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Nicht nachlassen im Kampf gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Intoleranz (Landtagspräsident Arens zur Eröffnung der 17. Kinder- und Jugendbuchwochen)
D E R L A N D T A G SCHLESWIG - HOLSTEIN 145/2000 Kiel, 13. November 2000 Sperrfrist: Redebeginn Es gilt das gesprochene WortNicht nachlassen im Kampf gegen Rechtsextremismus, Gewalt und IntoleranzKiel (SHL) – In seiner Rede zur Eröffnung der 17. Kinder- und Jugend- buchwochen in Schleswig-Holstein „Anders oder artig – Ich bin Ich“ in der Stadtbücherei in der Eckernförder Stadthalle Am Exer sagte Landtagspräsident Heinz-Werner Arens u. a.:Als ich die Einladung für die heutige Eröffnung der Kinder- und Jugend- buchwochen erhielt, da war ich schon etwas nervös. Ich wusste, dass ei- ne Rede von mir erwartet wird. Und ich fürchtete ein ganz bestimmtes Thema: Harry Potter. Denn damit hätten Sie mich wirklich in Bedrängnis gebracht. Ich habe zwar viel über die Pottermania in Deutschland gele- sen. Ich weiß aber nicht allzu viel über den zauberhaften Jungen mit Brille und Strubbel-Haar. Sie können sich also vorstellen, wie erleichtert ich war, als ich in der Einladung das Motto der diesjährigen Kinder- und Jugendbuchwochen las. Kein kleiner Harry. Keine Zauberschule Hogwarts. Stattdessen: „Anders oder artig – Ich bin Ich!“ Nach dem ersten Aufatmen kam ich ins Grübeln. Das Motto, es brachte mich zum Nachdenken – und es hat mich überzeugt.Bei aller Zurückhaltung möchte ich deshalb der Büchereizentrale, der Stadtbücherei Eckernförde und den beteiligten Lehrern und Schülern heute ein ganz dickes Kompliment machen. Das Motto ist kreativ. Es ist herrlich hintersinnig. Und es vieldeutig. Ich glaube, Erwachsene übersetzen es anders als Jugendliche. Großeltern anders als Eltern oder Kinder. Jeder Mensch macht sich einen anderen Reim darauf, weil er eben er oder sie eben sie ist. 2In den nächsten Minuten möchte ich Ihnen einige meiner Gedanken zu diesem Motto vorstellen. „Anders oder artig – Ich bin Ich!“ – diese Mah- nung ist aus meiner Sicht aktuell. Sehr aktuell. Leider. Wer morgens die Zeitung aufschlägt, der findet fast jeden Tag Berichte darüber, wie Men- schen, die anders sind, in Deutschland ausgegrenzt, schikaniert und be- droht werden. Einen anderen Pass zu haben als die Mehrheit, anders auszusehen, etwas anderes zu glauben oder auch nur für eine andere Meinung einzutreten – das kann in Deutschland heute lebensgefährlich sein. Ein größeres Armutszeugnis kann sich eine Gesellschaft kaum ausstellen.Daran musste ich denken, als ich dieses Motto las. Für mich ist es ein fast trotzige und zugleich schöne Zusammenfassung einiger Kerngedan- ken unserer Demokratie. Ich verweise hier nur auf Artikel 1 unseres Grundgesetzes. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, steht dort geschrieben. Und: „Das Deutsche Volk bekennt sich zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschli- chen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.“Kurzum: Das Grundgesetz steht derzeit nicht auf der Bestsellerliste der Gesellschaft. Deswegen finde ich das Motto dieser Buchwochen so wichtig. Weil es mich persönlich daran erinnert, dass jeder Mensch ein unverwechselbarer Mensch ist. Weil es mich dazu ermutigt, weiterhin für eine offene und tolerante Gesellschaft einzutreten. Und weil es mich darin bestärkt, im Kampf gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Intoleranz nicht nachzulassen.Wie gesagt – so übersetze ich das Motto. Als Erwachsener. Wer Kinder oder Enkelkinder hat, der weiß aber auch, dass Intoleranz nicht nur in der Welt der Großen vorkommt. Meist unbewusst und für uns manchmal grausam direkt werden Spiel- oder Klassenkameraden ausgegrenzt. Weil sie keine Markenhose mit Schlag tragen oder die neueste CD nicht kennen. Ich will das jetzt nicht vertiefen. Zumal für mich eines feststeht: Deutschland wäre ein schöneres Land, wenn wir Erwachsenen nur ein bisschen der Toleranz leben würden, die wir unseren Kindern täglich predigen.„Anders oder artig - Ich bin Ich“. In dem Motto der Buchwochen steckt aus meiner Sicht noch weit mehr. Ich möchte Ihnen nur einen weiteren Ge- danken schildern, der mir beim Grübeln in den Sinn kam. Meine Jugend- zeit in Dithmarschen liegt zwar schon einige Jahrzehnte zurück. Aber ich kann mich gut daran erinnern, wie schwer es war, erwachsen zu werden. Und vor allem daran, wie schwer es einem gemacht wurde. 