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19. März 2026 – Plenum

Studie arbeitet Geschichte der Sinti und Roma auf

Historische Unterlagen zu Entschädigungen verdeutlichen das Unrecht, welches Sinti und Roma während der NS-Zeit erfahren haben. Eine aktuelle Studie liefert hierzu neue Erkenntnisse.

Birte Pauls (SPD)
Forderte, dass die Studie zur politischen Bildung verwendet werden soll: Birte Pauls (SPD).
© Foto: Landtag, Sönke Ehlers

Im Januar 2022 hatte der Landtag ein Forschungsprojekt über die Verfolgung der Sinti und Roma im Nationalsozialismus in Auftrag gegeben. Die Geschichte der Minderheit sollte weiter aufgearbeitet werden. Diese Studie der Europa-Universität Flensburg, die jetzt im Plenum vorgestellt wurde, zeigt, dass ein Großteil der schleswig-holsteinischen Sinti und Roma verschleppt oder ermordet wurde. Eine weitere Erkenntnis der Studie ist, dass viele der Überlebenden nach Kriegsende erfolgreich Anträge auf Entschädigung gestellt haben, wobei die Verfahren mehrere Jahre dauerten und den Opfern oft nur geringe Summen zugesprochen wurden. Vertreter aller Fraktionen bedankten sich bei den Forschern und dem Team, das am Entstehen mitgewirkt hat.

Birte Pauls (SPD) forderte, dass die Studie nicht nur eine Drucksache bleiben und zur politischen Bildung – etwa an Schulen – verwendet werden solle. „Wissensvermittlung ist extrem wichtig und im Rahmen der Demokratiebildung unerlässlich.“ Pauls betonte, dass es angesichts der steigenden Zahlen an antiziganistischen Vorfällen eine „politische Verpflichtung“ sei, sich weiter intensiv mit der Lage der Sinti und Roma zu beschäftigen.

Diskriminierung auch nach Kriegsende

 

Uta Wentzel (CDU)
Uta Wentzel (CDU): „Negative Erfahrungen mit Ämtern und Behörden zeigen sich in vielen Familien.“
© Foto: Landtag, Sönke Ehlers

Die CDU-Abgeordnete Uta Wentzel hob hervor, dass es in jeder Sinti- und Roma-Familie Todesopfer gegeben und polizeiliche Diskriminierung auch nach Kriegsende stattgefunden habe. „Vielfache negative Erfahrungen mit Ämtern und Behörden zeigen sich in vielen Familien“, so Wentzel.

 

Dirk Kock-Rohwer (Grüne)
Dirk Kock-Rohwer (Grüne): „Das Leid endete nicht nach dem Krieg.“
© Foto: Landtag, Sönke Ehlers

Dirk Kock-Rohwer (Grüne) erklärte: „Das Leid endete nicht nach dem Krieg.“ Viele der Opfer hätten ein doppeltes Unrecht erlebt und seien menschenunwürdig behandelt worden. Kock-Rohwer betonte außerdem, dass Vorurteile fortbestehen würden und die Diskriminierung nicht im Jahre 1945 endete.

Gräueltaten vor Ort vorbereitet

 

Anne Riecke (FDP)
„Die Gräueltaten gegen Sinti und Roma wurden vor Ort vorbereitet und von staatlichen Stellen umgesetzt“, sagte Anne Riecke (FDP).
© Foto: Landtag, Sönke Ehlers

„Die Gräueltaten gegen Sinti und Roma wurden vor Ort vorbereitet und von staatlichen Stellen umgesetzt“, sagte Anne Riecke (FDP). Die Abgeordnete lobte die Studie für die systematische Rekonstruktion der Täterrollen in der Polizeistruktur. Darauf aufbauend forderte Riecke eine Fortsetzung der Forschungen, um die Rolle kommunaler Verwaltungen und kirchlicher Akteure aufzuklären.

 

Jette Waldinger-Thiering (SSW)
Jette Waldinger-Thiering (SSW): Sinti und Roma sind ein Teil unserer Gesellschaft.
© Foto: Landtag, Sönke Ehlers

Jette Waldinger-Thiering (SSW) betonte, dass die „Minderheit der Sinti und Roma nicht in erster Linie historischer Forschungsgegenstand ist, sondern dass die Menschen heute ein Teil unserer Gesellschaft sind“. Waldinger-Thiering forderte eine Ausweitung der Bildungsberater um die Chancengleichheit bei der Bildung zu verbessern.

