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Pflege: Konkrete Verbesserungen statt Staatszielbestimmungen
Südschleswigscher Wählerverband Schleswig-Holsteinischer Landtag im Schleswig-Holsteinischen Landtag Düsternbrooker Weg 70 D - 24105 Kiel Tel. (0431) 988 13 80 Fax (0431) 988 13 82 SSW-LandtagsvertretungPRESSEINFORMATION Norderstr. 74 D – 24939 Flensburg Tel. (0461) 14 40 83 00 Fax (0461) 14 40 83 05 Kiel, d. 28.09.2001 Anke Spoorendonk Es gilt das gesprochene WortTOP 23 + 48 Qualität in der Pflege & Heimaufsicht (Drs. 15/1187, 15/1174, 15/1231)Der Medizinische Dienst der Krankenkassen hat jetzt alle Heime in Schleswig-Holstein besucht.Die vom Landespflegeausschuss bestellten Prüfungen sind abgeschlossen, und das Ergebnis ist soerschütternd, wie man befürchten konnte. Erschreckend oft erfüllt die Pflege nicht dieAnforderungen der Pflegeversicherung. An unserer anfänglichen Diagnose ändert sich auch nachAbschluss der Untersuchung nichts: Es sind viele, die sich vorwerfen lassen müssen, nicht genugfür die Pflege getan zu haben.Viele Träger haben zu wenig unternommen, um die Qualität in ihren Einrichtungen zu gewähr-leisten. Die Kreise und kreisfreien Städte haben die Kontrolle nicht gut genug ausgeübt. DiePflegekassen scheinen den Preis so weit zu drücken, dass angezweifelt werden kann, ob dieAnforderungen mit den zur Verfügung stehenden Mitteln erfüllen lassen. Der Bundesgesetzgeberhat lange auf das Heimgesetz, das Pflegequalitässicherungsgesetz und andere wichtigeRegelungen warten lassen. Zudem bestehen noch erhebliche Mängel der Pflegeversicherung.Es sind viele Menschen, die sich fragen lassen müssen, wie solche Zustände in den Heimenzustande kommen. Nur eine Gruppe von Beteiligten hat keine Prügel verdient: Missstände dürfennicht dem Personal in der Altenpflege angelastet werden, denn es kann niemanden verwundern,dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unter den gegebenen Voraussetzungen nicht das Soll Internet: http://www.ssw-sh.de; e-mail:info@ssw-sh.de erfüllen können. Gefordert wird von diesen Menschen eine optimale medizinische, pflegerische,sozialtherapeutische und hauswirtschaftliche Versorgung - aber bitte möglichst im Minutentaktund zum Nulltarif. Die berufliche Realität sieht aber ein bisschen anders aus: HoheAnforderungen, starke psychische Belastungen, wenig soziale Anerkennung, eine geringeBezahlung, geringe Personalschlüssel, nicht erfüllte Fachkraftquoten und hohe Personal-fluktuation sind die Realitäten im Altenpflegebereich.Die Verbesserung der Pflegequalität fängt in den Köpfen der Leute an. Seit über einem Jahrzehntsind die Ansprüche an eine professionelle, fachgerechte Pflege gewachsen. Nicht zuletzt dieEinführung der Pflegeversicherung und die Entwicklung neuer Konzepte wie die aktivierendePflege mit dem Vorrang der Rehabilitation vor der Pflege haben die Grenzen dafür verschoben,was man „gute fachliche Praxis“ nennen könnte. Es wäre aber zu einfach, hohe Kriterien für diePflegequalität festzulegen um dann dem Personal vorzuwerfen, dass es diese nicht erfüllt. Es istSache der Politik, der Träger und der Pflegekassen dafür zu sorgen, dass diese Menschen auchwirklich die Qualifikation und die Ressourcen bekommen, die sie benötigen, um den Anforderun-gen an eine moderne Altenhilfe zu entsprechen. Das Pflegepersonal hat offensichtlich noch nichtausreichende Gelegenheit dazu gehabt, diesen Zuwachs an Professionalisierung und Qualitätnachzuvollziehen. Und die Träger haben vielfach nicht die entsprechende Professionalisierungdurch Bildungsmaßnahmen gefördert. Die Pflegeversicherung mit ihrer strengen Ökonomie hatauch nicht gerade die Übererfüllung von Fachkraftquoten provoziert. Deshalb ist es gut, dassheute die Aus- und Fortbildung und die Qualitätssicherung ganz oben auf der Tagesordnungstehen. Und daher ist es auch begrüßenswert, dass die Ergebnisse der MDK-Prüfungen von denBeteiligten in erster Linie jetzt nicht für Schuldzuweisungen genutzt werden, sondern in ersterLinie zukunftsgerichtet als Grundlage eines Lernprozesses. Alles andere würde die betroffenenMenschen noch mehr belasten und demotivieren, und es würde der Attraktivität desAltenpflegeberufs noch mehr schaden. Internet: http://www.ssw-sh.de; e-mail:info@ssw-sh.de Im Dänischen sagt man, dass nichts so schlecht ist, dass es nicht für