An einer heruntergekurbelten Bahnschranke, irgendwo an der schleswig-holsteinischen Westküste und irgendwann im Jahr 1977, ging es los. Der damalige Landwirtschaftsminister Günter Flessner (CDU) war mit seinen Mitarbeitern auf dem Rückweg von einem Termin am Wattenmeer und musste am Schlagbaum warten. Man könne ebenso gut im nahegelegenen Gasthof einen Pharisäer trinken, befand der Minister. Bei Kaffee mit Rum und Sahne landete dort ein neuartiges Vorhaben auf dem Tisch. „Da saßen wir also“, erinnert sich Flessners persönlicher Referent Peter-Uwe Conrad: „Und zusammen mit einem anderen Abteilungsleiter packte ich die Gelegenheit beim Schopfe und trug dem Minister unser Anliegen vor.“ Die Landwirtschaft, so die beiden Ministerialbeamten, bekomme jedes Jahr Millionen D-Mark an Zuschüssen, die Wasserwirtschaft auch. Nur der Naturschutz gehe leer aus. Das müsse sich ändern.
Der Minister, so berichtet Conrad, habe sich bereits am folgenden Tag ans Telefon gesetzt, um den Plan aus dem Gasthaus in die Tat umzusetzen. Konkret entstand die Idee, über mehrere Jahre verteilt insgesamt fünf Millionen Mark aus den Lotto- und Toto-Überschüssen in eine Stiftung zu stecken. Weiteres Geld sollte durch Spenden dazukommen. Die Stiftung legt das Geld an, und aus den Erträgen werden ökologisch wertvolle Flächen aufgekauft. Ehemals landwirtschaftlich genutzten Böden werden so zu Rückzugsräumen für Seeschwalbe, Blaukehlchen oder Lungenenzian.
Die Idee: Nicht nur bewahren, sondern zurückverwandeln
Minister Flessner warb am 20. September 1977 im Landtag für sein Anliegen. Man wolle mit der Stiftung „aus einem allgemeinen passiven Schutzdenken in die Phase des aktiven Handelns“ übergehen. Bei den damals 81 Naturschutzgebieten stehe die reine Bewahrung der Natur im Zentrum. Nun wage man einen neuen Ansatz: Insbesondere „Feuchtgebiete, Weiler, kleine Moore und nasse Wiesen“ sollten in Lebensräume für bedrohte Tiere und Pflanzen zurückverwandelt werden.
Im Parlament stieß das Vorhaben auf ein positives Echo. Das Thema Umweltschutz rückte in den 70er Jahren zunehmend in den Mittelpunkt der politischen Debatte. In Bonn hatte die sozialliberale Koalition zum Jahresbeginn 1977 das erste Bundesnaturschutzgesetz beschlossen. Die Stiftungsinitiative sei „von allerhöchster Aktualität“, merkte der CDU-Abgeordnete Fritz Latendorf an: „Gerade jüngste publizistische Darlegungen haben das noch einmal unterstrichen.“ In den Bestsellerlisten standen zu jener Zeit Bücher wie „Ein Planet wird geplündert“ von dem damaligen CDU-Bundestagsabgeordneten Herbert Gruhl oder der Aufsatzband „Rettet die Vögel - wir brauchen sie“ auf den vorderen Plätzen. Hans Wiesen (SPD) blickte auf die zahlreichen Bürgerinitiativen, die für einen behutsamen Umgang mit der Natur eintraten. Die Öko-Bewegung sei „eine erfreuliche und neu gegebene Chance“, so Wiesen. Jens Ruge (FDP) war ebenfalls mit im Boot, warnte aber davor, „wahllos“ frei werdende Flächen anzuschaffen: „Wir dürfen nicht mal hier und mal dort etwas aufkaufen, wo es sich gerade anbietet.
Stiftung zweitgrößte Landeigentümer in Schleswig-Holstein
Im Dezember 1977 rief der Landtag schließlich einstimmig die „Stiftung Naturschutz“ offiziell ins Leben. Schleswig-Holstein wurde das erste Bundesland mit einer solchen Einrichtung. Am 1. August 1978 wurden die ursprünglich zwei Mitarbeiter erstmals aktiv und erwarben 1,4 Hektar im Delver Koog an der Eider im Norden Dithmarschens. Inzwischen ist das Stiftungsland bei Delve auf 223 Hektar angewachsen, und der Stiftung Naturschutz gehören insgesamt 300 Projekte zwischen Elbe und Flensburger Förde mit 35.000 Hektar Land. Die Zahl der Mitarbeiter ist auf 70 angewachsen, und die Stiftung ist der zweitgrößte Landeigentümer in Schleswig-Holstein, nach den Landesforsten. Ein stattliches Ergebnis für eine Idee, die mit ein paar Bechern Pharisäer im Gasthof begann.
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