlamente (CALRE) und im Austausch mit anderen Landes- und Regionalparlamenten haben wir ein starkes Netzwerk aufgebaut. Es hilft uns, die Anliegen der Ostseeanrainer früh in europäische Prozesse einzubringen – und umgekehrt europäische Impulse in die Arbeit der Ostseeparlamentarierkonferenz zurückzuspielen.
Daraus entstehen echte Synergien: Themen werden nicht doppelt, sondern abgestimmt behandelt. Die BSPC kann ihre Positionen in den europäischen Kontext einordnen – und gewinnt an Gewicht. Zugleich bemühen wir uns, dass europäische Politik die Erfahrungen und Interessen der Ostseeregion widerspiegelt.
Schleswig-Holstein hat die Präsidentschaft der BSPC übernommen. Warum ist das mehr als eine Formalie – und warum ist das auch für Schleswig-Holstein wichtig?
Mit der Präsidentschaft haben wir bewusst Verantwortung übernommen – politisch und organisatorisch. Mir war von Anfang an wichtig, dass auch regionale Parlamente zeigen: Die Zusammenarbeit im Ostseeraum ist ihnen ein zentrales Anliegen. Internationale Kooperation darf nicht nur national gedacht werden. Gerade die Regionen spüren politische, wirtschaftliche und sicherheitspolitische Entwicklungen unmittelbar.
Für Schleswig-Holstein ist diese Präsidentschaft besonders bedeutsam: Erstmals seit über 25 Jahren findet die Ostseeparlamentarierkonferenz wieder bei uns im Land statt – ein klares politisches Signal. Mit der Ansiedlung des Generalsekretariats beim Landtag haben wir in einer entscheidenden Phase zusätzliche Verantwortung übernommen. Unser Ziel: Stabilität sichern, Reformen begleiten und die BSPC dauerhaft stärken.
Schleswig-Holstein bringt Erfahrung, parlamentarische Kompetenz und belastbare Netzwerke ein und wird gehört. Das zeigte sich zuletzt, als das Standing Committee mit Abgeordneten aus allen demokratischen Parlamenten des Ostseeraums in Kiel tagte. Der Austausch zur Lage in der Ostsee und zur Zukunft der BSPC hat gezeigt, wie wichtig persönliche Begegnungen und gegenseitiges Vertrauen sind.
Das Leitmotiv Ihrer Präsidentschaft lautet „Youth.Set.Sail.“ Was braucht es, damit Jugendbeteiligung mehr wird als ein wohlklingendes Schlagwort?
Jugendliche dürfen nicht bloß Gegenstand parlamentarischer Arbeit sein. Es reicht auch nicht, junge Menschen einzuladen und ihnen wohlwollend zuzuhören. Wer Jugendbeteiligung ernst meint, muss junge Menschen wirklich einbinden: Wir müssen ihnen die Chance geben, Verantwortung zu übernehmen und ihre Meinung und ihre Kompetenzen in politische Entscheidungsprozesse einbringen zu können.
Dabei geht es um beides: Junge Menschen bringen Fähigkeiten und Sichtweisen mit, die in vielen Parlamenten teilweise fehlen. Sei es der Umgang mit digitalen Technologien, Künstlicher Intelligenz oder neuer politischer Kommunikation: Junge Menschen haben einen anderen Zugang zu Themen. Diesen sollten wir im Sinne aller Generationen nutzen. Gleichzeitig ist Beteiligung ein Lernprozess. Denn wer mitarbeitet, erfährt, wie parlamentarische Entscheidungen entstehen – dass Interessen abgewogen, Kompromisse geschlossen und Mehrheiten organisiert werden müssen.
Diesen beidseitigen Prozess wollen wir in der BSPC stärken. Wir werden junge Menschen nicht nur einladen – wir wollen mit ihnen arbeiten, auch an komplexen Inhalten. Wir binden sie in die Vorbereitung politischer Positionen ein, bis hin zur Formulierung von Teilen der Resolution. Das ist neu für die BSPC.
Wenn junge Menschen ihre Perspektiven einbringen und zugleich politische Prozesse verstehen, entsteht gemeinsame Verantwortung.
Im Sommer 2026 findet die BSPC-Jahreskonferenz in Lübeck statt. Was können wir von dieser Konferenz erwarten?
Wir sind mit Überzeugung und Stolz Gastgeber der BSPC-Jahreskonferenz 2026 in Lübeck. Schleswig-Holstein richtet die Konferenz aus – mit über 100 Abgeordneten aus dem gesamten Ostseeraum. Lübeck wird für mehrere Tage zum Zentrum parlamentarischer Debatten über die Zukunft unserer Region.
Die Jugendbeteiligung wird ein wichtiger Schwerpunkt sein, ebenso die sicherheitspolitischen Herausforderungen im Ostseeraum. Die Abgeordneten diskutieren in verschiedenen Formaten, tauschen Erfahrungen aus und entwickeln politische Positionen weiter. Am Ende steht eine gemeinsame Resolution, die Orientierung gibt und in den Mitgliedsparlamenten weiterbearbeitet wird.
Die Präsidentschaft Schleswig-Holsteins ist nicht zuletzt eine Gelegenheit zu zeigen, was Schleswig-Holstein für die Ostsee leistet – und wie parlamentarische Zusammenarbeit über regionale, nationale und europäische Ebenen hinweg funktioniert. Wir wollen Impulse setzen, die BSPC weiterentwickeln und zeigen: Die Parlamente im Ostseeraum sind handlungsfähig – und bereit, gemeinsam Verantwortung zu tragen.
Weitere Informationen:
Themenseite zur BSPC
Englische Online-Präsenz der BSPC