irgendetwas gut ist, und dasgilt auch für die Horrormeldungen der letzten Monate über Missstände in den Pflegeheimen unse-res Landes. So schlimm die Befunde des MDK sind, so wichtig ist es auch gewesen, dassFachleute, Politik, Medien und Öffentlichkeit ihre Aufmerksamkeit auf die große Bedeutungdieses Bereiches gelenkt haben. Es ist notwendig, dass wir uns darüber im klaren werden, welchePflege wir wollen, und wie viel wir in menschenwürdige Pflege investieren wollen. In diesemSinn ist die Idee einer Enquetekommission auch grundsätzlich begrüßenswert.Denn wir werden nicht um die Frage umhin kommen, ob es nicht notwendig ist, auch mehr in diePflege zu investieren. Es ist nicht nur das Qualitätsniveau in unseren Pflegeeinrichtungen, an demes hapert. Vor allem die Pflegeversicherung als strukturelle Grundbedingung der meistenPflegetätigkeiten hier im Lande fördert nicht gerade die Pflegequalität, wenn sie nach demStoppuhr vorgeht und keine menschliche Zuwendung berücksichtigt. Denn es ist fragwürdig, obsich diese beiden Dinge trennen lassen, wenn es um gute Pflege geht. Eben diese Aufteilungspiegelt sich aber in den Prüfungen wider. Der MDK hat sich nur die medizinisch-pflegerischeProzessqualität der Pflege angesehen. Niemand außer den Pflegebedürftigen, dem Pflegepersonalund die Angehörigen bewertet die menschliche Qualität, die persönliche Zuwendung, die in derPflege stattfindet. Genau so wichtig wie korrekt geführte Akten ist aber die Lebensqualität derBewohnerinnen und Bewohner. Die kann nur entstehen, wenn das Pflegepersonal Zeit hat.Aber natürlich gedeiht kein Mensch in einem Heim, wenn er ausgetrocknet ist oder wegenBewegungsmangels unter Kontrakturen leiden muss. Das sind Dinge, die eigentlich schon früheraufgefallen sein müssten. Deshalb ist klar, dass die Kreise und kreisfreien Städte als Träger derHeimaufsicht auch nicht ihre Aufgaben wahrgenommen haben. Sie sind es, die die Kontrolle inden Heimen schon viel früher hätten ausüben müssen. Diese Kontrollen müssen in Zukunftfunktionieren, und dafür brauchen wir die Unterstützung unserer Kommunalpolitikerinnen undKommunalpolitiker. Sie müssen in Zukunft die gewissenhafte Erfüllung der Heimaufsicht Internet: http://www.ssw-sh.de; e-mail:info@ssw-sh.de kontrollieren und auf eine bessere Qualifizierung des Personals in diesem Bereich drängen. DerSSW hat aber immer noch Vertrauen in die kommunale Ebene. Deshalb lehnen wir Vorschlägeab, die Heimaufsicht nach dem Heimgesetz zukünftig durch das Sozialministerium durchführenzu lassen, wie es die Kollegin Kleinert angeregt hat.Aber nicht nur der Vorschlag der Landesvorsitzenden der Senioren-Union ist problematisch. Auchder vorliegende Antrag hat so seine Tücken. Wir unterstützen die Pflegequalitätsoffensive desSozialministeriums. Aber es ist albern, wenn die Landesregierung aufgefordert werden soll, sichfür die Einrichtung einer Pflege-Enquetekommission des Bundestages einzusetzen. Ich will nichtmissverstanden werden: Es ist nicht falsch, wenn sich das Parlament mit der Zukunft der Pflege inunserer Gesellschaft auseinandersetzen soll. Diese Art der Bewegung ist schließlich letztlich auchdafür verantwortlich gewesen, dass die Pflegeversicherung eingerichtet wurde, und dass wir heuteso hohe Ansprüche an eine professionelle Pflege stellen. Nur eines ist falsch: der Adressat. Wenndie Grünen und die SPD sich so etwas im Bundestag wünschen, dann sollen sie das nicht derLandesregierung mitteilen, sondern vorzugsweise ihren Bundestagsabgeordneten.Außerdem bitte ich nicht nur die Regierung, ihren Bemühungen um die unabhängige Beratungvon Pflegebedürftigen, Pflegepersonal, Angehörigen und Einrichtungen fortzusetzen, auszuweitenund zu vernetzen. Ich erwarte von der Regierung und fordere sie dazu auf, dafür zu sorgen, dassalle Bürgerinnen und Bürger gut beraten werden.Ein letztes: Es hat ja auch schon Anregungen gegeben, der Pflege Verfassungsrang zuverschaffen. Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbände stützen eine Volksinitiative, die zum Zielhat, die Forderung nach einer menschenwürdigen Pflege in die Landesverfassung aufzunehmen.Für den SSW ist dieses aber keine Lösung. Mit Staatszielbestimmungen – das wissen wir aus derMinderheitenpolitik – lässt sich unsere Gesellschaft nicht verändern. Internet: http://www.ssw-sh.de; e-mail:info@ssw-sh.de