3Dieses Spannungsfeld ist über die Jahrhunderte immer wieder spitz be- schrieben worden. Die Suche der Kinder und Jugendlichen nach ihrem eigenen Ich. Die quälenden Fragen nach innen und die klaren und radi- kalen Antworten nach außen. Der Traum, in eine andere Haut zu schlüp- fen und die Welt der Erwachsenen auf den Kopf zu stellen. Der Wunsch, anerkannt, geliebt und vor allem ernst genommen zu werden. Aus meiner Sicht hat jedes Kind und jeder Jugendliche darauf einen Anspruch, den er selbstbewusst einfordern darf. Getreu des Mottos „Ich bin Ich“.Wir Erwachsenen müssen diesen Anspruch erfüllen. Das gilt natürlich doppelt für diejenigen, die Bücher für Kinder und Jugendliche schreiben und sie damit an die Hand nehmen auf dem Weg in die Welt der Er- wachsenen. Auch hier hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht viel verändert. Die Autoren waren aus Sicht der Eltern meist die schlechteren Wegbegleiter. Das war schon in meiner Kindheit so, als Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf die deutschen Elternhäuser er- oberte. Heute schmunzeln wir darüber. Damals aber war nicht allen El- tern zum Lachen zu Mute angesichts einer so rotzfrechen wie starken Gö- re. Pippi veralberte schließlich leibhaftige Polizisten, behielt stets das letzte Wort und gab ihre Goldstücke nicht für sich, sondern für andere Kinder aus. Das passte nicht so recht in das Deutschland der 50-er Jah- re. Pippi lebt bis heute in vielen Kinderstuben. Der ungewöhnliche Erfolg dieser Figur lässt sich mit einem Satz von Astrid Lindgren erklären: „Pippi Langstrumpf ist ganz unabhängig von allen Erwachsenen und lebt ihr Leben, wie es ihr gefällt.“ Sie ist damit eine klassische Kinderbuch- heldin – wie übrigens auch ihr moderner Nachfahre Harry Potter. Für ihn erfüllt sich der Traum fast jedes Kindes, über sich hinaus zu wachsen und etwas Besonderes zu sein. Dabei geht es weniger um Abenteuer. Seine Zauberkraft setzt Harry vor allem ein, um im Alltag zu bestehen. Unumstritten ist auch Harry nicht. In England beklagen Eltern, dass Joan- ne K. Rowlings böse Geister und Magie verharmlost. In den USA sollen die Bücher in einigen Bundesstaaten sogar schon auf dem Index stehen, weil Fundamentalisten den christlichen Glauben gefährdet sehen. Auch in Deutschland gibt es Kritik – an den angeblich schlichten Charakteren und einer Handlung wie in einer Seifenoper. Wie gesagt – Autoren von Kinder- und Jugendbüchern haben es schon immer etwas schwerer ge- habt.Die Klagen über Harry sehe ich gelassen. Denn auch heute, wo ein ge- schicktes Marketing Auflagen und Absatz in die Höhe treiben kann, gilt doch die alte Weisheit: Kinder und Jugendliche lesen nur die Bücher, die Ihnen gefallen. Der kleine Harry muss also einen großen Reiz haben. Und 4 statt wieder einmal an der Lektüre des Nachwuchses herum zu mäkeln, sollten Erwachsene lieber versuchen, diesen Reiz zu ergründen. Und sie sollten sich darüber freuen, dass ihre Kinder nicht schon wieder zur Dis- kette sondern mal wieder gern zu einem Buch greifen. Die Pottermanie könnte übrigens gerade in Deutschland einen schönen Nebeneffekt haben. Sie könnte die alte Grenze zwischen Literatur für Er- wachsene und für Jugendliche weiter verwischen. Harry hat hierzulande längst einige gestandene Bücherwürmer verzaubert, die Bestsellerlisten gestürmt und Literaturkritiker gezwungen, ein Jugendbuch zu lesen und es zu besprechen. Ich hoffe, dass dies Schule macht. Warum? Die Antwort findet sich im Programm der Kinder- und Jugendbuchwochen. Auch in diesem Jahr beteiligen sich viele Autoren, die engagiert aktuelle Probleme aufgreifen – wie etwa die Situation von Menschen in Deutschland, die anders sind. Diese Autoren haben ihre Feder sehr nah am Puls der Zeit oder sind ihr sogar einen Tick voraus. Solche Trendsetter und Querdenker gehören nicht nur in die Kinderstube sondern auch ins Wohnzimmer. Um es zuge- spitzt zu formulieren. Die wichtigsten Bücher unserer Kinder müssen für uns Pflichtlektüre sein. Damit komme ich zum Schluss meiner Rede. Die diesjährigen Kinder- und Jugendbuchwochen bieten genügend Stoff für eine echte Erfolgssto- ry. Das Motto ist anspruchsvoll. Die Angebote der Büchereien überall in Schleswig-Holstein sind sehr attraktiv. Ich denke hier insbesondere an unseren Gastgeber. Die Bücherei in Eckernförde hat ein tolles Pro- gramm zusammen gestellt. Kurzum: Ich hoffe, dass die Buchwochen viele junge und auch ältere Menschen anlocken und sie sich ihre eigene Mei- nung bilden über das Motto „Anders oder artig – Ich bin Ich!“Herausgeber: Pressestelle des Schleswig-Holsteinischen Landtages, Düsternbrooker Weg 70, 24105 Kiel, Postf. 7121, 24171 Kiel, Tel.: (0431) 988- Durchwahl -1163, -1121, -1120, -1117, -1116, Fax: (0431) 988-1119 V.i.S.d.P.: Dr. Joachim Köhler, E-Mail: Joachim.Koehler@ltsh.landsh.de. Internet: http://www.sh-landtag.de