Vereinsamung, Cybermobbing, Gewaltvideos, Fake News, sexuelle Übergriffe: Soziale Netzwerke wie TikTok oder Instagram können die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen massiv gefährden. In der Politik haben sich zuletzt die Stimmen gemehrt, die ein gesetzliches Mindestalter für die Social-Media-Nutzung fordern. Anfang März wurde in einer ganztägigen Ausschussanhörung deutlich: Die Lage ist ernst, aber ein Verbot wäre juristisch kompliziert. Gefragt ist ein kompetenter Umgang mit den Angeboten. Der Sozialausschuss, der Bildungsausschuss, der Innen- und Rechtsausschuss sowie der Wirtschafts- und Digitalisierungsausschuss hatten insgesamt 34 Experten geladen.
Negative Auswirkungen bei Kindern und Jugendlichen seien bereits deutlich zu spüren, mahnte Gertraud Teuchert-Noodt, Neurowissenschaftlerin von der Uni Bielefeld: „Eine ganze Generation ist schon über die Klippe geflogen.“ Das Gehirn erleide bleibende Schäden, wenn es Informationen über das Smartphone im hohen Tempo verarbeiten müsse. Das Belohnungssystem werde aktiviert, Dopamin werde ausgeschüttet, und dieser Stoff fehle dann bei der Hirnentwicklung der Heranwachsenden. Die Folgen: Angst, Aggressivität, Konzentrationsschwächen, Mängel beim Langzeitgedächtnis und beim räumlichen Denken.
Digitaler Bildungskanon ab der Kita gefordert
Knapp ein Viertel der Zehn- bis 17-Jährigen in Deutschland weise eine „riskante Nutzung“ auf, so Kerstin Paschke, Kinder- und Jugendpsychiaterin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Das seien etwa 1,14 Millionen Betroffene. Bei 350.000 von ihnen sei die Nutzung sogar „pathologisch“. Von einer „intensiven, suchtartigen Nutzung“ sprach auch Prof. Silvia Schneider von der Ruhr-Universität Bochum. Drei Viertel der Jugendlichen seien bereits vor dem 13. Geburtstag auf Social Media aktiv, einige sogar vor dem fünften Lebensjahr. Sie forderte einen „digitalen Bildungskanon ab der Kita“. Sybilla Nitsch, SSW-Abgeordnete und Lehrerin, kennt die Situation an den Schulen: „Wenn WhatsApp dazukommt, so ab der 2. oder 3. Klasse, dann gehen die Probleme richtig los.“