Diese Webseite verwendet ausschließlich für die Funktionen der Website zwingend erforderliche Cookies.

Datenschutzerklärung

20. August 2026 – Umwelt- und Agrarausschuss

Qualzucht: Tiere als Statussymbol – und mit dauerhaften Schmerzen

Qualzucht kann bei Haustieren zu gesundheitlichen Problemen und Schmerzen führen. In einer Anhörung des Umwelt- und Agrarausschusses haben Abgeordnete und Fachleute über strengere Regeln für Zucht und Handel sowie mehr Aufklärung beraten.

Ein Mops in einem Planschbecken
Haben häufig Probleme beim Atmen: Möpse
© Foto: Christoph Soeder/dpa

Durch gezielte Zucht kann ein Haustier ein außergewöhnliches Aussehen erhalten und als exklusives Statussymbol dienen. Doch was einige Tierhalter niedlich finden, wird für die Vierbeiner oft zur Tortur. Denn manche Möpse haben inzwischen so kleine Nasen, dass ihnen das Atmen schwerfällt. Eine zu lange Wirbelsäule verursacht vielen Dackeln permanente Schmerzen. Dalmatiner haben teils so deformierte Augenlider, dass Entzündungen und Erblindung drohen. Auch Katzen, Kaninchen und weitere Arten sind betroffen. Bundesgesetzgeber und Verwaltung sollen deswegen schärfer gegen „Qualzucht“ vorgehen. Das forderten Mitte August Abgeordnete, Tiermediziner und Verbandsvertreter im Umwelt- und Agrarausschuss. Noch wichtiger als schärfere Vorgaben sei allerdings ein Bewusstseinswandel bei Tierliebhabern – auch darüber herrschte breite Einigkeit.

„Leider besteht in der breiten Bevölkerung immer noch ein Wissensdefizit und eine große Ignoranz“, klagte die Tierärztin Stefanie Schmidtke. Sie sei täglich mit dem Problem konfrontiert, „gequälte Kreaturen behandeln zu müssen“, so die Vertreterin des Bundesverbands der praktizierenden Tierärzte. Christoph-Michael Hänel von der Tierärztekammer beschrieb leidende „Designer-Dogs“. Dazu zählten etwa der „Frops“, eine Mischung aus französischer Bulldogge und Mops, oder der „Doodle“, eine Kreuzung aus Golden Retriever und Pudel. „Die Leute kaufen diese Hunde, weil sie scharf aussehen“, so Hänel. Für die Besitzer seien die Tiere etwas ähnliches wie eine Luxusuhr von Rolex. „Die Tiere müssen heutzutage den Bedürfnissen des Menschen angepasst sein“, hat die Grünen-Abgeordnete Ulrike Täck festgestellt: „Das ist die gesellschaftliche Realität.“

Nicht nur Hunde von Qualzucht betroffen

„Wir werden überschwemmt von im Ausland produzierten Tieren unbekannter Herkunft“,merkte Ellen Kloth, Landesvorsitzende des Tierschutzbundes, an. Neben Hunden seien auch Katzen betroffen, die ohne Fell zur Welt kommen, oder auch Reptilien ohne Schuppen oder Goldfische ohne Rückenflossen. Ein wesentlicher Grund für den steigenden Bedarf seien Trends in den sozialen Medien. Die SPD-Abgeordnete Sandra Redmann prangerte „mafiöse Strukturen“ im Tierhandel an, wo mit Preisen von mehreren tausend Euro für einen Welpen ein großer Gewinn locke.

Die Experten legten eine Reihe von Gegenmaßnahmen vor, etwa eine erhöhte Hundesteuer und eine Informationskampagne. Tierausstellungen, wo Welpen verkauft werden, müssten den Behörden verpflichtend gemeldet werden. Es müsse eine Liste mit sichtbaren Merkmalen geben, die nicht gezielt hochgezüchtet werden dürfen. Auch ein Verbot der Präsentation von Qualzuchttieren in den sozialen Medien sei denkbar, ebenso wie Zuchtverbote für bestimmte Rassen. Ein Züchterregister mit einer Züchternummer könne die Herkunft der Tiere transparent machen. Auch ein Importverbot für bestimmte Tiere und eine „Qualzuchtkommission“, die regelmäßig entsprechende Merkmale festsetzt, standen auf der Vorschlagsliste. Der SSW-Abgeordnete Michael Schunck schlug vor,„Rassemerkmale, die auf einem Gendefekt basieren“, zu verbieten.

CDU und Grüne plädieren für Bundesratsinitiative

Im Grundsatz ist die Rechtslage klar: Paragraf 11b des Tierschutzgesetzes verbietet die Zucht von Wirbeltieren, wenn absehbar ist, dass die Nachkommen erblich bedingt leiden – also wenn Verhaltensstörungen auftreten, der Kontakt mit Artgenossen erschwert wird oder wenn die Tiere Schmerzen haben. Die konkrete Umsetzung ist jedoch schwierig. Die FDP, die die Anhörung angestoßen hatte, macht sich deswegen dafür stark, „ein bundesweit einheitliches Ausstellungs-, Verkaufs- und Zuchtverbot für Tiere mit Qualzuchtmerkmalen zu verankern“. Züchter sollen verbindliche Kriterien an die Hand bekommen, und die Behörden sollen das nachprüfen und gegebenenfalls sanktionieren können. „Ich kann die Merkmale erst sehen, wenn das Tier schon auf der Welt ist“, betonte die Abgeordnete Anne Riecke: „also wenn es eigentlich schon zu spät ist“. Deswegen müssten die Behörden frühzeitig eingreifen können.

CDU und Grüne plädieren für eine „Bundesratsinitiative für einen besseren Schutz von Haustieren mit Qualzuchtmerkmalen“. Die Christdemokratin Rixa Kleinschmit griff den Vorschlag auf, die Darstellung von Tieren mit Qualzuchtmerkmalen im Fernsehen oder im Internet zu begrenzen. Dies sei jedoch kaum zu realisieren, denn die sozialen Medien würden weltweit mit Inhalten gefüllt. Diana Plange, Tierärztin und Vertreterin des Qualzucht-Evidenz-Netzwerks“ (QUEN) verwies auf das Beispiel Österreich. Dort gebe es bereits ein Verbot der Darstellung von Qualzuchten in den Medien. Sönke Siebke (CDU) wies auf das Problem hin, einen Überblick über die Anzahl der Hunde in einer Gemeinde zu bekommen. Als Bürgermeister eines kleinen Dorfes habe er dies einmal versucht – und sei an der Verwaltung gescheitert: „Der Datenschutz bietet nicht mal ansatzweise die Möglichkeit, diese Dinge zu erfassen.“

Geteilte Meinungen bei Nutztieren

Auch Nutztiere im bäuerlichen Stall waren Thema. Georg Thaller, Professor für Tierzucht und Haustiergenetik an der Uni Kiel, sah in diesem Bereich weniger Probleme: „Zucht auf Ästhetik“ finde in der Landwirtschaft nicht statt, zudem gebe es dort „Monitoringsysteme“ und Maßnahmen gegen Inzucht. Demgegenüber sah Sophie-Madlin Langner von der Tierschutzorganisation PROVIEH erheblichen Nachbesserungsbedarf. Qualzucht in der Landwirtschaft führe zu Milchkühen mit Euterentzündungen, Legehennen mit Osteoporose sowie Mastschweinen und Masthühnern mit Erkrankungen des Bewegungsapparates und des Herzens. Sie forderte „Gesundheitsparameter“: Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Tier müsse heruntergefahren werden.