Ein großer Teil der schleswig-holsteinischen Sinti und Roma wurde im Zweiten Weltkrieg verschleppt und ermordet. Die Überlebenden hatten nach dem Krieg mit den Behörden um Entschädigung zu kämpfen. Und auch heute noch leidet die Minderheit unter Ausgrenzung und Vorurteilen. Das sind die Kernaussagen der Studie zur „Aufarbeitung der Geschichte der deutschen Sinti und Roma in Schleswig-Holstein“, die die Forschungsstelle für regionale Zeitgeschichte und Public History der Europa-Universität Flensburg Mitte Januar vorgestellt hat. Der Landtag hatte die historische Aufarbeitung 2022 in Auftrag gegeben. Nun würdigen alle Fraktionen in einem gemeinsamen Antrag das Forschungswerk und kündigen an, „sich mit den Ergebnissen sowie den daraus abgeleiteten wissenschaftlichen Handlungsbedarfen weiter zu befassen“.
„Von etwa 500 Sinti und Roma, die im Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein lebten, wurden mehr als die Hälfte im Mai 1940 ins besetzte Polen deportiert, wo etwa ein Drittel bis die Hälfte der Verschleppten umkamen“, so Studienleiter Prof. Marc Buggeln bei der Vorstellung der Ergebnisse. „Für die Nachkriegszeit können wir zeigen, dass Sinti und Roma öfter und erfolgreicher Anträge auf Entschädigung und Rückerstattung stellten, als bislang angenommen“, sagte der Historiker. „Doch auch wenn 81 Prozent aller Antragsteller zumindest einen Teilanspruch geltend machen konnten, so mussten sie dafür oft lange kämpfen und erhielten häufig nur geringe Summen zugesprochen.“ Eine Medienanalyse schleswig-holsteinischer Tageszeitungen und Interviews mit Angehörigen der Minderheit offenbarten zudem den „fortwirkenden Rassismus“. Seit der Bürgerrechtsbewegung der 1970er-Jahre stellten sich die Sinti und Roma ihrer Diskriminierung aber immer selbstbewusster entgegen. Buggeln betonte, dass das neue Forschungswerk den bisherigen Wissensstand grundlegend erweitere.
Beirat begleitete Forschungssprojekt
Das Forschungsprojekt wurde von einem Beirat unter Leitung der Abgeordneten Birte Pauls (SPD) begleitet. Die von den Historikern geführten Interviews zeigten eindringlich, „wie der an den Sinti und Roma begangene Genozid durch die Nationalsozialisten bis heute in den Familien präsent ist und ihr Leben prägt“, sagte Pauls. Neben der Beiratsvorsitzenden gehörten dem Gremium die Landtagsabgeordneten Uta Wentzel (CDU), Eka von Kalben (Grüne), Heiner Garg (FDP) und Jette Waldinger-Thiering (SSW) sowie Vertreter des Landesverbandes deutscher Sinti und Roma und der Sinti Union Schleswig-Holstein an. Landtagspräsidentin Kristina Herbst würdigte die Studie: Die Forschungsergebnisse seien eine wichtige Grundlage, „um uns noch intensiver mit der Geschichte der Sinti und Roma in Schleswig-Holstein zu befassen. Und um ihre Geschichte als Teil Schleswig-Holsteins noch besser zu begreifen und sie – vor allem anhand der geschilderten Lebenswege – auch besser zu vermitteln“.