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3. März 2026 – Ausschuss-Anhörung

Diskussion um Social-Media-Nutzung

Bei einer ganztägigen Veranstaltung im Landtag haben Fachleute, Abgeordnete und Jugendliche über negative Folgen intensiver Social-Media-Nutzung diskutiert. Mehr Medienkompetenz und ein gesetzliches Mindestalter sind zwei der Lösungsansätze.

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Die Meinungen der Jugendlichen in Sachen Social-Media-Verbot sind geteilt.
© Foto: Landtag, Sönke Ehlers

Vereinsamung, Cybermobbing, Gewaltvideos, Fake News, sexuelle Übergriffe: Soziale Netzwerke wie TikTok oder Instagram können die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen massiv gefährden. In der Politik haben sich zuletzt die Stimmen gemehrt, die ein gesetzliches Mindestalter für die Social-Media-Nutzung fordern. Anfang März wurde in einer ganztägigen Ausschussanhörung deutlich: Die Lage ist ernst, aber ein Verbot wäre juristisch kompliziert. Gefragt ist ein kompetenter Umgang mit den Angeboten. Der Sozialausschuss, der Bildungsausschuss, der Innen- und Rechtsausschuss sowie der Wirtschafts- und Digitalisierungsausschuss hatten insgesamt 34 Experten geladen. 

Negative Auswirkungen bei Kindern und Jugendlichen seien bereits deutlich zu spüren, mahnte Gertraud Teuchert-Noodt, Neurowissenschaftlerin von der Uni Bielefeld: „Eine ganze Generation ist schon über die Klippe geflogen.“ Das Gehirn erleide bleibende Schäden, wenn es Informationen über das Smartphone im hohen Tempo verarbeiten müsse. Das Belohnungssystem werde aktiviert, Dopamin werde ausgeschüttet, und dieser Stoff fehle dann bei der Hirnentwicklung der Heranwachsenden. Die Folgen: Angst, Aggressivität, Konzentrationsschwächen, Mängel beim Langzeitgedächtnis und beim räumlichen Denken.

Digitaler Bildungskanon ab der Kita gefordert

Knapp ein Viertel der Zehn- bis 17-Jährigen in Deutschland weise eine „riskante Nutzung“ auf, so Kerstin Paschke, Kinder- und Jugendpsychiaterin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Das seien etwa 1,14 Millionen Betroffene. Bei 350.000 von ihnen sei die Nutzung sogar „pathologisch“. Von einer „intensiven, suchtartigen Nutzung“ sprach auch Prof. Silvia Schneider von der Ruhr-Universität Bochum. Drei Viertel der Jugendlichen seien bereits vor dem 13. Geburtstag auf Social Media aktiv, einige sogar vor dem fünften Lebensjahr. Sie forderte einen „digitalen Bildungskanon ab der Kita“. Sybilla Nitsch, SSW-Abgeordnete und Lehrerin, kennt die Situation an den Schulen: „Wenn WhatsApp dazukommt, so ab der 2. oder 3. Klasse, dann gehen die Probleme richtig los.“

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Kianusch Stender (SPD): „Wir haben den Zugang zu sozialen Medien zu lange jedem selbst überlassen.“
Foto: Landtag, Sönke Ehlers

„Wir müssen auch über eine Altersgrenze diskutieren“, forderte Jan Kürschner (Grüne), „alles andere wäre eine unverantwortliche Fortsetzung des Live-Experiments an jungen Generationen.“ Kianusch Stender (SPD) stellte fest: „Wir haben den Zugang zu sozialen Medien zu lange jedem selbst überlassen.“ Aber welche Chancen hätte ein Verbot? Stephan Dreyer vom Hans-Bredow-Institut für Medienforschung in Hamburg sah den Spielraum von Land und Bund begrenzt. Entscheidend sei der Digital Services Act der Europäischen Union – dort müsse eine Regulierung eingebaut werden. Zudem würde ein deutsches Gesetz wenig bringen, wenn der Netzwerk-Betreiber in Irland sitze: „Da gilt irisches Recht.“ Auch Michael Terhörst, Leiter der Stelle zur Durchsetzung von Kinderrechten in digitalen Diensten (KidD), pochte auf einheitliche Standards in der EU und warnte vor einem „Flickenteppich“. Denn: „Das Internet endet nicht an der Grenze.“   

Pender: Messengerdienste wichtig für Alltagsabläufe

Demgegenüber sah Eva-Maria Sommer, Direktorin der Medienanstalt Hamburg/Schleswig-Holstein (MA HSH), Einflussmöglichkeiten auch auf regionaler Ebene. Ihre Institution habe bereits „gegenüber großen, globalen Anbietern Produktänderungen durchgesetzt“. Sie rief die Anbieter auf, ihre Inhalte altersgerecht zu klassifizieren und eine „eingeschränkte Funktionalität“ für jüngere Teilnehmer bereitzuhalten. Henning Fietze vom Offenen Kanal appellierte an das Land, ein Alternativangebot auf den Weg zu bringen: „eine eigene Schleswig-Holstein-Jugendplattform“.     
     
Patrick Pender (CDU) warnte vor pauschalen Urteilen über die Digitalangebote. So seien Messengerdienste wichtig für Alltagsabläufe wie: „Soll ich dich von der Schule abholen?“ Das Nutzungsverhalten bei Jugendlichen sei sehr unterschiedlich, erklärte Kira Thiel vom Hans-Bredow-Institut. Einige posteten täglich ihre Beiträge, andere verhielten sich passiv. Und: Jeder Nutzer bekomme ein individuelles Programm auf das Handy gespielt. 
Eine entscheidende Rolle spielten die Eltern, betonte Dagmar Hildebrand (CDU): „Aber in der heutigen Zeit ist es für sie schwierig, ihre Wächterfunktion wahrzunehmen.“ Hilfreich wären daher „klare Altersangaben wie im Kino“.

Jugend geteilter Meinung

Und was sagen die Jugendlichen? In der Anhörung waren die Meinungen geteilt. Eschel Johann Ewert von der Landesschülervertretung (LSV) der Gymnasien forderte einen vorsichtigen Einstieg mit 14 Jahren, zunächst mit risikoarmen Messengerdiensten. Ab 16 solle dann der volle Zugang zu den sozialen Netzwerken folgen, begleitet von intensiver Medienbildung. Diesen Punkt unterstrich Joyce Peters von der LSV der Gemeinschaftsschulen: Medienkompetenz sei eine „Kulturtechnik wie Lesen und Schreiben“. Eine „gezielte Bildungsoffensive“ sei  nötig, um die Funktionsweise von Plattformen kritisch hinterfragen können. Ein Verbot „geht an der Lebenswirklichkeit vorbei“, merkte dagegen Magnus Erdmann von der LSV der Berufsschulen an. Die Politik dürfe „keine grundsätzlichen Teilhabemöglichkeiten einschränken“, sondern müsse den Umgang mit Medien zum „zentralen Bildungsinhalt an der Schule“ machen.