Land Vorreiter im Minderheitenschutz

 

Digitalminister Dirk Schrödter (CDU)
Minister Dirk Schrödter (CDU): „Studie setzt einen bundesweiten Standard in der Aufarbeitung der Minderheitengeschichte.“
© Foto: Landtag, Sönke Ehlers

Minister Dirk Schrödter (CDU) lobte die Studie: „Sie setzt einen bundesweiten Standard in der Aufarbeitung der Minderheitengeschichte.“ Die Studie benenne Täter aus den Reihen der Polizei in Kiel und Lübeck, so Schrödter. Diese bittere Erkenntnis lege einen Schatten auf die Anfangsjahre der Demokratie im Land. Der Minister betonte, dass Schleswig-Holstein inzwischen Vorreiter im Minderheitenschutz sei und alle nationalen Minderheiten fördere.

Ein großer Teil der schleswig-holsteinischen Sinti und Roma wurde im Zweiten Weltkrieg verschleppt und ermordet. Die Überlebenden hatten nach dem Krieg mit den Behörden um Entschädigung zu kämpfen. Und auch heute noch leidet die Minderheit unter Ausgrenzung und Vorurteilen. Das sind die Kernaussagen der Studie zur „Aufarbeitung der Geschichte der deutschen Sinti und Roma in Schleswig-Holstein“, die die Forschungsstelle für regionale Zeitgeschichte und Public History der Europa-Universität Flensburg Mitte Januar vorgestellt hat. Der Landtag hatte die historische Aufarbeitung 2022 in Auftrag gegeben. Nun würdigen alle Fraktionen in einem gemeinsamen Antrag das Forschungswerk und kündigen an, „sich mit den Ergebnissen sowie den daraus abgeleiteten wissenschaftlichen Handlungsbedarfen weiter zu befassen“.

„Von etwa 500 Sinti und Roma, die im Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein lebten, wurden mehr als die Hälfte im Mai 1940 ins besetzte Polen deportiert, wo etwa ein Drittel bis die Hälfte der Verschleppten umkamen“, so Studienleiter Prof. Marc Buggeln bei der Vorstellung der Ergebnisse. „Für die Nachkriegszeit können wir zeigen, dass Sinti und Roma öfter und erfolgreicher Anträge auf Entschädigung und Rückerstattung stellten, als bislang angenommen“, sagte der Historiker. „Doch auch wenn 81 Prozent aller Antragsteller zumindest einen Teilanspruch geltend machen konnten, so mussten sie dafür oft lange kämpfen und erhielten häufig nur geringe Summen zugesprochen.“ Eine Medienanalyse schleswig-holsteinischer Tageszeitungen und Interviews mit Angehörigen der Minderheit offenbarten zudem den „fortwirkenden Rassismus“. Seit der Bürgerrechtsbewegung der 1970er-Jahre stellten sich die Sinti und Roma ihrer Diskriminierung aber immer selbstbewusster entgegen. Buggeln betonte, dass das neue Forschungswerk den bisherigen Wissensstand grundlegend erweitere.

Beirat begleitete Forschungssprojekt

Das Forschungsprojekt wurde von einem Beirat unter Leitung der Abgeordneten Birte Pauls (SPD) begleitet. Die von den Historikern geführten Interviews zeigten eindringlich, „wie der an den Sinti und Roma begangene Genozid durch die Nationalsozialisten bis heute in den Familien präsent ist und ihr Leben prägt“, sagte Pauls. Neben der Beiratsvorsitzenden gehörten dem Gremium die Landtagsabgeordneten Uta Wentzel (CDU), Eka von Kalben (Grüne), Heiner Garg (FDP) und Jette Waldinger-Thiering (SSW) sowie Vertreter des Landesverbandes deutscher Sinti und Roma und der Sinti Union Schleswig-Holstein an. Landtagspräsidentin Kristina Herbst würdigte die Studie: Die Forschungsergebnisse seien eine wichtige Grundlage, „um uns noch intensiver mit der Geschichte der Sinti und Roma in Schleswig-Holstein zu befassen. Und um ihre Geschichte als Teil Schleswig-Holsteins noch besser zu begreifen und sie – vor allem anhand der geschilderten Lebenswege – auch besser zu vermitteln“.

Top 12:

Antrag der Fraktionen von SPD, CDU, Bündnis 90/Die Grünen, FDP und SSW

– Drucksache 20/4095